Fakt oder Fiktion: Authentifizierung von YouTube-Videos für die Menschenrechtsarbeit
Christoph Koettl von der "Crisis Prevention and Response Unit" von der US-Sektion von Amnesty International berichtet in diesem Blog-Beitrag über ein von ihm entworfenes Online-Tool, mit dem Menschenrechtsorganisationen und -aktivistInnen feststellen können, ob ein Video echt oder gefälscht ist.
Bei Krisen oder Katastrophen wird häufig über YouTube Filmmaterial in Umlauf gebracht – und manchmal auch Videos, die schon alt oder gar gefälscht sind. Menschenrechtsorganisationen und ‑aktivistInnen, JournalistInnen und ErsthelferInnen stehen daher vor der schwierigen Aufgabe, Fakt und Fiktion voneinander zu trennen. Jetzt gibt es eine Webseite, die ihnen dabei hilft.
Das Citizen Evidence Lab, das seit einigen Tagen zur Verfügung steht, ist ein bisher einmaliges Verifizierungstool für Menschenrechtsorganisationen und -aktivistInnen, mit dem schnell YouTube-Videos überprüft werden können, das aber auch eine umfassendere Beurteilung ermöglicht.
Für Menschenrechtsorganisationen wird dies immer wichtiger. Erst vergangenen Freitag kam bei mir ein Video an, in dem bewaffnete Männer zu sehen waren, die – vorgeblich in Syrien – einige in Gewahrsam genommene Männer erschossen. Dieses Video war am Tag zuvor bei YouTube hochgeladen und in andere Social-Media-Kanäle eingestellt worden. Mit dem Citizen Evidence Lab konnte ich in zwei Minuten herausfinden, dass es sich dabei in Wirklichkeit um alte Aufnahmen handelte.
Wenige Monate zuvor war verschiedenen Menschenrechtsgruppen ein sehr anschauliches Video, angeblich aus dem Südsudan, vorgelegt worden. Wie sich letztlich herausstellte, war dasselbe Video bereits vor einigen Jahren bei YouTube eingestellt worden – wobei einige Quellen behaupteten, die Aufnahmen seien aus Kenia, und wieder andere angaben, sie stammten aus Myanmar.
In beiden Fällen brachte eine einfache Bilder-Rückwärtssuche ("reverse image search") der Video-Thumbnails frühere Versionen der Aufnahmen ans Licht. Mit dem neuen DataViewer-Tool ist dies nun jedem im Handumdrehen möglich. In Krisensituationen ist solch ein schnelles Verifizierungsverfahren unverzichtbar.
Oft müssen Aufnahmen jedoch noch eingehender geprüft werden. Während der gewaltsamen Unruhen in Kairo im August 2013 wurde ein Video veröffentlicht, in dem vorgeblich zu sehen war, wie Protestierende ein Polizeiauto von einer Brücke schubsen. In einem zweiten Video, das den Vorfall aus einem anderen Blickwinkel zeigte, konnte ich jedoch sehen, wie das Polizeiauto offenbar mit einem anderen Wagen zusammenprallte, nach hinten rollte und daraufhin von der Brücke stürzte. Darüber hinaus war es mir anhand der Orientierungspunkte in der Umgebung – wie z. B. einem Fußballstadion neben der Brücke – möglich, die genaue Lage des Vorfallortes zu bestimmen. Alles bequem von meinem Büro in Washington aus, mithilfe von Online-Tools wie Google Earth.
Natürlich sind das Prüfen auf frühere Versionen desselben Videos und die Feststellung des Vorfallortes nur zwei Schritte in einem größeren Verifizierungsprozess. Alle Schritte und Tools werden ausführlich in dem Leitfaden "Stress Test for YouTube videos" erklärt.
Entscheidende Veränderungen
Die unzähligen Video- und Bildaufnahmen, die heute von Menschen wie du und ich auf digitalen Social-Media-Plattformen zur Verfügung gestellt werden, bringen entscheidende Veränderungen für meine Arbeit mit sich. Als ich vor sieben Jahren bei Amnesty International angefangen habe, habe ich mir anhand von Satellitenbildern spärliche Informationen über unzugängliche Konfliktgebiete zusammengesucht. Jetzt sehe ich mich einer wahren Informationsflut und einer viel höheren Detailgenauigkeit gegenüber. Um mit den Chancen und Herausforderungen dieser neuen Medien angemessen umgehen zu können, benötigen wir neue Kenntnisse und Instrumente.
Mit dem Citizen Evidence Lab möchte ich einige dieser Instrumente mit anderen teilen. Ich hoffe, dadurch den Verifizierungsprozess noch zu verbessern – ganz im Sinne von Open Source Software, die auch als sicherer gilt, da sie ausgiebig getestet und überprüft wird. So können wir der Verbreitung von Falschinformationen in Krisenzeiten vorbeugen.
Weitere Informationen zum Thema "Technologie und Menschenrechte" finden Sie unter: Amnesty International launches new App to fight attack, kidnap and torture