Flüchtlinge aufnehmen statt abwehren
"Rettet Leben - schützt Flüchtlinge!": Aktion von Amnesty International am 8. Mai 2010 am Bondi Beach in Sydney, Australien.
© James Morgan
Die deutsche Amnesty-Sektion war in den siebziger Jahren eine der ersten, die sich im Bereich Flüchtlinge und Asyl engagierte. Heute setzten sich die Mitglieder unter anderem mit der bundesweiten Kampagne "Save me" für einen besseren Schutz von Flüchtlingen ein. Ingeborg Heck-Böckler aus Aachen ist eine der Mitkoordinatoren der Kampagne. Sie engagiert sich seit Jahrzehnten im Flüchtlingsschutz – und muss dabei immer wieder gegen Vorurteile ankämpfen.
Ingeborg Heck-Böckler ist seit über 30 Jahren Mitglied bei Amnesty International und in Aaachen und NRW die Anprechpartnerin für die "Save me"-Kampagne.
"Flüchtlinge wollen nur unser Sozialsystem ausnutzen", "Das Boot ist voll" oder "Deutschland hat genug eigene Probleme" – Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich mir solche Sätze schon auf Podiumsdiskussionen, in Lobbygesprächen und bei Infoständen in der Fußgängerzone habe anhören müssen. Seit über 30 Jahren bin ich Mitglied bei Amnesty International. Der Schutz von Flüchtlingen und die Unterstützung von Asylsuchenden in Deutschland war mir dabei immer ein besonders wichtiges Anliegen. Dass ich damit nicht überall auf Verständnis stoßen würde, war mir von Anfang an bewusst.
Aber es freut mich, wenn die Menschen ihre Bedenken äußern. Denn so komme ich mit ihnen leichter ins Gespräch und kann ihnen erklären, dass viele ihrer Ängste unbegründet und manche Vorwürfe schlicht und einfach falsch sind. So lange ein Flüchtling beispielsweise nur geduldet ist und sein Asylantrag bearbeitet wird (was oft Jahre dauert), darf er überhaupt nicht arbeiten, obwohl er möchte. Wie kann man ihm da vorwerfen, er wolle nur auf der faulen Haut liegen und das Sozialsystem ausnutzen? Man gibt ihm ja gar keine Möglichkeit, selbst für sich zu sorgen. Wenn Flüchtlinge einer geregelten Arbeit nachgehen könnten, würde dies auch ihr Selbstwertgefühl steigern und ihnen helfen, sich in einem fremden Land zurechtzufinden.
Die meisten von ihnen haben schreckliche Dinge erlebt und sind traumatisiert. Am liebsten wären sie in ihrer Heimat geblieben, doch Krieg und Gewalt haben ihnen keine andere Wahl gelassen, als zu fliehen. Und genau deshalb brauchen diese Menschen unseren Schutz und unsere Unterstützung.
Flucht vor Krieg und Gewalt: Dieser Arbeiter aus Bangladesch versuchte im Februar 2011 vor den schweren Kämpfen in Libyen nach Ägypten zu fliehen. Doch an der Grenze wurde ihm die Einreise verweigert.
© UNHCR / P. Moore
Dafür setze ich mich in der Aachener Asylgruppe von Amnesty ein. In den Asylsprechstunden informieren wir Flüchtlinge unentgeltlich über das Asyl- und Ausländerrecht, helfen beim Ausfüllen von Anträgen, vermitteln Kontakte zu Rechtsanwälten und begleiten Asylsuchende bei Gerichtsterminen und Behördengängen.
Darüberhinaus bin ich in Aachen und NRW die Ansprechpartnerin und Mitkoordinatorin der bundesweiten "Save Me"-Kampagne, die die deutsche Amnesty-Sektion seit 2008 unterstützt. Die beteiligten Organisationen arbeiten darauf hin, dass Deutschland jährlich im Rahmen eines freiwilligen Neuansiedelungsprogramms ("Resettlement") ein bestimmtes Kontingent von Flüchtlingen direkt aus den Krisenländern oder deren Nachbarregionen rettet und dauerhaft aufnimmt.
Weltweit sind Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Gewalt, doch nur ein Teil von ihnen erreicht die unmittelbaren Nachbarstaaten. Diese haben jedoch nicht die Kapazitäten für die Aufnahme einer großen Zahl von Flüchtlingen. Die Fluchtwege nach Europa sind weit, teuer und gefährlich. Tausende versuchen es trotzdem und sterben auf der Flucht.
Um ihnen dieses Schicksal zu ersparen, fordern wir mit der "Save Me"-Kampagne, Flüchtlinge aus den schwierigen Verhältnissen in den Erstaufnahmestaaten heraus nach Deutschland zu holen. Der Staat soll Flüchtlinge aufnehmen, und nicht länger abwehren.
Hart an der Grenze: Die Asylgruppe des Amnesty-Bezirks Berlin-Brandenburg machte am 1. Oktober 2011 auf dem Potsdamer Platz auf die Situation von Flüchtlingen an den europäischen Außengrenzen aufmerksam.
© Amnesty International / Dario Sarmadi
Bereits 56 Städte unterstützen die Kampagne, insgesamt mehr als 7.000 sogenannte ehrenamtliche Paten helfen den Flüchtlingen bei der Integration in die Gesellschaft. Ende vergangenen Jahres wurde der Zusammenschluss der Kampagnenstädte aus NRW beim Wettbewerb "Aktiv 2011 für Demokratie und Toleranz" als "vorbildliches Projekt" eingestuft und mit einem Preis ausgezeichnet.
Auch in Aachen haben wir bereits sehr gute Erfahrungen mit einer geordneten Aufnahme gemacht. 30 irakische Flüchtlinge wurden aus Syrien und Jordanien ausgeflogen und haben hier Schutz und eine sichere Zukunftsperspektive erhalten.
Dass man in der Arbeit mit Flüchtlingen immer wieder mit traurigen Schicksalen konfrontiert wird, lässt sich nicht vermeiden. Doch in all den Jahren, in denen ich mich bei Amnesty engagiere, hat es kaum einen Flüchtling gegeben, mit dem ich in der Sprechstunde nicht auch mal herzlich gelacht habe. Meine Begeisterung für die Kampagne ist daher ungebrochen.
Nicht zuletzt auch deshalb, weil wir vergangenes Jahr einen Durchbruch feiern konnten: Die Innenministerkonferenz in Wiesbaden hat am 9. November 2011 eine dauerhafte Beteiligung Deutschlands bei der Aufnahme besonderes schutzbedürftiger Flüchtlinge beschlossen hat. Das ist ein Erfolg, auch wenn die zugesagten Plätze von jährlich 300 Flüchtlingen in den nächsten drei Jahren gering sind. Es bleibt daher viel zu tun.
Unser Ziel muss es weiterhin sein, in vielen Städten "Save me"-Kampagnen ins Leben zu rufen und aufrechtzuerhalten. Sie sind eine gute Möglichkeit, auf die Flüchtlingsproblematik hinzuweisen und dafür zu werben, dass Deutschlands mehr Verantwortung im Flüchtlingsschutz übernimmt. Denn Flüchtlinge brauchen unsere Hilfe.
Setzen auch Sie sich ein für den Schutz von Flüchtlingen. Unterstützen Sie die "Save me"-Kampagne mit Ihrer Unterschrift, beteiligen Sie sich an der lokalen "Save me"-Kampagne in Ihrer Gemeinde oder gründen Sie selbst eine lokale "Save me"-Initiative!
Aufsehenerregende Aktion auf der Spree: Amnesty International und Pro Asyl forderten gemeinsam mit Schauspieler Benno Fürmann am bundesweiten Flüchtlingstag am 28.09.2011 die deutsche Regierung auf, Flüchtlinge aus Nordafrika aufzunehmen. Video bei Youtube