Inhaftierter Demonstrant in kritischem Zustand
Der in Moskau vor Gericht stehende Demonstrant Sergey Krivov befindet sich seit mehr als zwei Monaten im Hungerstreik. Er protestiert damit gegen die Missachtung seines Rechts auf ein faires Gerichtsverfahren.
Appell an
LEITER DER STRAFVOLLZUGSBEHÖRDE
Gennady A. Kornienko
Federal Service of Execution of Punishments
ul. Zhitnaya 14, GSP-1
119991 Moscow, RUSSISCHE FÖDERATION
(Anrede: Dear Direktor / Sehr geehrter Herr Kornienko)
Fax: (00 7) 495 982 1950 oder (00 7) 495 982 1930
E-Mail: udmail@fsin.su
GENERALSTAATSANWALT DER RUSSISCHEN FÖDERATION
Yurii Yakovlevich Chaika
Bolshaia Dmitrovka 15 A
125993 Moscow, RUSSISCHE FÖDERATION
(Anrede: Dear Prosecutor General / Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt)
Fax: (00 7) 495 692 1725
E-Mail: prgenproc@gov.ru
Sende eine Kopie an
OBERSTER GERICHTSBEAMTER
Vladimir M. Zhmiachkin
5, Butyrski Val street
125047 Moscow
RUSSISCHE FÖDERATION
Fax: (00 7) 499 558 04 22
E-Mail: fssp-moscow@mail.ru
BOTSCHAFT DER RUSSISCHEN FÖDERATION
S. E. Herrn Vladimir M. Grinin
Unter den Linden 63-65
10117 Berlin
Fax: 030-2299 397
E-Mail: info@Russische-Botschaft.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Russisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 2. Januar 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Bitte sorgen Sie dafür, dass Sergey Krivov unabhängig medizinisch untersucht und betreut wird und dass alle Angeklagten im Bolotnaya-Prozess Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung erhalten.
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Bitte entlassen Sie Sergey Krivov umgehend aus dem Gewahrsam und erwägen Sie für ihn und seine Mitangeklagten eine weniger strikte Maßnahme als die bereits ein Jahr andauernde Untersuchungshaft, falls eine solche Maßnahme rechtlich gerechtfertigt ist.
- Ich bitte Sie außerdem sicherzustellen, dass das Sergey Krivov und seinen Mitangeklagten zustehende Recht auf ein faires Gerichtsverfahren vollständig eingehalten und geachtet wird.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Allow independent medical examination and supervision of Sergey Krivov and ensure provision of adequate medical assistance to all of the accused in this case.
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Immediately release Sergey Krivov from detention and, in relation to him and to all other co-defendants. consider less restrictive preventative measures should there be any legal justification for these.
- Ensure that Sergey Krivov’s right to a fair trial, and that of his co-defendants, is fully observed and respected.
Sachlage
Der seit Oktober 2012 inhaftierte Demonstrant Sergey Krivov befindet sich seit dem 19. September im Hungerstreik und fordert die Einhaltung seiner Prozessrechte. So verlangt er Einsicht in die Gerichtsprotokolle, die er seit mehr als einem Monat nicht erhalten hat, sowie die Achtung seines Rechts, Anträge zu stellen.
Der Gesundheitszustand von Sergey Krivov hat sich während seines Hungerstreiks deutlich verschlechtert. Eigenen Angaben zufolge hat er bereits mehr als 20 Kilogramm verloren, ein Fünftel seines Körpergewichts. Sergey Krivov befindet sich in einem äußerst kritischen Zustand und sein Leben ist in Gefahr.
Am 17. November wollte Sergey Krivov seinen Hungerstreik beenden und beantragte die Verlegung in eine Gefängnisklinik und die Verschiebung seiner Anhörung. Er hätte so seinen Hungerstreik mit angemessener medizinischer Begleitung beenden können. Der Verwaltungsdirektor der Strafanstalt lehnte seinen Antrag jedoch ab.
Am 18. und 19. November wurde Sergey Krivov in schlechtem Zustand in den Gerichtssaal gebracht. Er musste sich für den Großteil der Anhörung hinlegen und verlor mehrfach das Bewusstsein. Dennoch weigerte sich der Vorsitzende Richter, die Anhörung zu vertagen und lehnte auch den Antrag des Rechtsbeistands von Sergey Krivov ab, einen Krankenwagen zu rufen, damit ein unabhängiger Arzt Sergey Krivov untersuchen und über dessen Verhandlungsfähigkeit entscheiden könne.
Am 19. November bewilligte der zuständige Richter ein Gesuch der Staatsanwaltschaft und verlängerte die Haft von Sergey Krivov und weiteren Angeklagten im Bolotnaya-Fall um weitere drei Monate. Entgegen russischem Recht hatte die Staatsanwaltschaft zuvor jedoch keinerlei Gründe für eine Verlängerung der Untersuchungshaft der Angeklagten vorgebracht. Derzeit müssen sich zwölf Personen vor dem Moskauer Stadtgericht verantworten. Sie hatten im Mai 2012 an einer genehmigten Kundgebung auf dem Moskauer Bolotnaya-Platz teilgenommen, bei der es zu einem Zusammenstoß zwischen Demonstrierenden und der Polizei gekommen war. Neun von ihnen befinden sich seit über einem Jahr in Haft und der Gesundheitszustand von mindestens sechs von ihnen soll sich in dieser Zeit verschlechtert haben. Einige laufen Gefahr, ernste und bleibende Gesundheitsschäden davonzutragen.
Hintergrundinformation
Für den 6. Mai 2012, den Vorabend der Amtseinführung von Wladimir Putin, wurden ein Protestmarsch und eine Demonstration auf dem Bolotnaya-Platz im Zentrum Moskaus genehmigt. Die Kundgebung richtete sich gegen die Wiederwahl Putins zum Staatspräsidenten, die von zahlreichen Berichten über Wahlbetrug überschattet war. Am Tag der Kundgebung änderte die Polizei die Sicherheitsvorkehrungen und ließ den Demonstrierenden nur einen wesentlich schmaleren Zugang zum Bolotnaya-Platz als vereinbart. Der so entstandene Engpass erhöhte den Druck auf die ersten Reihen der Demonstrierenden und führte schließlich dazu, dass die erste Reihe der Polizei am Platzeingang durchbrochen wurde. Die Polizei nahm Hunderte von Demonstrierenden fest, viele von ihnen willkürlich. Die bis dahin friedliche Kundgebung wurde gewaltsam aufgelöst, vereinzelt folgten Zusammenstöße zwischen Demonstrierenden und der Polizei.
Es liegen zahlreiche gut dokumentierte Berichte über exzessive Gewaltanwendung durch die Polizei vor. Zahlreiche Demonstrierende erlitten Verletzungen wie Gehirnerschütterungen, schwere Prellungen oder Schnittwunden. Gleichzeitig wurde jedoch auch die Polizei mit Asphaltstücken und diversen anderen Objekten beworfen. Einige Angehörige der Polizei wurden dabei verletzt.
Es wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das zur Anklageerhebung gegen mehr als 24 Personen führte. Ihnen wird die mutmaßliche Organisation von oder Beteiligung an Massenunruhen und die Anwendung von Gewalt gegen Angehörige der Polizei vorgeworfen. Zwölf Personen stehen derzeit in Moskau vor Gericht. Neun von ihnen befinden sich seit über einem Jahr in Haft und werden jeweils zu den Anhörungen ins Gericht gebracht: Sergey Krivov, Artiom Saviolov, Vladimir Akimenkov, Stepan Zimin, Alexei Polikhovich, Denis Lutskevich, Leonid Koviazin, Andrey Barabanov und Yaroslav Belo’usov.
Sergey Krivov ist nun schon zum zweiten Mal in den Hungerstreik getreten und verlangt die Einhaltung der Rechte aller Mitangeklagten in diesem Prozess. Im Januar befand er sich 40 Tage lang im Hungerstreik. Er forderte, dass das Gericht den Bolotnaya-Häftlingen Alternativen zur Haft anbiete, jedoch ohne Erfolg.
Sergey Krivov hat mehrfach vor Gericht versucht, Anträge bezüglich seiner Prozessrechte zu stellen. Der Vorsitzende Richter lehnte diese jedoch jedes Mal ab. Zudem unterbricht der Richter regelmäßig Sergey Krivovs Versuche, die Hauptzeugen der Staatsanwaltschaft zu befragen und hat ihm untersagt, bestimmte Fragen zu stellen. Diese Fragen seien irrelevant und repetitiv, so der Richter. VertreterInnen von Amnesty International haben mehreren Anhörungen im Bolotnaya-Fall beigewohnt. Die Organisation geht davon aus, dass einige der Fragen sehr wohl relevant und wichtig für seine Verteidigung waren, und dass Sergey Krivovs Recht auf ein faires Gerichtsverfahren verletzt wird.
Sergey Krivov beklagt, dass er und seine Mitangeklagten seit mehr als einem Monat keinen Zugang zu den Gerichtsprotokollen haben. Auch dies stellt eine erhebliche Einschränkung ihres Rechts auf ein faires Gerichtsverfahren dar. Während der Anhörungen sitzen die Angeklagten in einem Käfig im Gerichtssaal und können aufgrund von Störungen durch die GerichtsbeamtInnen nicht vertraulich mit ihren Rechtsbeiständen kommunizieren.
Im April 2013 beklagte Sergey Krivov, dass er von GerichtsbeamtInnen geschlagen worden war. Im Oktober gab er an, einer entwürdigenden Behandlung seitens der GerichtsbeamtInnen ausgesetzt worden zu sein: Man hatte ihn in Anwesenheit einer Gerichtsbeamtin dazu gezwungen, sich auszuziehen, und ihn einer Ganzkörperuntersuchung unterzogen. Bezüglich dieser Zwischenfälle wurden keine Untersuchungen eingeleitet und niemand wurde zur Verantwortung gezogen.