Amnesty Journal Jemen 01. November 2019

"Ganze Generationen werden ihrer Zukunft beraubt"

Eine Frau in roter Jacke, daneben Blum.

Die humanitäre Helferin Rasha Jarhum

Rasha Jarhum gründete 2015 die Peace Track Initiative, eine Frauenorganisation, die sich für Frieden im Jemen einsetzt.  Im September erhielt sie in Verden den Anita-Augspurg-Preis "Rebellinnen ­gegen den Krieg" der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF).

Interview: Markus Bickel

Bis 2015 arbeiteten Sie als humanitäre Helferin im Libanon mit geflüchteten Syrern. Warum haben Sie diese Arbeit aufgegeben und stattdessen die Peace Track Initiative gegründet?

Als der Krieg im Jemen begann, hatte ich das Gefühl, alles tun zu müssen, um ihn sofort zu beenden. Es schien mir wichtiger, den Friedensprozess in den Mittelpunkt meiner Arbeit zu rücken, als mich mit den Folgen eines Kriegs zu beschäftigen.

Sind die Kriege in Syrien und im Jemen vergleichbar?

Politisch nicht, da sind die Dynamiken zu unterschiedlich. Was die humanitäre Situation anbelangt, so ist der Jemen in ­einem viel schlechteren Zustand, sei es bei medizinischer Versorgung, Ernährung oder Bildung. Ein Unterschied ist auch, dass es vielen Syrern möglich war, ihr Land zu verlassen. Weil sie mit besseren Ressourcen ausgestattet waren und sind, leben sie nun in der ganzen Welt verstreut. Im Jemen hingegen sind die meisten Geflüchteten im Land geblieben. Mindestens zwei Generationen werden hier ihrer Chancen auf Ausbildung beraubt. Und auch die, die das Land verlassen konnten, haben vielerorts keinen Zugang zu Schulen oder Universitäten, weil ­ihnen die entsprechenden Papiere fehlen. Vor allem Frauen ­verlieren so Jahre ihres Lebens, ihre Zukunft wird ihnen ­gestohlen.

Inwiefern sind Frauen von diesem Krieg besonders betroffen?

Alle Konfliktparteien haben sexuelle Gewalt gegen Frauen verübt. Das Ausmaß lässt sich allerdings nur schwer messen, weil Vergewaltigungen mit einem großen sozialen Stigma belegt sind, sodass kaum jemand wagt, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Wer es dennoch macht, beweist viel Mut, was ich bewundere. Übrigens sind nicht nur Frauen von sexueller Gewalt betroffen, sondern auch Männer, Mädchen und Jungen.

Frauen standen bei den Protesten gegen Präsident Ali Abdullah Salih 2011 in der ersten Reihe. Was ist aus ihnen geworden?

Trotz sozial diskriminierender Normen und Gesetze sorgen Frauen im Jemen weiter für gesellschaftlichen Wandel. 2011 führten sie Demonstrationen an und mobilisierten die Massen. So schafften sie es auch, sich einen Platz in den politischen ­Institutionen zu sichern und politisch gut repräsentiert zu sein. Seit Ausbruch des Krieges hat sich die Situation jedoch enorm verschlechtert: Bei den Friedensgesprächen in Stockholm etwa war gerade mal eine Frau vertreten. Das hält uns aber nicht davon ab, für weitere Friedensinitiativen mit einer Delegation von Frauen bereitzustehen.

Ein Grund für den Krieg war das Scheitern des Nationalen Dialogs, der unter anderem die Entwaffnung von Milizen vorsah.

Jemen war schon vor dem Krieg ein hoch militarisiertes Land, zwei von drei Haushalten verfügten über eine oder mehrere Waffen, wir befanden uns unter den Top Ten der Welt. Mit dem Erstarken von Gruppen wie den Houthis und Al Qaida kamen weitere Waffen ins Land. Hinzu kommen die offiziellen Transfers an die Verbündeten der lokalen Milizen – über Saudi-Arabien etwa oder die Vereinigten Arabischen Emirate.

Was muss passieren, um das zu ändern?

Um eine friedliche Gesellschaft aufzubauen, ist der einzige Weg, ein demokratisches System zu schaffen, in dem die Rechte aller respektiert werden. Starke Entwaffnungsprogramme müssen aufgesetzt werden, nicht zuletzt, um Tausende Kindersoldaten aus den Fängen der Kriegsparteien zu befreien. Und nur durch einen ernsthaften Prozess der Versöhnung und Vergangenheitsbewältigung wird es gelingen, dass nachfolgende Generationen einmal ohne Krieg aufwachsen.

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