Amnesty Journal Namibia 01. Januar 2020

Die Trauerhelferin

Porträtfoto von Trixie Munyama, die vor einer rostigen Metallwand steht und ernst in die kamera blickt.

Narben zeigen: Die Choreografin Trixie Munyama kritisiert den Umgang der namibischen Regierung mit dem Genozid.

Die namibische Choreografin Trixie Munyama verarbeitet das Schweigen über die Schrecken der deutschen Kolonialvergangenheit.

Aus Yaoundé Elisabeth Wellershaus

Misstrauisch schauen die beiden jungen Frauen auf ­einen Stock, der vor ihnen auf dem Boden liegt. Den langen Weg, den sie mit anderen Zuschauern aufs Nationalmuseum in Yaoundé zugeschritten sind, haben sie hinter sich – ebenso das Reinigungsritual, die weinende Frau am Fuße des Hügels und die Tamtam-Spieler, die der Verstorbenen gedenken. Sechs oder sieben Stationen haben sie im Dunkeln passiert, sind vor intimen Szenen der Trauer stehen geblieben. Doch vor diesem Stock ist jetzt Schluss. "Ist das wirklich noch Theater?", fragen sie, als sie im Park vor dem ehemaligen kamerunischen Präsidentenpalast durch Trixie Munyamas Performance laufen. Wer weiß, mit welchen Ritualen die namibische Theatermacherin hier experimentiert? Die emotionale Wucht ihres inszenierten Trauermarsches nimmt die Zuschauer sichtlich mit.

"The Mourning Citizen" ist Auftakt für die Veranstaltungsreihe "The Burden of Memory". Knapp hundert Kulturschaffende sind dafür nach Yaoundé gereist, manche mischen sich jetzt unters Publikum.

Eingeladen vom Goethe Institut wollen sie sich mit einem Thema beschäftigen, das vielen Deutschen als "geschichtliche Randnotiz" gilt, in afrikanischen Ländern aber Traumata ausgelöst hat, die bis heute nachwirken: die deutsche Kolonialvergangenheit.

Seit dem politischen und juristischen Tauziehen um den Genozid an Herero und Nama wird seit ein paar Jahren verhalten darüber diskutiert. Insgesamt aber steht die Auseinandersetzung noch relativ am Anfang – auch im innerafrikanischen Raum. Schon an diesem Abend zeigt sich: Die Kulturkollegen aus Tansania, Ruanda, Burundi, Togo und ­Kamerun wissen wenig über die Ereignisse, die in den jeweils anderen Ländern stattgefunden haben. Namibias Wunden, die Munyama beklagt, sehen viele zum ersten Mal deutlich.

Das koloniale Trauma künstlerisch verarbeiten
Sie selbst weiß erst seit Kurzem um das genaue Ausmaß der Gewalt, die deutsche Kolonialherren in ihrem Land verübt haben. 2015 begann sie mit ihren Recherchen und entfernte sich dabei zunehmend von den ästhetischen Choreografien, mit ­denen sie bekannt wurde. Ihr Interesse am kolonialen Trauma wurde immer größer.

Munyama arbeitete sich durch das namibische Nationalarchiv, las Aufzeichnungen über Lothar von Trothas Vernichtungsbefehl von 1904, sah sich koloniale Fotografien von Herero und Nama an – Bilder von Menschen, die verdursteten, in Konzentrationslagern litten, zu Zehntausenden ermordet wurden. "Wie kann es sein, dass wir die Trauer darüber so vernachlässigen?", fragte sie sich.

Am kommenden Tag erfährt Munyama, dass zwei Minister ihres Landes zurücktreten mussten. "Korruption gehört bei uns zum Tagesgeschäft", sagt sie. Und sie erzählt, dass zwischen undurchsichtigen Strukturen der aktuellen SWAPO-Regierung (South-West Africa People’s Organisation) und dem Helden­mythos aus Befreiungszeiten kaum Raum für Trauer bleibe: nicht für die öffentliche Auf­arbeitung des Kolonialismus, der Apartheid oder der Verbrechen, die während der Befreiungskämpfe – unter anderem in den Kerkern des SWAPO-­Sicherheitsapparats – verübt wurden.

Als Teenager zogen ihre Eltern in den Krieg
Munyamas Eltern waren 16 und 17, als sie Ende der 1970er Jahre mit der SWAPO in den Krieg gegen das Apartheid­regime zogen. Sie selbst ist eines der Kinder, die in Lagern außerhalb Namibias aufwuchsen. Ihr Camp lag im Dschungel von Angola, dort ging sie zur Schule, wurde mit Befreiungsideologien gefüttert und tanzte als Leiterin einer Kindertanztruppe vor hohen SWAPO-Funktionären.

"Wenn wir nur Poster von Sam Nujoma sahen – dem späteren `Gründungsvater der namibischen Nation´ –, fingen wir an zu heulen. Er erschien uns wie ein Heiliger, wie unser aller Retter."

Wenn die Anführer ins Lager kamen, war Munyamas Tanzgruppe für Unterhaltung zuständig. Zehn Jahre im Wald von Angola – entsprechend lange dauerte es, bis sie den Kulturschock überwand, den ihr Umzug nach London auslöste. Bis sie das neue Umfeld ihrer Mutter annahm, die von der SWAPO nach Europa geschickt worden war, um als Krankenschwester ausgebildet zu werden.

"Immer nur für andere getanzt"
In den ersten Wochen in Großbritannien weigerte sich Munyama, Schuhe anzuziehen, sie vermisste das strukturierte Lagerleben, das Trommelspiel der alten Frauen im Camp. Die Sehnsucht nach ihren Tänzen war so stark, dass ihre Mutter sie schließlich bei einer Jazztanzgruppe anmeldete. Jahre später studiert sie in Kapstadt Tanz, gründet in Windhoek ihre eigene Company und unterrichtet an der Kunsthochschule. Es dauert jedoch weitere Jahre, bis sie das Paradies, als das die SWAPO ihr die Heimat verkaufte, öffentlich kritisiert. "Die Erkenntnis kam vor etwa zwei Jahren. Die Erkenntnis, dass ich immer aus der Perspektive anderer gedacht, für andere getanzt habe", sagt sie. Konzentriert blickt Munyama auf die Szenen in den Straßen von Yaoundé, auf Mütter, die auf dem Bürgersteig mit ihren Kindern Erdnüsse verkaufen, auf junge Männer, die versuchen, ein Paar Schuhe an den Mann zu bringen. "Für sie mache ich heute meine Arbeit, für ganz normale Menschen."

Psychologische Schatten: Angst vor den eigenen Ritualen
Am vorletzten Konferenztag treffen sich die Kulturschaffenden in der ehemaligen Zensurbehörde von Yaoundé, Munyama sitzt auf dem Podium. Sie erzählt von den psychologischen Schatten, die die Kolonialvergangenheit bis ins heutige Namibia wirft. "Afrikaner haben heute Angst vor ihren eigenen Ritualen", sagt sie. "Das Christentum hat sie uns abtrainiert, wir leiden längst selbst unter Afrophobie." Gerade junge Menschen hätten noch immer das Gefühl, einer weißen Minderheit zu dienen. Es sind die unaufgearbeiteten Gräuel, die sie noch immer verfolgen. Auch das Fortleben einer systematischen Abwertung ihrer Identitäten. Doch Therapien kosten Geld.

Mit "The Mourning Citizen" spricht Munyama deshalb nicht nur ein europäisches Publikum an. Sondern auch die eigene Gesellschaft, die sich – noch immer vom Unabhängigkeitssieg berauscht – schwierige Themen wie HIV, Korruption oder die offene Auseinandersetzung über Landfragen vom Leib hält.

"Natürlich haben wir auch hausgemachte Probleme im Land", sagt die Theatermacherin. Doch allein die Tatsache, dass die Nachkommen einstiger deutscher Siedler noch immer große Teile der landwirtschaftlichen Nutzflächen besitzen, zeige deutlich, wie gegenwärtig die Verstrickungen zwischen Namibia und Deutschland sind.

Gewalt macht den Großteil der "gemeinsamen" Geschichte aus, eine Gewalt, die Munyama nicht mehr kleinreden will. Doch genauso wenig will sie in der Wut verharren. Ganz am Ende schlägt sie in "The Mourning Citizen" versöhnliche Töne an. "Der Stock, vor dem die Frauen aus Kamerun sich gefürchtet haben, ist ein Symbol des Loslassens", erzählt sie.

"Wenn die Trauer überwunden ist, steigt man darüber – in eine neue Zukunft." Eine Zukunft, die vor allem neue Narrative brauche, wie Munyama zum Abschied sagt. Narrative, in denen die afrikanische Perspektive deutlich vorkomme, in denen Geschichte offen verhandelt werde. "Und in der wir die Narben der Vergangenheit nicht mehr überschminken."

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