Amnesty Journal Deutschland 26. Juli 2017

Umtata mit Oud

Gruppenfoto der Band "Banda Internationale" in einem Innenhof

In der Banda Internationale aus Dresden spielen alteingesessene und geflüchtete Musiker. Dadurch ist die sächsische Blaskapelle zu einem Vorzeigeprojekt geworden.

Von Daniel Bax

Freital war der Wendepunkt. "Kurz vor den Sommerferien 2015 kochte die Stimmung dort hoch", erinnert sich der Klarinettist Michal Tomaszewski. Seine Kapelle reiste aus Dresden in die südwestlich gelegene Kleinstadt, gab Freikonzerte in Flüchtlingsunterkünften und spielte für Geflüchtete und deren Helfer auf. "Wir haben dort einige Tage verbracht und fanden die Atmosphäre unglaublich furchtbar. Es kamen immer mehr Leute, die Zustände wurden immer unerträglicher." Als Musiker wollten sie dieser Situation etwas entgegensetzen. 

Monatelang hatten rechte Gruppen um den Pegida-Gründer Lutz Bachmann gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft mobil gemacht. Die Ankunft neuer Flüchtlinge im Sommer 2015 wurde von gewalttätigen Protesten und Anschlägen auf Unterkünfte und linke Politiker begleitet, acht Mitglieder einer rechtsextremen "Bürgerwehr" stehen deshalb seit März vor Gericht. Klarinettist Tomaszewski und seine Mitstreiter aber suchten ­damals unter den Neuankömmlingen nach Musikern für ihre Band. Sie halfen ihnen, sich Instrumente zu besorgen, luden sie zu Proben ein und lernten, ihre Lieblingslieder zu spielen. "Wir haben uns selbst abgeschafft und uns neu erfunden", sagt Tomaszewski über diese Zäsur.  

Als "Banda Comunale" waren er und seine Kompagnons bis zu diesem Zeitpunkt bereits knapp 15 Jahre lang aktiv gewesen. Die elfköpfige Blaskapelle hatte mit ihrem Mix aus Funk, Ska, Cumbia und Balkan-Brass zunächst gegen Naziaufmärsche und später gegen die aufkommende Pegida-Bewegung angespielt. Michal Tomaszewski, der eine dicke Brille und gern einen Hut trägt, war von Anfang an dabei. Kurz vor der Wende war er als Kind mit der Familie aus Polen nach Niedersachsen gezogen. 1999 kam er nach Dresden, um dort seinen Zivildienst zu leisten, und blieb hängen. Mit einigen Freunden gründete er zwei Jahre später, nach dem Vorbild italienischer Dorfkapellen, die Banda Comunale.

Heute besteht deren Nachfolgerin, die Banda Internationale, aus bis zu 20 Musikern – ungefähr zur Hälfte aus Alteingesessenen und zur Hälfte aus Geflüchteten. Neben Schlagzeuger Arne Müller und dem Gitarristen und Percussionisten Ezé Wendtoin, den es ursprünglich mal zum Germanistikstudium aus Burkina Faso nach Dresden verschlug, gehört Michal Tomaszewski zu den treibenden Kräften. Ihre "neue sächsische Volksmusik", die sich aus den Heimatmelodien all jener Länder zusammensetzt, aus denen die Musiker stammen, ist der Versuch, "dem Konstrukt einer fixen Leitkultur etwas entgegenzusetzen", wie Tomaszewski sagt. 

Kann Musik wirklich Menschen über alle Unterschiede hinweg verbinden? "Ja", antwortet Michal Tomaszewski prompt, und er erzählt, wie seine Band 2015 erstmals in einem provisorischen Zeltlager in Dresden zu Gast war. In den beengten Verhältnissen hatte es zuvor einige Konflikte gegeben, doch für einen Moment waren die vergessen. "Am Ende haben alle miteinander getanzt«, sagt Tomaszewski, »mehr kann man nicht erreichen."

Auf dem Album "Kimlik" kann man hören, wie der gelebte Brückenschlag klingt. Es eröffnet mit dem Gassenhauer "Ya Rayah", einem algerischen Song, den man auch auf dem Balkan kennt. Es gibt Ausflüge in Cumbia und Klezmer und Eigenkompositionen wie "Brummkreisel", die aus mitteleuropäischen Traditionen schöpfen. Der nahöstliche und arabische Einschlag ist aber unüberhörbar, und das musikalische Zusammenspiel gar nicht so einfach. "Als Blaskapelle müssen wir uns zurücknehmen, um Saiteninstrumente wie die Oud-Laute und die Zither Kanun zu integrieren", erläutert Tomaszweski. Für Tontechniker sei das eine echte Herausforderung. 

"Wir haben nicht den Anspruch, eine professionelle Band zu sein", sagt er. Dennoch wird die Kapelle in diesem Jahr im thüringischen Rudolstadt mit dem Weltmusik-Preis ausgezeichnet. "Wir sind ein Vorzeigeprojekt geworden", sagt Tomaszewski. Deshalb häufen sich die Anfragen, auch von sächsischen Politikern. Im vergangenen Jahr gab die Banda über 60 Konzerte, und ein Ende der Nachfrage ist nicht in Sicht. "Wir hatten uns vorgenommen, dieses Jahr weniger aufzutreten, aus Rücksicht auf unsere Familien und unsere Jobs. Aber wir haben uns damit abgefunden, dass es so intensiv weitergeht."

Der Grund für die massive positive Resonanz? "Wir sind keine Punkband und keine Antifa-Kapelle. Bei uns kann auch mal die Oma mitwippen." Ein weiterer Grund ist, dass die Banda Internationale für ein anderes, weltoffenes Sachsen steht. Im vergangenen Jahr erhielt die Band als "Integrationsprojekt" ­sogar öffentliche Förderung. Die Musiker gehen in sächsische Schulen und bieten dort Workshops an, die geflüchteten Musiker stellen sich den Fragen der Kinder. Daneben gibt es ein Bandprojekt mit unbegleiteten geflüchteten Jugendlichen. Nicht zuletzt stehen die alteingesessenen Musiker ihren geflüchteten Kollegen auch bei Behördengängen und Arztbesuchen bei oder helfen bei der Wohnungs- und Jobsuche. Als Musiker dürfen die meisten von ihnen kein Geld verdienen, sondern nur ehrenamtlich für die Kapelle tätig sein – das steht sogar in ihren Papieren. "Vielleicht kann man Nachbarschaftshilfe dazu sagen", meint Tomaszewski zum Zusammenhalt der Band. "Einer macht die Technik, der andere den Transport: Es ist ein Organismus, wo viele Leute sich aufeinander verlassen können, ein kleines Biotop." 

Natürlich gebe es mal Differenzen, auch um Herkunft und Religion, gibt Tomaszewski zu. "Unser ehemaliger Gitarrist war überzeugter Atheist, da gab es schon Diskussionen", erzählt er. "Ich bin dagegen ziemlich katholisch erzogen worden, mir ist das Religiöse deshalb nicht so fremd." Das beeinträchtige die Bandarbeit aber nicht, und am Ende komme man immer wieder beim Bier zusammen. Schwerer wirkten andere Zentrifugalkräfte. Einige Musiker hätten sich schon nach Leipzig oder Köln abgesetzt, weil ihnen Dresden zu eng geworden sei. Andere könnten folgen, wenn die Residenzpflicht auslaufe, fürchtet Tomaszewski. Die meisten Flüchtlinge hätten eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis. "Die Besten werden die ersten sein, die fortgehen", sagt er. Für Sachsen sei das eine doppelt verpasste Chance: "Man behält das schlechte Image, und man verliert die Vorbilder." Zeitversetzt hole der Osten derzeit nach, was der Westen bereits seit der Ankunft der Gastarbeiter durchlebt habe. "Leider hat man aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt."

"Perspektivisch wünsche ich mir, dass die Band fortbesteht, auch wenn die Leute fortgehen", sagt Tomaszewski. In Italien gebe es Dorfkapellen, die seit 150 Jahren bestehen. Eine solche Institution solle auch die Banda Internationale werden, hofft er, und sagt optimistisch:

"Wir sind auf einem guten Weg dahin."

Banda Internationale: Kimlik (Trikont)

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