Aktuell Kamerun 14. Mai 2009

"Ich habe einfach keine Angst"

Ein Gespräch mit der Menschenrechtsverteidigerin Madeleine Afité aus Kamerun
Madeleine Afité - Menschenrechtsverteidigerin aus Kamerun

Madeleine Afité - Menschenrechtsverteidigerin aus Kamerun

Die 52-Jährige ist Vorsitzende der 1993 gegründeten "Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter (ACAT-LT)" und gründete später das "Haus der Menschenrechte" in Douala. Sie veröffentlicht regelmäßig Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Kamerun. Seit 2001 ist sie eine der fünf Delegierten der "Weltorganisation gegen Folter" für Afrika.

Zur Zeit läuft in Kamerun ein Zivilverfahren gegen Sie. Was wird Ihnen vorgeworfen?

In Kamerun ist es üblich, dass die Behörden einen Vorwand suchen, um ihre Kritiker mundtot zu machen. Die Botschaft Großbritanniens kam 2006 auf mich zu und wollte Informationen über einen Kameruner haben, der in England Asyl beantragt hatte. Ich beantwortete ihre Fragen. Erst später erkannte ich, dass dieser Kameruner offensichtlich ein Lockvogel der Regierung war. Er informierte die Behörden, dass ich mit der Botschaft zusammen gearbeitet hatte. 2007 erstattete er Anzeige gegen mich wegen „Diffamierung“. Seitdem muss ich fast jeden Monat vor Gericht erscheinen. Doch anstatt mir Fragen zu stellen, telefoniert der Richter nur und geht seiner Arbeit nach, und vertagt die Anhörung wieder auf den nächsten Monat.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für Menschenrechte engagierten?

In den 80er Jahren machte mich eine Freundin, die in Frankreich war, auf die Aktionen von Amnesty International aufmerksam. Ich beteiligte mich fortan vor allem an Aktionen für bedrohte Menschenrechtsverteidiger in unserem Nachbarland Tschad. 1992 kam es in Kamerun im Vorfeld der ersten demokratischen Wahlen verstärkt zu willkürlichen Verhaftungen, Zeitungen wurden zensiert und Journalisten auf Polizeistationen gefoltert. Auch meine Freunde und ich wurden von der Polizei verhört. Als 1993 die „Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter“ (ACAT) gegründet wurde, sind wir Mitglieder geworden, um gegen die massiven Menschenrechtsverletzungen in Kamerun zu kämpfen.

Wie sieht die Arbeit von ACAT konkret aus?

Aufgrund der vielen willkürlichen Verhaftungen verschwinden Menschen regelrecht in den Gefängnissen. Wir versuchen sie ausfindig zu machen und den Kontakt zu ihren Angehörigen herzustellen. Außerdem bieten wir ihnen juristische Hilfe an. Wir übernehmen auch häufig die Anwaltskosten, da sich viele Kameruner diese nicht leisten können. Außerdem informieren wir die Menschen über ihre Rechte als Bürger, die ihnen laut Verfassung zustehen, ihnen von der Regierung aber verwehrt werden.

Wie sind die Zustände in den kamerunischen Gefängnissen?

Katastrophal und lebensgefährlich. Das 1930 erbaute New Bell-Gefängnis in Douala zum Beispiel war ursprünglich für 700 Häftlinge konzipiert; zur Zeit sind es zwischen 2000 und 3000. Die Häftlinge bekommen zweimal am Tag Essen: jeweils eine Handvoll Reis oder Bohnen. Wem die Familienangehörigen kein Essen ins Gefängnis bringen, leidet Hunger. Immer wieder kommt es zu Aufständen und Fluchtversuchen. Anstatt zu versuchen, die Fliehenden festzunehmen, schießen die Sicherheitskräfte sofort scharf, mit dem Ziel zu töten. So war es auch bei den landesweiten Unruhen im Februar 2008.

Was ist damals passiert?

Präsident Paul Biya hatte angekündigt, die Verfassung ändern zu wollen, damit er 2011 erneut für das Amt kandidieren kann. Viele Kameruner machen ihn aber für die Perspektivlosigkeit im Land verantwortlich. Als im Februar die Benzinpreise und Lebenshaltungskosten weiter stiegen, gab es einen Generalstreik. Jugendliche gingen auf die Straße, um gegen die Verfassungsänderung und gegen die Armut zu demonstrieren. Neben friedlichen Demonstrationen kam es auch zu Plünderungen. Die Sicherheitskräfte machten keinen Unterschied und schossen scharf. Über 100 Menschen wurden getötet. Verantworten musste sich dafür bis heute niemand.

Wie wurden die Unruhen von der Regierung dargestellt?

Die Regierung und Behörden wiesen jede Schuld von sich. Stattdessen diffamierten sie Oppositionelle, Journalisten und Menschenrechtsverteidiger als „Zauberlehrlinge“, die die Jugend aufgestachelt und dann nicht mehr unter Kontrolle gehabt hätten. Prominenten Persönlichkeiten wurde exemplarisch der Prozess gemacht, um weitere Kritiker einzuschüchtern.

Wie beurteilen Sie die Menschenrechtslage gut ein Jahr nach den Unruhen?

Die Unterdrückung ist allgegenwärtig. Viele Menschen leben in Angst und versuchen, das Land zu verlassen. Es gibt keine Gerechtigkeit, stattdessen sind Korruption und willkürliche Verhaftungen an der Tagessordnung. Zwar gibt es seit 2007 eine Strafprozessordnung, die Angeklagten mehr Rechte einräumt. Allerdings wird diese in der Praxis nicht angewendet. Sie dient der Regierung lediglich dazu, sich nach außen hin in einem guten Licht zu präsentieren, vor allem gegenüber den Geldgebern wie der EU oder den Vereinten Nationen. Menschenrechtsverteidiger können aber nach wie vor nicht ihrer Arbeit nachgehen. Wir von ACAT bekommen regelmäßig anonyme Drohanrufe, die uns davor „warnen“, die Arbeit an einem bestimmten Dossier fortzusetzen.

Woher nehmen Sie die Kraft und den Mut, trotz der Bedrohungen weiterzumachen?

Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehme. Ich habe einfach keine Angst. Das scheint eine gottgegebene Gabe zu sein (lacht). Aber natürlich stärkt mich auch die Zusammenarbeit mit Organisationen wie Amnesty International. Und die internationale Aufmerksamkeit ist für mich ein wichtiger Schutz.

Interview: Daniel Kreuz

Madeleine Afité ist momentan auf Vortragsreise in Deutschland. Hier haben Sie die Gelegenheit die Menschenrechtsverteidigerin kennen zu lernen!

Erfahren Sie mehr über die Menschenrechtslage in Kamerun in der aktuellen Ausgabe des "Amnesty Journal"

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