Aktuell Deutschland 17. April 2020

Resignation schmeckt nach gar nichts: Zum Tode von Volkmar Deile

Amnesty-Logo: Kerze umschlossen von Stacheldraht

Ein Nachruf von Peter Franck, Sprecher der Amnesty-Koordinationsgruppe Russische Föderation und Vorstandsmitglied der Stiftung Menschenrechte.

Ich bin Volkmar wohl 1994 das erste Mal persönlich begegnet. Die Jahresversammlung in Rosenheim hatte gerade die Einrichtung eines ersten Regionalbüros in Berlin und damit die ersten dezentralen hauptamtlichen Stellen beschlossen. Ein Beschluss, der Volkmar ganz und gar nicht behagte. Das war wohl auch der Hintergrund für die Verabredung zu einem gemeinsamen Mittagessen in Berlin, denn ich sollte als erster "Regionalbeauftragter Ost" auf ehrenamtlicher Seite die Verantwortung für dieses Büro tragen. Das Treffen begann wie ein heftiges Sommergewitter. Mit finsterer Miene sagte Volkmar sinngemäß: "Ich halte den Beschluss der Jahresversammlung nicht nur für falsch, sondern die Einrichtung eines solchen Büros für die Sektion sogar für gefährlich. Ihr, die Ihr die Idee entwickelt habt, tragt dafür die Verantwortung!" 

Offen gestanden fiel es mir nach dieser Einleitung zunächst schwer, eine Gesprächsebene mit Volkmar zu finden. Aber schnell lockerte sich die Atmosphäre, aufmerksam hörte sich Volkmar die Überlegungen an, die uns zum Projekt der Regionalisierung geführt hatten. Er hielt sie wohl für vertretbar, überzeugt habe ich ihn damals nicht. Erst Jahre danach nahm er mich einmal zu Seite und räumte ein: "Das mit dem Regionalbüro habt Ihr nicht schlecht gemacht!" 

Ihm kam es nicht darauf an, Masterpläne für eine bessere Welt zu erarbeiten, sondern es ging ihm darum, durch viele kleine strategisch wohl überlegte Schritte dazu beizutragen, die Welt zu einem etwas besseren Ort zu machen.

Ich schildere das, weil ich Volkmar in der Folge oft so erlebt habe. Volkmar war immer deutlich. Er vertrat seine Positionen auf einer sorgfältig erarbeiteten Grundlage und erwartete das auch von denen, mit denen er sich auseinandersetzte. Die offene und ehrliche Austragung von Konflikten war für ihn notwendig, wesentlich und fruchtbar. Das machte die Zusammenarbeit mit ihm nicht immer einfach, aber Auseinandersetzungen und Diskussionen mit ihm haben mir seit vielen Jahren geholfen, eigene Standpunkte zu erarbeiten oder zu überprüfen.

Bei aller Klarheit, mit der Volkmar seine inhaltlichen Positionen vertrat, war er dabei nie verbissen. Er war humorvoll und konnte auch über sich und Irrtümer, denen er unterlegen war, herzlich lachen. Er wusste darum, dass es keine einfachen Lösungen für die Probleme gab, deren Bearbeitung er einen großen Teil seines Lebens gewidmet hat. Ihm kam es nicht darauf an, Masterpläne für eine bessere Welt zu erarbeiten, sondern es ging ihm darum, durch viele kleine strategisch wohl überlegte Schritte dazu beizutragen, die Welt zu einem etwas besseren Ort zu machen.

Er war immer kritisch, warnte davor, eigene Erfolge zu überschätzen. Volkmar war aber auch zur Stelle, wenn sich angesichts von Menschenrechtskatastrophen Ohnmacht breitzumachen drohte. "Resignation schmeckt nach gar nichts!" mahnte er uns, die "Mitstreiterinnen und Mistreiter", wie er uns gern nannte, dann.

Vehement trat er der Auffassung entgegen, Menschenrechte seien so etwas wie "eine Obsession von Gutmenschen". Die Debatte "Moral vs. Realität" fand er irreführend. Längst hätten die Menschenrechte die "moralische Ecke" verlassen. Es gehe um mehr als Werte, es gehe um internationales Recht, das nationales Recht binde und einklagbar sei, schrieb er 2013 in der "Zeit".

Volkmar empfand sich nicht als "Amnesty-Chef", sondern sah es als Ehre an, einer großen ehrenamtlich geprägten Organisation zu dienen, die ihre Kraft ganz wesentlich aus dem vielfältigen Erfahrungsschatz ihrer Mitglieder schöpft. Dieser Haltung entsprach es, dass er sich nach seinem Ausscheiden als Generalsekretär als "einfaches Mitglied" der Koordinationsgruppe zur Russischen Föderation anschloss und in ihr mitarbeitete. Er fand das spannend und gab viele Hinweise für die praktische Arbeit.

Studio-Porträtfoto Volkmar Deile

Volkmar Deile war von 1990 bis 1999 Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland (Archivaufnahme aus dem Jahr 1997). Er verstarb am 2. April 2020.

 

Volkmar blieb Amnesty nicht nur durch seine Mitarbeit in der Koordinationsgruppe und in der Stiftung Menschenrechte verbunden. Er verfolgte den Weg der Organisation insgesamt auch nach seinem Ausscheiden kritisch, aber stets solidarisch. Neuen Arbeitsfeldern von Amnesty stand er nicht nur aufgeschlossen gegenüber, sondern sah die Weiterentwicklung der Organisation sogar als unabdingbar an. Vor dem Hintergrund der Unteilbarkeit der Menschenrechte galt das insbesondere für die Verstärkung der Arbeit zu den sozialen Menschenrechten. Stets verwies er aber darauf, dass Erweiterungen des Arbeitsfeldes von Amnesty den jeweiligen Ressourcen entsprechen und sich jeder nächste Schritt aus der bisherigen Praxis der Organisation entwickeln müsse.

Volkmar warnte auch stets vor Selbstüberschätzung. Amnesty könne nur einen Beitrag zur Gewährleistung der Menschenrechte leisten. Dieser Beitrag müsse im Zusammenwirken mit anderen zivilgesellschaftlichen Menschenrechtsorganisationen auf Augenhöhe erbracht werden und stets konkret sein. Die folgenlose Propagierung noch so sympathischer und erstrebenswerter Ziele könne nicht Sache von Amnesty sein. Die Organisation müsse sich immer vergegenwärtigen, wann sie reden müsse und wann sie schweigen solle.

Viel von dem, was Amnesty für Volkmar ausmachte und worin er Gefahren für Amnesty sah, ist in dem von der Jahresversammlung 2011 beschlossenen Antrag aus Anlass des 50-jährigen Bestehens von Amnesty nachzulesen, an dem Volkmar ganz maßgeblich mitgearbeitet hat: "Zehn Versprechen für die nächsten 50 Jahre" haben wir ihn genannt.

Volkmar ist nun nicht mehr dabei, wenn es gilt, diese Versprechen einzulösen. Er ist als erfahrener Ratgeber nicht zu ersetzen. Aber wir werden nach Kräften versuchen, seinem Erbe gerecht zu werden und die gegebenen Versprechen einzulösen.