200 Familien obdachlos
Am 23. Oktober 2010 wurde die im Nordosten von Kairo liegende informelle Siedlung Ezbet Abu Rgela von Abwasser überflutet. 200 Familien, die dort in Behelfsunterkünften gelebt hatten, wurden dadurch obdachlos. Sie benötigen dringend Ersatzunterkünfte.
Appell an
GOUVERNEUR VON KAIRO
Dr. Abdel-Azim Morsi Wazir
7 Abdin square, Al Gomhoriya Street
Cairo
ÄGYPTEN
(korrekte Anrede: Dear Governor)
Fax: (00 20) 223904620
E-Mail: Cairogov@Cairo.gov.eg
Sende eine Kopie an
LEITER DES ENTWICKLUNGSPROGRAMMS FÜR INFORMELLE SIEDLUNGEN
Ali El-Faramawy
3 El-Mokhayam El-Dayem Street
Nasr City, Cairo
ÄGYPTEN
(korrekte Anrede: Dear Mr. Ali El-Farawamy)
Fax: (00 20) 222 634 000
BOTSCHAFT DER ARABISCHEN REPUBLIK ÄGYPTEN
S.E. Herrn Ramzy Ezz Eldin Ramzy
Stauffenbergstraße 6 – 7
10785 Berlin
Fax: 030-477 1049
E-Mail: embassy@egyptian-embassy.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 13. Dezember 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
SCHREIBEN SIE BITTE E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Ich möchte Sie dringend auffordern, den von der Überflutung ihrer Wohngebiete betroffenen Familien unverzüglich Hilfe zukommen zu lassen und ihnen zunächst einmal Ersatzunterkünfte bereit zu stellen.
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Weiter erinnere ich Sie höflich an ihre Pflicht, das Leben und die Gesundheit der Bewohner_innen von Ezbet Abu Rgela zu schützen und ihr Recht auf angemessenen Wohnraum zu respektieren.
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Bitte entschädigen Sie die betroffenen Familien für die erlittenen Verluste.
- Die Behörden sollten eine erfolgreiche Konsultation mit den Bewohner_innen von Ezbet Abu Rgela als oberste Priorität betrachten, ihnen angemessene Ersatzunterkünfte bereitstellen und umgehend die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um das Leben der Bewohner_innen zu schützen und ihre Sicherheit zu garantieren und dabei Garantien gegen eine Zwangsräumung beachten.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Urging the Egyptian authorities to immediately provide emergency shelter and assistance to the families affected by the sewerage flooding in Ezbet Abu Rgela.
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Reminding the authorities of their duty to protect the residents of Ezbet Abu Rgela and their right to adequate housing.
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Urging them to provide the families affected with compensation for the losses they have incurred.
- Asking that they initiate as a matter of priority a process of effective consultation with residents of Ezbet Abu Rgela to provide them with adequate alternative housing and implement measures necessary to safeguard residents’ lives and safety, respecting guarantees against forced eviction.
Sachlage
Die Überschwemmung hatte sich ereignet, nachdem offenbar ein Bewohner der Siedlung mit einem in den Abwasserkanal reichenden defekten Elektrokabel in Berührung gekommen war und dadurch zu Tode kam. Die Polizei wurde alarmiert, und die für die Siedlung zuständige Behörde schickte einen Bulldozer, um den Toten zu bergen. Das Fahrzeug beschädigte dabei Berichten zufolge die Kanalwand und verursachte ein Leck, durch welches das Abwasser austreten konnte. Nach Auskunft der Bewohner_innen von Ezbet Abu Rgela verstärkten die Behörden den Bereich des Lecks und entsandten Fahrzeuge, mit denen das Wasser abgepumpt wurde. Die Anwohner_innen versuchten ihrerseits, den Kanal mit Sand und Gegenständen abzudichten. In einigen Häusern stand das Abwasser jedoch schon meterhoch, andere waren aufgrund eingestürzter Mauern unbewohnbar. Sieben Häuser stürzten zusammen.
Insgesamt wurden 200 Familien obdachlos, vor allem jene, deren Wohnungen unterhalb des Wasserspiegels des Kanals gelegen hatten. Derzeit übernachten die betroffenen Familien auf den Straßen in der Nähe ihrer einstigen Häuser, um ihre verbliebenen Besitztümer zu bewachen. In den Nachtstunden schützen sie sich durch offene Feuerstellen vor herumstreunenden Tieren und anderen Gefahren. Die Behörden vor Ort haben den Familien weder übergangsweise eine Unterkunft angeboten noch dafür gesorgt, dass sie dauerhaft neuen Wohnraum erhalten.
Die ägyptische Nichtregierungsorganisation für das Recht auf Wohnen (Egyptian Centre for Housing Rights) hat bei der Staatsanwaltschaft Klage zugunsten von 55 Familien eingereicht und gefordert, ihnen eine Unterkunft bereit zu stellen und sie mit dem Nötigsten zu unterstützen. Einige der Familien fanden in einer nahen Moschee eine vorübergehende Bleibe und werden dort mit Nahrungsmitteln und Decken versorgt. Andere Familien konnten bei Freund_innen oder Bekannten unterkommen.
Am 10. Oktober 2010 gab die Verwaltung von Kairo nach vorliegenden Meldungen bekannt, in der südöstlich von Gizeh gelegenen Stadt 6 October City Wohnraum für die Bewohner_innen von Ezbet Abu Rgela und anderer "unsicherer Viertel" der Hauptstadt Kairo schaffen zu wollen. Ein direktes Gespräch mit den Betroffenen über die Pläne der Stadtverwaltung hat nicht stattgefunden.
Hintergrundinformation
Die Ortschaft Ezbet Abu Rgela liegt in der Nähe des Flughafengeländes von Kairo. Sie erstreckt sich entlang eines oberirdischen Abwasserkanals, so dass die Bewohner_innen vor allem während der Regenfälle im Winter ständig mit Überschwemmungen rechnen müssen. Die überwiegende Mehrzahl von ihnen lebt in ärmlichen Verhältnissen und zahlt eine monatliche Miete von 100 bis 250 ägyptischen Pfund (umgerechnet rund 18 bis 30 EURO). Die meisten Bewohner_innen arbeiten als Tagelöhner_innen oder in der Abfallaufbereitung. Die Siedlung ist in den 1970er Jahren angewachsen, als die Bewohner_innen vornehmlich im Besitz der Armee befindliche Ländereien an sich brachten. In den zurückliegenden Jahren haben sie das Fehlen grundlegender Infrastrukturmaßnahmen beklagt, beispielsweise eine mangelnde Versorgung mit Wasser, Strom und sanitären Einrichtungen. Die Frauen fühlten sich auf den Straßen nicht sicher, Kinder sollen in den offenen Abwasserkanälen ertrunken sein. Außerdem drohten der Ausbruch von Feuer und Stromschläge infolge nicht sachgemäß verlegter Leitungen. Auch vom Schienenverkehr zwischen Kairo und Suez gehen Gefahren aus, da die Gleise ohne Sicherheitsabzäunung durch Ezbet Abu Rgela führen.
Die Entwicklungsgesellschaft für informelle Siedlungen (Informal Settlement Development Facility – ISDF), eine vom ägyptischen Staatschef im Jahr 2008 ins Leben gerufene Einrichtung, weist Ezbet Abu Rgela als eine von 53 für die Bewohner_innen "nicht sichere Gebiete" der Hauptstadt Kairo aus. Die ISDF koordiniert Pläne und Vorhaben der Regierung im Umgang mit informellen Siedlungen und räumt dabei "nicht sicheren Gebieten" vorrangigen Handlungsbedarf ein. Amnesty befürchtet jedoch, dass derartige Pläne ohne Rücksprache mit den Menschen vor Ort erarbeitet werden und damit die Gefahr bergen, dass es zu Zwangsräumungen kommt. Die Organisation hat Pläne kritisiert, die im Großraum Kairo und in Assuan die Räumung von 33 "nicht sicheren Gebieten" vorsehen. Die meisten davon befinden sich in Staatsbesitz. Zwangsräumungen werden in der Regel von den örtlichen Behörden mit Unterstützung der Polizei vorgenommen. Amnesty hat die Zwangsräumung der informellen Siedlungen Manshiyet Nasser, Establ Antar und Ezbet Khayrallah dokumentiert, den größten derartigen Siedlungen in Kairo.
Mitte Juni 2008 unternahm die Militärpolizei den Versuch, die Siedlung Ezbet Abu Rgela zu räumen und die dortigen Häuser abzureißen, um die Erweiterung eines benachbarten Gartengrundstücks zu ermöglichen. Als die Bewohner_innen sich dem Vorhaben widersetzten, wurde ihnen von der Militärpolizei eine Frist von zwei Wochen gewährt und gedroht, dass man den Räumungsbefehl am 30. Juni 2008 nötigenfalls auch unter Einsatz von Gewalt ausführen werde. An dem fraglichen Tag wurden die Bewohner_innen von Mitgliedern der Nichtregierungsorganisation für das Recht auf Wohnen (Egyptian Center for Housing Rights) und der Jugendbewegung des 6. April (6 April Youth Movement) unterstützt. Beide Organisationen schalteten darüber hinaus die Medien ein. Letztlich unterblieb die Räumung der Siedlung, die dortigen Wohnbedingungen sind aber noch immer erbärmlich.