Mordzeuge in Gefahr

Ergebnis dieser Urgent Action

Caspian Makan aus Teheran soll gegen Kaution aus dem Evin-Gefängnis entlassen worden sein. Wann und unter welchen Umständen ist allerdings noch unklar.

Caspian Makan befindet sich seit dem 26. Juni im Evin-Gefängnis. Er war der Verlobte von Neda Agha Soltan, die bei den jüngsten Demonstrationen in Teheran getötet wurde. Amnesty International befürchtet, dass er in Haft gehalten wird, weil er Zeuge der Tötung seiner Verlobten war und später ein Mitglied der Basij-Milizen der Tat beschuldigte. Er ist in Gefahr, in der Haft gefoltert oder misshandelt zu werden.

Appell an

RELIGIONSFÜHRER
Ayatollah Sayed 'Ali Khamenei
The Office of the Supreme Leader
Islamic Republic Street - End of Shahid Keshvar Doust Street, Tehran, IRAN (korrekte Anrede: Your Excellency)
E-Mail: über die Websites:
http://www.leader.ir/langs/en/index.php?p=letter (Englisch)

OBERSTE JUSTIZAUTORITÄT
Ayatollah Sadeqh Larijani, Howzeh Riyasat-e Qoveh Qazaiyeh
Pasteur St., Vali Asr Ave., south of Serah-e Jomhouri
Tehran 1316814737, IRAN
(korrekte Anrede: Your Excellency)
E-Mail: über die Website
http://www.dadiran.ir/tabid/81/Default.aspx

Auf der Website füllen Sie bitte die mit einem roten Sternchen markierten Textfelder unterhalb der E-Mail-Adresse info@dadiran.ir aus. In die erste Textzeile schreiben Sie Ihren Vor-, in die zweite ihren Nachnamen. Die dritte Zeile (ohne Sternchen) bleibt leer. In der letzten Zeile geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an. Ihren Appelltext schreiben Sie bitte in die große Textbox darunter.

Sende eine Kopie an

PARLAMENTSSPRECHER
Speaker of Parliament
His Excellency Ali Larijani
Majles-e Shoura-ye Eslami
Baharestan Square, Tehran
IRAN
Fax: (0098) 21 3355 6408

BOTSCHAFT DER ISLAMISCHEN REPUBLIK IRAN
S.E. Herrn Alireza Sheikh Attar
Podbielskiallee 65-67
14195 Berlin
Fax: 030-8435 3535
E-Mail: iran.botschaft@t-online.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Persisch, Arabisch, Französisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 15. Oktober 2009 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE LUFTPOSTBRIEFE, FAXE UND E-MAILS, IN DENEN SIE

  • Ihre Sorge darüber ausdrücken, dass Caspian Makan allein deshalb in Haft gehalten wird, weil er ein Zeuge der Tötung seiner Verlobten war und später in Stellungnahmen Mitglieder der Basij-Milizen mit ihrem Tod in Verbindung brachte;

  • die Behörden auffordern, Caspian Makan vor Folter und anderen Misshandlungen in der Haft zu schützen und insbesondere sicherzustellen, dass er nicht unter Folter gezwungen wird, ein "Geständnis" abzulegen;

  • bei den Behörden darauf dringen, dass Caspian Makan sofort Zugang zu einem Rechtsanwalt, seinen Familienangehörigen sowie die eventuell erforderliche medizinische Versorgung erhält.

Sachlage

Die 27-jährige Neda Agha Soltan wurde am 20. Juni 2009 in Teheran erschossen, als sie zusammen mit drei weiteren Personen, darunter Caspian Makan, eine Demonstration verließ. Es handelte sich dabei um eine der zahlreichen Massenprotestkundgebungen, die nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen vom 12. Juni stattfanden. Als die junge Frau von einer Kugel getroffen wurde und Demonstrierende ihr helfen wollten, filmte ein Passant mit der Kamera seines Mobiltelefons ihr Sterben. Die im Internet verbreiteten Aufnahmen wurden zum Symbol der Proteste im Iran.

Caspian Makan wurde am 26. Juni in seiner Wohnung im Norden von Teheran festgenommen. Er hatte am 22. Juni in einem Interview mit dem persischsprachigen Fernsehen der BBC erklärt, dass "Augenzeugen und Videoaufnahmen [...] eindeutig zeigen, dass sie – wahrscheinlich von Basij-Paramilitärs – [...] gezielt ins Visier genommen wurde". Später stellte sich heraus, dass ein Mitglied der Basij-Milizen, die den Revolutionsgarden unterstehen, sich selbst belastete, als er nach den Schüssen ausrief, er habe sie nicht töten wollen.

Caspian Makan soll seiner Familie mitgeteilt haben, dass man ihm in Aussicht gestellt habe, aus dem Evin-Gefängnis freigelassen zu werden, wenn er ein "Geständnis" unterzeichne, in dem er erkläre, die iranischen Oppositionsgruppe der Volksmudschaheddin (People's Mojahedeen Organization of Iran - PMOI) habe Neda Agha Soltan getötet. Angesichts der systematischen Menschenrechtsverletzungen nach den Präsidentschaftswahlen, fürchtet Amnesty International, dass Caspian Makan durch Folterungen oder andere Misshandlungen zu einem solchen "Geständnis" gezwungen werden könnte. Er könnte ein gewaltloser politischer Gefangener sein, der allein wegen der friedlichen Wahrnehmung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung festgehalten wird.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Präsident Mahmoud Ahmadinejad soll den Tod von Neda Agha Soltan als "suspekt" beschrieben haben und beantragte am 29. Juni in einem Schreiben an die Oberste Justizautorität die Untersuchung der Umstände des Todes der jungen Frau. In den Tagen nach der Tötung gaben verschiedene Regierungsvertreter Stellungnahmen ab, in denen sie bestritten, dass Sicherheitskräfte für die Tat verantwortlich waren. In einigen Fällen erhoben die Regierungsvertreter auch Anschuldigungen gegen andere. Ayatollah Ahmad Khatami, ein Vertreter des Religionsführers, erklärte beim Freitagsgebet an der Teheraner Universität am 26. Juni, dass die vorliegenden Beweise zeigten, dass die Frau von den Demonstrierenden selbst getötet worden sei, um die Tat als "Propaganda" gegen das System zu nutzen.

Die Behörden haben seitdem immer wieder IranerInnen eingeschüchtert, die sich zu der Tötung geäußert haben. So hat der Polizeichef, Brigadegeneral Ahmadi-Moghaddam, auf einer Pressekonferenz am 30. Juni bekannt gegeben, dass die iranische Polizei und das Geheimdienstministerium über Interpol einen internationalen Haftbefehl gegen Dr. Arash Hejazi erlassen hätten. Dr. Arash Hejazi ist ein Arzt, der am Tatort versucht hatte, Neda Agha Soltans Leben zu retten und der später in internationalen Medien über die Geschehnisse berichtet hatte. Die iranischen Behörden werfen ihm nun vor, Falschinformationen über die Tötung verbreitet zu haben und die "Atmosphäre auf internationaler Ebene vergiftet" und so dem Ansehen der iranischen Regierung geschadet zu haben. Sowohl Dr. Arash Hejazi als auch der Fernsehjournalist, der Caspian Makan interviewt hatte, haben aus Angst um ihre Sicherheit, den Iran verlassen.

Die iranischen Behörden haben nach dem Tod von Neda Agha Soltan deren Familie und andere Trauernde drangsaliert und eingeschüchtert. Bevor sie in einem Bereich des Friedhofs Behesht-e Zahra beerdigt wurde, den die Behörden für die während der Unruhen Getöteten vorgesehen haben, sollen Behördenvertreter die Familie aufgefordert haben sicherzustellen, dass niemand außer den Angehörigen an der Bestattung teilnimmt. Wenn sie dies nicht befolgten, drohten ihnen nicht näher definierte Strafen. Nach vorliegenden Informationen haben die Behörden zudem gemeinsame Gebete für Neda Agha Soltan in den Moscheen verboten. Als die Familie von Neda Agha Soltan einen Gedenkgottesdienst für sie in der Niloufar-Moschee in Abbas Abad abhalten wollte, drangen nach zehn Minuten etwa 20 Basij-Milizen in die Moschee ein und vertrieben die Betenden.

Der Vater von Neda Agha Soltan hielt sich gerade im Ausland auf, als seine Tochter getötet wurde. Als er zurückkehrte, soll er zunächst gesagt haben: "Sie haben meine Tochter getötet". Später erklärte er im staatlichen Fernsehen, dass er die "Monafeqin" (von der Regierung verwendeter Begriff für die PMOI) für die Mörder seiner Tochter halte. Er ist nicht bekannt, unter welchen Umständen er diese Stellungnahme abgab bzw. ob er dazu gezwungen worden sein könnte.

Die Basij-Milizen stellten hunderttausende Kämpfer im Iran-Irak-Krieg 1980-88. Ihr Kommandant wird vom Religionsführer ernannt. Die Milizen genießen hohes Ansehen in Regierungskreisen. Aufgrund dieses Ansehens und ihrer engen Verbindungen zur Regierung sind die Behörden nicht bereit zuzugeben, dass Basij-Mitglieder Verbrechen gegen iranische StaatsbürgerInnen begangen haben könnten. Eine solche Anschuldigung könnte nach Einschätzung der Regierung eine inakzeptable Verunglimpfung des Rufs des Religionsführers bedeuten.

Hunderte Personen, die an den Protestkundgebungen gegen das umstrittene Wahlergebnis vom 12. Juni 2009 teilgenommen haben, "gestanden" später vage formulierte Anklagen, die oft keine strafbare Handlung darstellen. Diese "Geständnisse" sind offenbar unter Zwang erpresst worden. Amnesty International liegen zahlreiche Berichte vor, denen zufolge männliche und weibliche Gefangene von Sicherheitskräften gefoltert und vergewaltigt wurden. Iranische BehördenvertreterInnen haben bestätigt, dass zumindest einige Gefangene gefoltert und auf andere Weise misshandelt worden sind und diese Menschenrechtsverletzungen in mindestens einer Hafteinrichtung, Kahrizak, außerhalb von Teheran, stattfanden.