Aktuell Deutschland 14. April 2020

Ich bin traurig: Zum Tode von Volkmar Deile

Amnesty-Logo: Kerze umschlossen von Stacheldraht

Ein Nachruf von Karsten Lüthke, dem Vorstandssprecher der deutschen Amnesty-Sektion von 1987 bis 1990.

Es muss im Sommer 1989 gewesen sein. Als damaliger Vorstandssprecher von Amnesty International in Deutschland rief ich Volkmar Deile in Genf an. Ich wollte ihn überzeugen, dass er unser neuer Generalsekretär werden solle. Volkmar war für diese Stelle schon einmal vorgeschlagen worden, hatte dann aber abgesagt, weil es nicht in seine persönliche Lebensplanung passte. Nun also der zweite Versuch. Volkmar erbat sich Bedenkzeit; er wolle dies erst mit seiner Familie besprechen. Die Familie war ihm immer wichtig. Als er sich dann doch bereit erklärte, wurde er vom Vorstand in großer Einmütigkeit ernannt.

Ich habe diesen Anruf nie bereut und auch Volkmar hat stets betont, wie wichtig für ihn die Zeit bei Amnesty war. Er wusste aber auch, wann es Zeit ist, zu gehen. Nach zehn Jahren als Generalsekretär hat er seinen Vertrag aus freien Stücken nicht erneut verlängert. Sein Einsatz für die Menschenrechte war damit nicht beendet.

Volkmar kam im August 1990 zu uns. Es waren turbulente Zeiten. In der DDR hatte sich noch ein eigenständiger Verein "ai in der DDR" gegründet; jetzt ging es darum, die beiden Amnestys auf Augenhöhe miteinander zu vereinigen. Es war die Zeit des 1. Golfkrieges, gefolgt von vielen weiteren Kriegen und menschenrechtlichen Desastern. Auch in Deutschland war Amnesty gefordert – nach den Anschlägen von Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen und im Kampf um den Erhalt des Grundrechts auf Asyl. 
 

Studio-Porträtfoto Volkmar Deile

Volkmar Deile war von 1990 bis 1999 Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland (Archivaufnahme aus dem Jahr 1997). Er verstarb am 2. April 2020.

 

In Volkmars Zeit bei Amnesty fielen aber auch die Einrichtung neuer Instrumente zum Schutz der Menschenrechte, beginnend mit der Weltkonferenz für Menschenrechte 1993 in Wien – zu der wir beide gemeinsam mit dem Zug gefahren sind – die Schaffung eines Hochkommissariats der Vereinten Nationen für die Menschenrechte, die Gründung des Forums Menschenrechte in Deutschland (1994) unter maßgeblicher Beteiligung von Volkmar und schließlich die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs. 

Dazwischen gab es schreckliche Zeiten der Hilf- und Machtlosigkeit, vielleicht auch der Trauer und Wut: der Völkermord in Ruanda und das Massaker von Srebrenica und – gegen Ende von Volkmars Zeit als Generalsekretär – der Kosovo-Krieg unter deutscher Beteiligung. Für jemanden, der wie Volkmar eine zentrale Rolle in der Friedensbewegung gespielt hat, eine ganz besonders schwierige Zeit.

Volkmar war auch nach seiner Zeit als Generalsekretär bei Amnesty aktiv, als ganz normales Mitglied, und er hat uns die wunderbare Amnesty-Chronik hinterlassen, an der ich mich beim Schreiben dieser Zeilen orientiert habe. 

Wäre Volkmar noch unter uns, würden wir dieser Tage sicher über die Einschränkung von Grundrechten in der Corona-Krise debattieren und die Folgen der Pandemie für die Zukunft der Welt.

Ich erinnere mich an seine sonore Stimme, die sicher geholfen hat, Menschen von seinen Überzeugungen zu überzeugen, und die handschriftlichen Manuskripte seiner Vorträge. Er war immer gut vorbereitet, dabei aber durchaus diskussionsfreudig. Ich erinnere mich an manche Runde, vielleicht zuletzt zur "Flüchtlingskrise", in der wir besorgt, aber auch anregend diskutiert haben. Wäre Volkmar noch unter uns, würden wir dieser Tage sicher über die Einschränkung von Grundrechten in der Corona-Krise debattieren und die Folgen der Pandemie für die Zukunft der Welt.

Leider erlaubt es die Pandemie nicht, uns derzeit gebührend von Volkmar zu verabschieden. Wir werden das nachholen.