Todesurteil vollstreckt

Am Abend des 20. Juli 2011 wurde im US-Bundesstaat Texas der Gefangene Mark Stroman hingerichtet. Er war für schuldig befunden worden, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 einen indischen Einwanderer ermordet zu haben.

Sachlage

Am 4. Oktober 2001 wurde der aus Indien stammende Vasudev Patel in der Nähe von Dallas in Texas erschossen. Er betrieb dort gemeinsam mit seiner Frau eine Tankstelle. Die Tötung war Teil einer Reihe von Gewaltverbrechen in dieser Gegend kurz nach dem 11. September 2001, für die sich Mark Stroman verantwortlich erklärte. Zum Kreis der Personen, die Mark Stroman angriff, zählt auch Rais Bhuiyan, der von einer aus nächster Nähe abgefeuerten Kugel im Gesicht getroffen wurde, dessen Leben aber gerettet werden konnte. Rais Bhuiyan hat sich für die Umwandlung des gegen Mark Stroman verhängten Todesurteils eingesetzt.

In einem jüngst mit der Zeitung New York Times geführten Interview wurde Rais Bhuiyan gefragt, warum er sich dafür engagiere, das Leben von Mark Stroman zu retten. Er erwiderte: "Ich bin von meinen Eltern und meinen LehrerInnen in meiner Entwicklung sehr gefördert worden. Sie haben mir moralische Werte und einen starken Glauben mit auf meinen Lebensweg gegeben und mich gelehrt, mich in die Situation anderer Menschen einzufühlen. Selbst wenn dich Menschen verletzen, darf man keine Rache üben. Man sollte verzeihen und den Blick nach vorne richten. Damit tust du Gutes sowohl für dich als auch für die anderen. Zu dieser Einstellung bin ich nicht zuletzt durch meinen Glauben an die Werte des Islam gelangt. Er (Mark Stroman) sagt, seine Tat – die Erschießung von Muslimen – sei eine Art Kriegshandlung gewesen, die auch viele andere Amerikaner begangen hätten, wenn sie den Mut dazu hätten aufbringen können. Nach der Tat habe ich in diesem Land um mein Leben gekämpft. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Vergebung nicht ausreicht. Er hat aus Unwissenheit gehandelt. Ich musste einfach etwas tun, um das Leben dieses Menschen zu retten. Ich wollte zeigen, dass die Antwort auf die Vorgänge vom 11. September nicht darin bestehen kann, in Dallas einen Menschen zu töten... Ich habe mich um ein Treffen mit Herrn Stroman bemüht. Ich möchte ihn persönlich kennen lernen und mich mit ihm austauschen. Ich möchte mit ihm über Liebe und Mitgefühl sprechen. Wir alle machen Fehler. Er ist wie ich ein menschliches Wesen. Wir müssen die Sünde verabscheuen, dürfen aber den Sünder nicht hassen. Ich muss ihn treffen, um ihm sagen zu können, dass ich mit ihm fühle und er meiner festen Meinung nach eine zweite Chance erhalten muss. Ich möchte ihm auch sagen, dass ich die USA niemals gehasst habe. Er könnte eine Menge Leute zum Umdenken bewegen. Was derzeit passiert, beschäftigt mich sehr und raubt mir den Schlaf. Wenn ich zu Bett gehe, muss ich daran denken, dass eine andere mir bekannte Person in ihrem Bett darüber grübelt, was mit ihr passieren wird; die sich ausmalt, wie sie an ein Bett gefesselt und getötet wird. Solche Gedanken setzen mir sehr zu, machen mich traurig und wecken in mir den Wunsch, mehr tun zu wollen."

Auf die Frage, wie er über die Bemühungen von Rais Bhuiyan denkt, antwortete Mark Stroman gegenüber der New York Times: "Herr Rais Bhulyan hat ein Herz voller Wärme... Nach dem, was ich getan habe, spricht sein Einsatz für mich Bände... Er hat mich und viele andere Menschen auf der Welt zutiefst berührt."

Die für 18.00 Uhr Ortszeit geplante Hinrichtung wurde zunächst verschoben, nachdem bei Gericht im Namen von Rais Bhuiyan ein entsprechender Antrag eingegangen war. Mit dem Antrag sollte ein Hinrichtungsaufschub erwirkt und Mark Stroman Gelegenheit gegeben werden, die im texanischen Recht vorgesehene Möglichkeit eines Täter-Opfer-Ausgleichs wahrzunehmen. AnwältInnen machten vor dem Bundesgericht geltend, dass der in Texas von Rechts wegen mögliche Täter-Opfer-Ausgleich "genau den Prozess möglich macht", an dem Rais Bhuiyan durch seine religiösen Überzeugungen "teilhaben möchte". Sollte Mark Stroman hingerichtet werden, so die AnwältInnen, wäre Rais Bhuiyan jede Möglichkeit genommen, "dieses Kapitel seines Lebens abzuschließen, Frieden in seine Gedanken und Gefühle zu bringen und seine ursprüngliche Position als Opfer eines Schusswaffenanschlags abzustreifen". Das Bezirksgericht lehnte einen Hinrichtungsaufschub mit der Begründung ab, dass der von Rais Bhuiyan geltend gemachte "irreparable Schaden nicht so schwer wiege wie die Behinderung des Arbeitsablaufs des Strafjustizsystems, die durch Gewähren eines Hinrichtungsaufschubs eintreten würde".

Nach Abweisung des Antrags wurde Mark Stroman innerhalb von weniger als 60 Minuten hingerichtet und um 20.53 Uhr Ortszeit für tot erklärt.

Seit der Wiederaufnahme von Hinrichtungen in den USA im Jahr 1977 ist dort die Todesstrafe an 1.263 Menschen vollzogen worden. Im laufenden Jahr sind 29 Menschen exekutiert worden. Seit 1977 fanden in Texas 472 Hinrichtungen statt, davon acht seit Januar 2011.

Weitere Aktionen des Eilaktionsnetzes sind nicht erforderlich. Vielen Dank allen, die Appelle geschrieben haben.