Indigener verschwunden

Der Lehrer Rolindo Vera, der zur indigenen Gruppe der Guarani Kaiowa gehört, ist seit einer gewaltsamen Zwangsräumung durch Bewaffnete am 30. Oktober "verschwunden". Auch der Lehrer Genivaldo Vera "verschwand" während der Räumung im brasilianischen Bundesstaat Mato Groso do Sul nahe der paraguayischen Grenze. Später fand man seinen Leichnam in einem Fluss in der Nähe. Das Leben von Rolindo Vera ist in großer Gefahr.

Appell an

JUSTIZMINISTER
Exmo. Sr. Tarso Genro
Esplanada dos Ministérios
Bloco "T" , 70712-902 - Brasília/DF
BRASILIEN
(korrekte Anrede: Exmo. Sr. Ministro / Dear Minister)
Fax: (0055) 61 3322 6817 oder 61 3224 3398

MINISTER FÜR MENSCHENRECHTE
Secretaria Especial de Direitos Humanos
Exmo. Secretário Especial Sr. Paulo de Tarso Vannuchi
Esplanada dos Ministérios - Bloco "T" - 4º andar
70064-900 - Brasília/DF
BRASILIEN
(korrekte Anrede: Exmo. Sr. Secretário / Dear Minister)
Fax: (00 55) 61 3226 7980

Sende eine Kopie an

ÖRTLICHE INDIGENENORGANISATION CIMI
CIMI Regional Mato Grosso do Sul
Av. Afonso Pena, 1557 Sala 208 Bl.B
79002-070 Campo Grande/MS
BRASILIEN
E-Mail: cimims@terra.com.br

BOTSCHAFT DER FÖDERATIVEN REPUBLIK BRASILIEN
S.E. Herrn Everton Vieira Vargas
Wallstraße 57
10179 Berlin
Fax: 030–7262 83-20 oder -21
E-Mail: brasil@brasemberlim.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Portugiesisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 25. Dezember 2009 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE FAXE UND LUFTPOSTBRIEFE

  • Fordern Sie, dass die Bundespolizei in Zusammenarbeit mit der paraguayischen Polizei die Suche nach Rolindo Vera wieder aufnimmt und alles in ihrer Macht stehende tut, um ihn zu finden.

  • Fordern Sie die Behörden auf, umgehend eine gründliche Untersuchung der gewaltsamen Vertreibung von etwa 25 Personen von Farmland nahe der Grenzstadt Paranhos und des daraus resultierenden Todes von Genivaldo Vera einzuleiten und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen.

  • Appellieren Sie an die Behörden, ihren Verpflichtungen gemäß der Konvention Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, der UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker und der brasilianischen Verfassung nachzukommen, indem sie Land demarkieren, das an indigene Gemeinschaften zurückgegeben wird.

Sachlage

Am 29. Oktober besetzten etwa 25 Angehörige der indigenen Gruppe der Guarani Kaiowa aus dem Dorf Pirajuí an der Grenze zu Paraguay ein Stück Farmland. Sie erheben Anspruch auf das Land in der Nähe der Stadt Paranhos und betrachten es als ihren angestammten Grund und Boden. Als die Gruppe am Tag darauf mit der Errichtung von Unterkünften begann, fuhr ein Lastwagen vor. Dutzende bewaffnete Männer stiegen aus und feuerten mit Gummigeschossen auf die Indigenen, darunter Kinder, die daraufhin in den Wald flohen. Angehörige der Gemeinschaft sahen, wie die Bewaffneten Genivaldo Vera entführten und sein Cousin Rolindo Vera in den Wald floh.

Der Leichnam von Genivaldo Vera wurde am 7. November in einem nahegelegenen Fluss gefunden, konnte jedoch erst am 10. November identifiziert werden. Es liegt noch kein offizieller forensischer Bericht vor. Seine Familie hat jedoch von der Polizei Fotos des Leichnams erhalten, die darauf hindeuten, dass Genivaldo Vera gefesselt und gefoltert wurde. Man hatte ihm den Kopf rasiert, und sein Körper wies zahlreiche Blutergüsse auf. Außerdem zeigten seine Handgelenke Spuren von Fesseln.

Der Aufenthaltsort von Rolindo Vera ist nach wie vor unbekannt. Die Angehörigen der Gemeinschaft befürchten daher, dass er entführt und nach Paraguay gebracht wurde. Sie appellieren an die Behörden, die bereits eingestellte Suche wieder aufzunehmen und mit den paraguayischen Behörden zusammenzuarbeiten, um die Suche auszuweiten.

Rolindo Vera und Genivaldo Vera, beide Mitte 20, unterrichteten Lesen und Schreiben in Pirajuí, einer sehr armen indigenen Gemeinde mit etwa 3000 Einwohnern. Nach einem 2007 unterzeichneten Abkommen hätte das angestammte Land, auf das die Gemeinschaft zurückgekehrt ist, längst von staatlichen Anthropologen untersucht werden sollen, um die Grundstücke zu identifizieren, die an die indigene Gemeinde zurückzugeben sind. Großbauern in der Region haben jedoch wiederholt die Untersuchungen blockiert, die zur Rückgabe des Landes notwendig sind.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Der Bundesstaat Mato Grosso do Sul umfasst einige der kleinsten, ärmsten und am dichtest bevölkerten indigenen Gegenden Brasiliens: kleine ländliche Regionen, von Armut geprägt und umgeben von Soja- und Zuckerrohrplantagen sowie Rinderfarmen, in denen das Leben von Krankheiten und schlechten Lebensbedingungen erschwert wird. Rund 60 000 Guarani-Kaiowa leben dort unter prekären Bedingungen – der Zusammenbruch des Sozialsystems hat hohe Gewalt- und Selbstmordraten und Unterernährung mit sich gebracht. Wegen der Verzögerungen bei der Demarkierung haben die Guarani Kaiowa damit begonnen, ihr angestammtes Land zu besetzen. Dabei müssen sie jedoch Einschüchterungen und Zwangsräumungen erdulden.

Im November 2007 unterzeichneten der Justizminister, die Generalstaatsanwaltschaft, die staatliche Indigenenbehörde FUNAI und 23 indigene Gemeindesprecher ein Abkommen (Termo de Ajustamento de Conduta, TAC), in dem sich die FUNAI dazu verpflichtet, bis April 2010 36 Siedlungsgebiete der Guarani Kaiowa zu demarkieren, die den indigenen Gemeinschaften zurückgegeben werden sollen, einschließlich des von den Bewohnern von Pirajuí besetzten angestammten Gebiets Tekohá Ypo’l.

Die Regierung und die Landwirtschaftslobby traten vehement dagegen ein. Gouverneur André Puccinelli drohte damit, das Abkommen nicht anzuerkennen. Der amtierende Vize-Gouverneur Jerson Domingos verschärfte die Situation noch, indem er sagte, der Prozess der Demarkierung würde durch die Konflikte zwischen Polizei, Indigenen und LandbesitzerInnen zwangsläufig in einem "Blutbad" enden. Örtliche Landwirte haben sich dem Demarkierungsprozess entgegengestellt, die Größe des indigenen Lands in den Medien übertrieben dargestellt und wiederholt versucht, den Prozess gerichtlich zu blockieren. Derzeit liegen dem zuständigen Gericht (Tribunal Regional Federal) 80 Rechtsmittel vor, die sich mit Landrechtsfragen in Mato Grosso do Sul befassen.

Da die Klärung von Landkonflikten immer wieder scheitert, haben mehrere Gemeinschaften der Guarani-Kaiowa damit begonnen, ihr Land zu besetzen. Es gab eine Reihe von Zwangsräumungen, die oft mit Waffengewalt durchgeführt wurden. Private Sicherheitsfirmen, von denen viele ohne rechtliche Grundlage wie Milizen im Auftrag von LandbesitzerInnen und der Landwirtschaftsindustrie agieren, sind an zahlreichen Menschenrechtsverstößen in ländlichen Gegenden Brasiliens beteiligt und bleiben weiterhin eine ernsthafte Bedrohung sowohl für indigene Gemeinschaften als auch für Landarbeiter, die für ihr Landrecht eintreten.

Sowohl die UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker, die Brasilien 2007 unterzeichnet hat, als auch das Übereinkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, das von Brasilien ratifiziert wurde, gewähren indigenen Völkern das Recht auf Land, das traditionell ihnen gehört. Außerdem werden darin die Staaten aufgefordert, Mechanismen zu entwickeln, durch die diese Rechte zugesprochen und anerkannt werden können. Die brasilianische Verfassung bekräftigt die Rechte der brasilianischen indigenen Völker auf ihre Siedlungsgebiete und die Verantwortung des Staates, diese zu demarkieren.