Aktuell Deutschland 16. April 2020

Gedanken an einen Freund

Amnesty-Logo: Kerze umschlossen von Stacheldraht

Ein Nachruf auf Volkmar Deile von Reinhard Marx, Vorstandsvorsitzender der deutschen Amnesty-Sektion von 1983 bis 1987.

Ich habe Volkmar erstmals 1985 in einer Vorstandssitzung kennengelernt, in er sich um den Posten des Generalsekretärs unserer Organisation bewarb. Wie schon bei seinem Vorgänger, Bischof Helmut Frenz aus Chile, nach dem Putsch am 11. September 1973 aus Chile geflohen und hier von der rechten Presse wegen seiner Kritik an der chilenischen Militärdiktatur angefeindet, waren wir damals als – wie wir fühlten – doch eher politisch nicht so bedeutsame kleine Organisation unsicher, ob wir mit Volkmar wiederum eine politisch bekannte Person einstellen könnten. Hinzu kam, beide waren protestantische Pfarrer, und eine Dynastie von Pastoren wollten wir nicht begründen. Volkmar aber war ein politischer Kopf, berühmt geworden in der damaligen Friedensbewegung, die sich in der Ostermarsch-Tradition im damals noch fortwährenden Kalten Krieg gegen den NATO-Doppelbeschluss richtete, der unsere Gesellschaft gespalten, aber auch zu einer bis dahin beispiellosen Massenmobilisierung der Bevölkerung zur Folge hatte. Diese fand ihren Ausdruck in Menschenketten und anderen Protestformen wie Aktionen zivilen Ungehorsams vor U.S.-Kasernen, an denen z.B. Heinrich Böll, Walter Jens und andere moralische Vorbilder teilgenommen hatten.

Volkmar war der erste Generalsekretär, der beides miteinander verband, politische Analyse mit Menschlichkeit: aktiver Humanist.

Volkmar entschied sich, den ihm angebotenen Posten nicht zu übernehmen. Warum, weiß ich heute nicht mehr. Wir mussten also in die nächste Runde zur Bestellung eines Generalsekretärs. Volkmar kam dann aber 1990 zu uns, als ich nicht mehr Sprecher des Vorstandes war. Karsten Lüthke konnte ihn dieses Mal überzeugen, die Funktion des Generalsekretärs zu übernehmen. Es war eine richtige und vorwärtsweisende Entscheidung. Volkmar war der erste Generalsekretär, der beides miteinander verband, politische Analyse mit Menschlichkeit: aktiver Humanist.

In der Folgezeit hat sich eine politische wie auch private Freundschaft zwischen uns entwickelt. Die 1990er Jahre waren die Zeit, in der sich Amnesty von einer auf ein enges Mandat begrenzten Organisation zu einer Menschenrechtsorganisation entwickelte, die ihr Mandat abstreifte und seitdem nicht mehr so recht weiß, ob sie in der buntscheckigen Vielfalt menschenrechtlicher Organisationen überhaupt noch ein spezifisches Profil haben und stattdessen allein auf ihre Größe und lange Geschichte vertrauen sowie von Fall zu Fall entscheiden will, was sie machen will.

Wir haben bereits damals beide diese Entwicklung kritisch beobachtet und waren uns des Risikos bewusst, dass die Organisation durch ihre undefinierbare Öffnung ihren politischen Biss als Watch-Dog der Menschenrechtsbewegung verlieren könnte. Diese Sorge hat uns bis heute beschäftigt. Ich habe Volkmar nach dem Ende seiner Tätigkeit als Generalsekretär, wenn auch nicht mehr so regelmäßig wie zuvor, doch immer mal wieder getroffen. Und wir hatten stets eine von einer gemeinsamen Überzeugung getragene politische Diskussion geführt. Volkmar konnte auch neckisch provozieren, hielt mir, dem katholisch-kulturell geprägten Säkularisten vor, im Grunde genommen doch ein Gläubiger zu sein, der auf Gott vertraue. Dies löste konstruktiven Streit aus. Man konnte wunderbar mit ihm über den richtigen Weg zum "Guten" streiten, den Volkmar im Respekt vor dem Gegenüber führte. Er war ein Theologe, doch keineswegs pastoral.  

Studio-Porträtfoto Volkmar Deile

Volkmar Deile war von 1990 bis 1999 Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland (Archivaufnahme aus dem Jahr 1997). Er verstarb am 2. April 2020.

 

Volkmar schrieb mir einmal, er habe meine Beschreibung des Verhältnisses der Mitglieder von Amnesty zu ihrer Organisation als "verschämten Stolz" in seiner Arbeit häufig verwendet. Für ihn traf dieses Begriffspaar den "Nagel auf den Kopf." Verschämt, weil man im Kampf gegen die Verletzung der Menschenrechte Scham darüber empfinden muss, dass politische Macht aus Erniedrigung, Demütigung und Folter hervorgehen kann. Stolz im Sinne von Freude darüber, dass wir etwas bewirken können. Stolz aber war damals schon eine unpassende Beschreibung von mir und ist es heute, nach dem gefährlichen Wiederaufflammen des braunen Geistes erst recht. Das war uns beiden, die wir in die Nachkriegszeit hineingeboren wurden – Volkmar ein wenig früher als ich – und das Beschweigen von Auschwitz erlebt hatten, bewusst. In den Fünfzigern aber fehlten uns das Bewusstsein, dieses Beschweigen zu begreifen. Das kam erst später, mit den 1968ern. 

Zu meinem Siebzigsten schenkte Volkmar mir ein Buch "Die Ambivalenz des Guten" (Jan Eckel), in dem Amnesty ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Ich meine, dieser Titel bringt das auf den Begriff, was Volkmar bewusst war und das er so ausgedrückt hatte: Uns Mitglieder von Amnesty eint die unerschütterliche Gewissheit über die Kraft der universellen Menschenrechte, gepaart mit einem angelsächsischen Pragmatismus, der jedoch nie in bloße Beliebigkeit abgleitet und der demütig machen sollte. Demut, dass wir bei der Durchsetzung universeller Menschenrechte auch Fehler machen können; dass uns der Einsatz für das Gute bescheiden machen sollte; moralische Überhöhung über andere nicht angebracht ist. Für Volkmar beruhte der Einsatz für die Menschenrechte stets auf vorgängigen und andauernden politischen und strategischen Analysen. Er, protestantischer Theologe, sah hierin einen Dreischritt "Sehen – Urteilen – Handeln"; eine Strategie, welche die katholische lateinamerikanische Befreiungstheologie in ihrem Kampf gegen Ungerechtigkeit verfolgt.

Es sind diese Gedanken, die mich seit der Nachricht, dass Volkmar gestorben ist, bewegen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen weiterleben, ihre Inspiration, ihre tätige Empathie uns weiter mit Sinn erfüllen, wir diese Kraft von Generation zu Generation weitergeben. Vielleicht ist dies ein Trost und ist Trauer ein Vorschein von Hoffnung. Volkmar lebt weiter. Er bleibt mir ein Freund und ein geistiges Vorbild.