Drohende Hinrichtung
Scheich Nimr Baqir al-Nimr
© Private
Das Todesurteil des bekannten schiitischen Geistlichen Scheich Nimr Baqir al-Nimr ist vom Obersten Gerichtshof von Saudi-Arabien bestätigt worden. Alle Rechtsmittel in seinem Fall sind damit ausgeschöpft. Sollte der König sein Urteil nun ebenfalls bestätigen, würde ihm unmittelbar die Hinrichtung drohen.
Appell an
KÖNIG UND PREMIERMINISTER
His Majesty Salman bin Abdul Aziz Al Saud
The Custodian of the two Holy Mosques
Office of His Majesty the King
Royal Court, Riyadh
SAUDI-ARABIEN
(Anrede: Your Majesty / Majestät)
Fax: (00 966) 11 403 3125 (über das Innenministerium)
Twitter: @KingSalman
INNENMINISTER
His Royal Highness Prince Mohammed bin Naif
bin Abdul Aziz Al Saud
Ministry of the Interior, P.O. Box 2933
Airport Road, Riyadh 11134
SAUDI-ARABIEN
(Anrede: Your Excellency / Exzellenz)
Fax: (00 966) 11 403 3125 (über das Innenministerium)
Sende eine Kopie an
VORSITZENDER DER STAATLICHEN MENSCHENRECHTSKOMMISSION
Bandar Mohammed 'Abdullah Al-Aiban
Human Rights Commission
P.O. Box 58889, Riyadh 11515
King Fahad Road, Building No. 373 Riyadh
SAUDI-ARABIEN
Fax: (00 966) 11 418 5101
E-Mail: info@hrc.gov.sa
BOTSCHAFT DES KÖNIGREICHS SAUDI-ARABIEN
S. E. Herrn Prof. Dr. med Ossama Abdulmajed Ali Shobokshi
Tiergartenstr. 33-34
10785 Berlin
Fax: 030-8892 5179
E-Mail: deemb@mofa.gov.sa
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 8. Dezember 2015 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
FAXE, E-MAILS, TWITTERNACHRICHTEN ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Ich bitte Sie eindringlich, den Schuldspruch und das Todesurteil gegen Scheich Nimr Baqir al-Nimr aufzuheben und ihn sofort freizulassen.
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Bitte sorgen Sie zudem dafür, dass er jegliche erforderliche medizinische Behandlung erhält.
- Bitte verfügen Sie ein Hinrichtungsmoratorium, als ersten Schritt hin zur vollständigen Abschaffung der Todesstrafe in Saudi-Arabien.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Calling on the Saudi Arabian authorities to quash the conviction and death sentence handed down to Sheikh Nimr Baqir al-Nimr and release him immediately in relation to the charges of which he was convicted.
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Urging them to provide him with any medical attention he may require.
- Urging them to establish immediately an official moratorium on all executions with a view to abolishing the death penalty in Saudi Arabia.
Sachlage
Das Todesurteil von Scheich Nimr Baqir al-Nimr ist sowohl von der Kammer für Berufungsverfahren des Sonderstrafgerichts in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad als auch vom Obersten Gerichtshof des Landes bestätigt worden. Sobald der König das Urteil bestätigt, kann Scheich Nimr Baqir al-Nimr jederzeit hingerichtet werden.
Das Verfahren gegen Scheich Nimr Baqir al-Nimr, welches am 25. März 2013 begonnen hatte, war von Mängeln durchzogen. Unter anderem hatte er während seiner Zeit in Untersuchungshaft und in wichtigen Phasen des Verfahrens keinen Zugang zu seinem Rechtsbeistand. Zudem erhielt er nicht ausreichend Zeit und keine angemessenen Räumlichkeiten, um seine Verteidigung vorzubereiten. Sein Rechtsbeistand wurde darüber hinaus nicht über wichtige Verhandlungstermine in Kenntnis gesetzt.
Die Beweise für die Anklagepunkte, in denen Scheich Nimr Baqir al-Nimr schuldig gesprochen wurde, stammten aus religiösen Predigten und aus Interviews, die dem Geistlichen zugeschrieben werden. Eine Überprüfung dieser Texte durch Amnesty International hat ergeben, dass er darin lediglich Gebrauch von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung gemacht und nicht zu Gewalt aufgerufen hat. Viele der Anklagepunkte, wie zum Beispiel "Ungehorsam gegenüber dem Herrscher", dürfen eigentlich keine Straftaten darstellen, da es sich lediglich um die friedliche Wahrnehmung des Rechts auf Meinungsfreiheit und anderer Menschenrechte handelt. Andere Anklagen sind vage gehalten und wurden missbraucht, um die Wahrnehmung von Menschenrechten zu bestrafen.
Scheich Nimr Baqir al-Nimr ist der Imam der al-Awamiyya-Moschee in al-Qatif im Osten Saudi-Arabiens. Er wurde am 8. Juli 2012 ohne Haftbefehl festgenommen. Sicherheitsbeamt_innen zwangen ihn, sein Auto anzuhalten und schossen auf ihn, als er sich weigerte, mit ihnen zu kommen. Seit seiner Inhaftierung hat er die meiste Zeit in Einzelhaft in Militärkrankenhäusern und im al-Ha’ir-Gefängnis in Riad verbracht. Infolge des Vorfalls bei seiner Festnahme ist eines seiner Beine gelähmt. Er benötigt noch immer medizinische Versorgung.
Hintergrundinformation
Die Einwohner_innen der mehrheitlich schiitischen Ostprovinz von Saudi-Arabien berichten schon seit langem von Diskriminierung und Schikane durch die Behörden. Zum Teil ermuntert durch die Proteste im Mittleren Osten und in Nordafrika 2011 organisierten sie Demonstrationen, um gegen die Schikane, die Festnahmen und Inhaftierungen von Angehörigen der schiitischen Gemeinschaft zu protestieren und ihre Unterstützung für die Demonstrant_innen in Bahrain zum Ausdruck zu bringen. Die Behörden nehmen unter anderem das Feiern schiitischer Feste sowie Verstöße gegen die Einschränkungen beim Bau schiitischer Moscheen und religiöser Schulen zum Anlass für diese Repressalien.
Die saudischen Behörden reagieren mit repressiven Maßnahmen gegen diejenigen, die im Verdacht stehen, an den Protesten teilzunehmen, sie zu unterstützen oder sich kritisch gegenüber dem Staat zu äußern. Protestierende werden ohne Anklage und ohne Kontakt zur Außenwelt tage- oder wochenlang in Haft gehalten, wo Berichten zufolge einige gefoltert oder anderweitig misshandelt werden. Seit 2011 wurden mindestens 20 Menschen in Verbindung mit den Protesten in der Ostprovinz getötet, Hunderte wurden inhaftiert. Neben Scheich Nimr Baqir al-Nimr sind mindestens noch sechs weitere Personen im Zusammenhang mit den Demonstrationen von 2011 und 2012 zum Tode verurteilt worden. Drei von ihnen waren zum Zeitpunkt ihrer Festnahme unter 18 Jahre alt. Sie haben angegeben, mit Folter zur Abgabe von "Geständnissen" gezwungen worden zu sein. Einer der sieben, Ali al-Nimr, ist der Neffe von Scheich Nimr Baqir al-Nimr. Mehr Informationen zu dem Fall von Ali al-Nimr finden Sie in UA-143/2014-2, unter https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-143-2014-2/drohende-hinrichtung. Informationen zu dem Fall der beiden weiteren Personen, die bei ihrer Festnahme noch minderjährig waren, finden Sie in UA-229/2015, unter https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-143-2014-2/drohende-hinrichtung.
Scheich Nimr Baqir al-Nimr wurde am 8. Juli 2012 festgenommen. Das Innenministerium gab bekannt, dass der Geistliche als "Anstifter zur Aufruhr" festgenommen wurde und man auf ihn geschossen habe, weil "er und diejenigen, die bei ihm waren, sich an einem Kontrollpunkt den Sicherheitskräften widersetzt, auf die Sicherheitskräfte geschossen und ein Fahrzeug der Sicherheitskräfte gerammt haben, als sie versuchten zu fliehen". Die Behörden veröffentlichten Fotos des Geistlichen, wie er – scheinbar mit einer Schusswunde an einem Bein – auf dem Rücksitz eines Autos liegt.
Scheich Nimr Baqir al-Nimr wurde während seiner gesamten Zeit in Haft, von der er einen Großteil in Einzelhaft in Militärkrankenhäusern und im al-Ha’ir-Gefängnis in Riad verbracht hat, misshandelt. Er hatte nur unregelmäßigen Zugang zu seiner Familie und Rechtsbeiständen und erhielt nicht die erforderliche medizinische Behandlung. Unter anderem wurde die Entfernung einer Kugel aus seinem Rücken herausgezögert. Auch sein noch immer gelähmtes rechtes Bein wurde erst nach einiger Zeit behandelt.
Das Verfahren von Scheich Nimr Baqir al-Nimr, welches vor dem Sonderstrafgericht stattfand, war von zahlreichen Mängeln durchzogen. Sein Rechtsbeistand wurde daran gehindert, während des Verfahrens mit den Medien zu sprechen und dazu gezwungen, schriftlich zuzusichern, dass er keine Gerichtunterlagen weitergibt. Zur gleichen Zeit führten die staatliche Medien eine Hetzkampagne gegen den Geistlichen, in der man ihn den "Anführer des Awamiyya-Konflikts" nannte und als Analphabeten oder ungebildet bezeichnetet, ihn als einen Befürworter von Gewalt darstellte und behauptete, dass er den Richter angelogen habe.
Die gegen den Geistlichen erhobenen Anklagen waren allgemein und vage gehalten. Mit einigen der Anklagepunkte, wie dem "Ungehorsam gegenüber dem Herrscher" und dem "Auffordern zu Demonstrationen" wird die friedliche Wahrnehmung von Menschenrechten rechtswidrig unter Strafe gestellt. Die gegen Scheich Nimr Baqir al-Nimr vorgelegten Beweise stammen aus zwei Quellen: den Aussagen der Sicherheitskräfte, die ihn festgenommen haben, und neun Predigten und einigen Interviews, die der Geistliche zwischen 2011 und 2012 gegeben hatte. Dennoch durften die Sicherheitskräfte sich weigern, vor Gericht auszusagen oder von der Verteidigung ins Kreuzverhör genommen zu werden. Dies widerspricht den in Saudi-Arabien geltenden Gesetzen. Amnesty International hat die Beweise, die sich auf die neun Predigten sowie auf andere Reden des Geistlichen stützen, untersucht und ist der Ansicht, dass er lediglich sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen und nicht zu Gewalt aufgerufen hat.