Weiter in Haft

Ägypten - Streetart

Ägypten - Streetart

Eine Woche nach Zahlung einer Kaution in Höhe von 50.000 ägyptischen Pfund (etwa 5.000 Euro) befindet sich der 27-jährige Islam Khalil noch immer in Haft. Er war Opfer des Verschwindenlassens geworden und wurde in Haft gefoltert. Anstatt einer Anordnung zu seiner Freilassung nachzukommen, haben Angehörige der Polizei eine neue Anklage gegen ihn konstruiert und ihn brutal geschlagen.

Appell an

INNENMINISTER
Magdy Abdel Ghaffar
Ministry of Interior
Fifth Settlement, New Cairo
ÄGYPTEN
(Anrede: Your Excellency / Exzellenz)
E-Mail: center@moi.gov.eg oder E.HumanRightsSector@moi.gov.eg
Twitter: @moiegy

STAATSANWALT
Nabil Sadek
Office of the Public Prosecutor
Madinat al-Rehab, New Cairo
ÄGYPTEN
(Anrede: Dear Counsellor / Sehr geehrter Herr Staatsanwalt)

Sende eine Kopie an

STELLVERTRETENDE BEAUFTRAGTE FÜR MENSCHENRECHTE IM AUSSENMINISTERIUM
Laila Bahaa El Din
Deputy Assistant Minister of Foreign Affairs for Human Rights and NGO Affairs
Ministry of Foreign Affairs
Corniche al-Nil, Cairo
ÄGYPTEN
E-Mail: Contact.Us@mfa.gov.eg
Twitter: @MfaEgypt

BOTSCHAFT DER ARABISCHEN REPUBLIK ÄGYPTEN
S. E. Herrn Badr Ahmed Mohamed Abdelatty
Stauffenbergstraße 6-7
10785 Berlin
Fax: 030-477 1049
E-Mail: embassy@egyptian-embassy.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 11. Oktober 2016 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

FAXE, E-MAILS, TWITTER-NACHRICHTEN UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGE

  • Bitte lassen Sie Islam Khalil sofort frei, da seine Inhaftierung rechtswidrig ist.

  • Stellen Sie bitte sicher, dass Islam Khalil bis zu seiner Freilassung vor weiterer Folter und anderweitiger Misshandlung geschützt ist, und gewähren Sie ihm unmittelbaren Zugang zu seiner Familie, seinem Rechtsbeistand und jeglicher erforderlichen medizinischen Versorgung.

  • Stellen Sie bitte zudem sicher, dass eine unabhängige und unparteiische Untersuchung zu seinen Folter- und Misshandlungsvorwürfen durchgeführt wird, und stellen Sie Personen, gegen die ausreichende zulässige Beweise vorliegen, in fairen Verfahren vor Gericht.

Sachlage

Am frühen Morgen des 29. August wurde Islam Khalil zur Überraschung seiner Familie und seines Rechtsbeistandes, die mit seiner Freilassung rechneten, von einer Polizeistation in Alexandria in die Büros des Geheimdienstes und der Sicherheitsbehörde in Kairo gebracht. Am 21. August hatte die Staatsanwaltschaft von Ost-Alexandria Islam Khalils Freilassung gegen Kaution angeordnet. Er ist noch immer wegen der Mitgliedschaft in einer verbotenen Gruppierung angeklagt, weitere Anklagepunkte gegen ihn wurden jedoch nach der Untersuchung seines Falles und der nationalen und internationalen Kampagnen für seine Freilassung von der Staatsanwaltschaft fallen gelassen, wie sein Rechtsbeistand Amnesty International mitteilte. Sollte er in Bezug auf den noch bestehenden Anklagepunkt schuldig gesprochen werden, drohen ihm bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Die Kaution für Islam Khalil wurde am 23. August gezahlt. Am nächsten Tag brachte man ihn vom Al-Arab-Gefängnis in das Direktorat für Sicherheit in Alexandria und anschließend auf die Polizeistation al-Raml, um die Formalitäten für seine Freilassung abzuschließen. Stattdessen wurde er seinem Bruder zufolge dort jedoch von Polizeikräften wiederholt mit Wasserrohren geschlagen, bis er bewusstlos wurde. Darüber hinaus beschuldigte man ihn in einer neuen Anklage, Angehörige der Polizei angegriffen zu haben. Bei einer Verurteilung würde Islam Khalil eine Geldstrafe in Höhe von 10.000 bis 20.000 ägyptischen Pfund (ca. 1.000 bzw. 2.000 Euro) drohen. Sein Bruder teilte Amnesty International mit, dass Islam Khalil von Angehörigen der Polizei bedroht wurde: "Willst du mit diesem ganzen Krawall deine Freilassung erzwingen? Wir lassen dich erst frei, wenn du tot bist." Die Staatsanwaltschaft ordnete bis zum Abschluss der Ermittlungen auch in diesem zweiten Fall die Freilassung von Islam Khalil an. Ein Arzt bestätigte zudem Verletzungen an seinem Körper.

Wie sein Rechtsbeistand Amnesty International mitteilte, wurde Islam Khalil am 29. August in ein Büro des Innenministeriums in Sibirbay im Gouvernement al-Gharbiyya nordwestlich von Kairo gebracht. Weder sein Rechtsbeistand noch seine Familie hatten Zugang zu ihm. Sie wissen nicht, was mit Islam Khalil zuvor an diesem Tag in den Büros der Sicherheitsbehörden passiert ist. Am 30. August soll er auf die Polizeistation in al-Santa, seiner Heimatstadt im Gouvernement al-Gharbiyya, gebracht werden.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Islam Khalil wurde nach eigener Aussage und nach Informationen seiner Familie und seines Rechtsbeistandes in der Haft wiederholt gefoltert und anderweitig misshandelt. Vor den schweren Schlägen auf der Polizeistation in Alexandria wurde Islam Khalil im Borg-al-Arab-Gefängnis gefoltert, nachdem es zwischen ihm und Strafvollzugsbeamt_innen zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen war. Grund dafür war, dass weitere Häftlinge in die nur vier mal sechs Meter große Zelle verlegt werden sollten, in der bereits 25 Gefangene festgehalten wurden. Daraufhin schlugen Angehörige des Gefängnispersonals 30 Minuten lang mit Schlagstöcken auf ihn ein, zerrissen seine Kleidung und verlegten ihn vom 21. bis 29. Juli in Einzelhaft. Er hatte in dieser Zeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Familienbesuchen und frischer Luft. Aus Protest gegen seine Einzelhaft trat er in den Hungerstreik und beendete diesen erst, als er am 29. Juli zurück in seine Zelle gebracht wurde. Sein Gesundheitszustand hat sich aufgrund des Hungerstreiks stark verschlechtert. Er musste sich regelmäßig übergeben und litt an Schwindel. Man verweigert ihm den Zugang zu einem Arzt.

Islam Khalil wurde in den frühen Morgenstunden des 24. Mai 2015 von Angehörigen des ägyptischen Geheimdiensts aus seinem Haus im Gouvernement al-Gharbiyya verschleppt. Er wurde zum Opfer des Verschwindenlassens. Die Behörden stritten seine Inhaftierung ab und sein Verbleib wurde erst 122 Tage später bekannt. In dieser Zeit folterten Angehörige des Geheimdiensts ihn, um ihn dazu zu zwingen, Straftaten zu "gestehen", die er eigenen Angaben zufolge nie begangen hat. Der Geheimdienst stellte einen Bericht zu seinem Fall zusammen, der auch unter Folter erzwungene "Geständnisse" beinhaltete. Am 21. September 2015 wurde Islam Khalil vom Geheimdienst zur Staatsanwaltschaft von Ost-Alexandria gebracht, wo er auf Grundlage der erzwungenen "Geständnisse" verhört wurde. Er erhielt dort keinen Zugang zu seinem Rechtsbeistand oder seiner Familie, was einen Verstoß gegen die Verfassung Ägyptens darstellt. Der Staatsanwalt erließ eine Untersuchungshaftanordnung gegen Islam Khalil. Im Laufe seiner Inhaftierung hat man Islam Khalil geschlagen, ihm Elektroschocks versetzt und ihn in schmerzhaften Positionen an seinen Gliedmaßen an die Decke gehängt. Darüber hinaus drohten Angehörige des Gefängnispersonals ihm mehrfach damit, ihn zu töten.

Ägypten ist Vertragsstaat des UN-Übereinkommens gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe sowie weiterer internationaler Menschenrechtsabkommen, die ebenso wie die Verfassung und nationale Gesetzgebung Ägyptens ein absolutes Verbot der geschilderten Praktiken vorsehen.

In der offiziellen Fallakte wurde das Datum der Festnahme von Islam Khalil vom Geheimdienst gefälscht. Dort steht, er sei am 20. September 2015 festgenommen worden. Tatsächlich befindet er sich jedoch bereits seit dem 24. Mai 2015 in Haft. Offenbar will man so versuchen, die rechtswidrige Festnahme und die fast vier Monate, in denen er unter Bedingungen festgehalten wurde, die dem Verschwindenlassen gleichkommen, zu vertuschen. Der Rechtsbeistand von Islam Khalil hat die Staatsanwaltschaft über die von seinem Mandanten erlittene Folter und das falsche Festnahmedatum informiert. Dennoch wurde bisher weder eine unabhängige ärztliche Untersuchung von Islam Khalil noch Ermittlungen zu den Foltervorwürfen angeordnet, obwohl das ägyptische Recht vorschreibt, dass die Staatsanwaltschaft solchen Vorwürfen nachgehen muss.

Islam Khalil hat seiner Familie gesagt, dass die Strafvollzugsbeamt_innen im Karmouz- und im Borg-al-Arab-Gefängnis gedroht hätten, ihn zu töten, nachdem seine Angehörigen seine Aussage und von ihm geschriebene Briefe veröffentlicht hatten. Weitere Informationen zu seinem Fall finden Sie in einem Video und einer Pressemitteilung von Amnesty International vom 13. Juli auf Englisch unter https://www.amnesty.org/en/latest/news/2016/07/egypt-hundreds-disappeared-and-tortured-amid-wave-of-brutal-repression/.

Amnesty International vorliegenden Informationen zufolge setzt der Geheimdienst des Innenministeriums das Verschwindenlassen von Personen weitverbreitet ein, um die Opposition anzuschrecken und friedlichen Dissens zu verhindern. Jeden Tag "verschwinden" in Ägypten mindestens drei oder vier Menschen. Die Zunahme der Fälle des Verschwindenlassens fällt mit der Ernennung des Innenministers Magdy Abdel-Ghaffar zusammen. Er war lange Angehöriger des Ermittlungsdiensts für Staatssicherheit (State Security Investigation Service), der Geheimpolizei unter Mubarak, die für Entführungen, Folter und andere völkerrechtliche Verbrechen und schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen verantwortlich war.