Zwangsräumung

Abriss, Bahngelände in Port Harcourt 2012

Abriss, Bahngelände in Port Harcourt 2012

Tausende Menschen in der Stadt Port Harcourt sind von rechtswidriger Zwangsräumung bedroht. Die Sicherheitskräfte haben am 27. Juni mit dem Abriss der Häuser begonnen. Nahezu 300 Unterkünfte sind bereits zerstört worden, wodurch Hunderte BewohnerInnen obdachlos wurden.

Appell an

GOUVERNEUR DES BUNDESSTAATES RIVERS
Chibuike Rotimi Amaechi
Office of the Governor
Government House
Port Harcourt
Rivers State
NIGERIA
(korrekte Anrede: Your Excellency / Exzellenz)

MINISTERIN FÜR WOHNRAUM UND STADTENTWICKLUNG
Ms Ama Pepple
Federal Ministry of Lands
Housing and Urban Development
Mabushi
Abuja
NIGERIA

Sende eine Kopie an

LEITER DER MENSCHENRECHTSKOMMISSION
The Executive Secretary
National Human Rights Commission
Professor Bem Angwe
National Secretariat
No.19, Aguiyi Ironsi Street
Maitama
P.M.B. 444
Garki
Abuja
NIGERIA

BOTSCHAFT DER BUNDESREPUBLIK NIGERIA
S.E. Herrn Abdu Usman Abubakar
Neue Jakobstraße 4
10179 Berlin
Fax: 030-2123 0164
E-Mail: info@nigeriaembassygermany.org

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 10. August 2012 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Bitte sorgen Sie dafür, dass den BewohnerInnen von Port Harcourt, deren Unterkünfte zerstört wurden und die gegenwärtig obdachlos sind, übergangsweise Notunterkünfte und Nothilfe – Lebensmittel, Trinkwasser, sanitäre Einrichtungen und Gesundheitsversorgung – zur Verfügung .

  • Bitte setzen Sie alle Zwangsräumungen in Abonnema Wharf aus und stellen Sie sicher, dass alle bereits vertriebenen Menschen angemessene alternative Unterkünfte sowie Entschädigungen für die erlittenen Verluste erhalten.

  • Ich fordere Sie außerdem auf alle erforderlichen Schutzmaßnahmen einzuleiten, um weitere rechtswidrige Zwangsräumungen zu verhindern und sicherzustellen, dass alle weiteren Räumungen in Übereinstimmung mit nigerianischen Gesetzen und regionalen und internationalen Menschenrechtsstandards stehen.

  • Leiten Sie bitte Ermittlungen bezüglich der Rolle der Einsatztruppe JTF bei den Abrissaktionen ein und sorgen Sie dafür, dass Polizei und Militär nicht angewiesen werden, rechtswidrige Zwangsräumungen zu unterstützen.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Urging the authorities to provide temporary housing immediately to the people of Port Harcourt whose homes have been destroyed and who are currently homeless as well as emergency relief, including access to food, shelter, water, sanitation and health care services.

  • Calling on them to stop all forced evictions in Abonnema Wharf, and ensure that all those already evicted receive adequate alternative housing and compensation for all losses and suffering.

  • Urging them to ensure all necessary safeguards are in place to prevent further forced evictions, and ensure that any evictions comply with national law, as well as regional and international human rights standards.

  • Calling on them to order a full and independent investigation, and review the role of the JTF in assisting the demolitions, ensuring that police and soldiers are not ordered to assist in illegal evictions.

Sachlage

Von den Zwangsräumungen werden Schätzungen zufolge 30.000 Menschen betroffen sein, wenn die Regierung des Bundesstaates Rivers ihre Abrissvorhaben fortsetzt. Eine gemeinsame Einsatztruppe der Polizei und des Militärs (Joint Task Force – JTF) führt die Abrissmaßnahmen am Hafengelände Abonnema Wharf in Port Harcourt durch. Die BewohnerInnen haben weder eine schriftliche oder mündliche Ankündigung über die Zwangsräumungen erhalten, noch sind ihnen alternative Unterkünfte angeboten worden. Offenbar werden derzeit Entschädigungen ausgezahlt, aber nicht alle EigentümerInnen haben sie erhalten. Personen, die zur Miete gewohnt haben, erhalten keinerlei Entschädigung. Hunderte werden obdachlos werden, sollten die Abrissarbeiten fortgesetzt werden. Laut Angaben des Beauftragten für Stadtentwicklung der Regierung des Bundesstaates Rivers hat der Gouverneur die JTF angewiesen, die Gebäude "aus Sicherheitsgründen" abzureißen.

Die Regierung des Bundesstaates Rivers hat das rechtsstaatliche Verfahren nicht eingehalten. So wurde den BewohnerInnen nicht mitgeteilt, warum die Unterkünfte abgerissen werden sollten. Der Beauftragte für Stadtentwicklung gab Amnesty International gegenüber an, dies geschehe zum "Schutz der BewohnerInnen". Die Behörden teilten Amnesty International mit, es habe im Juni Schießereien zwischen dort operierenden rivalisierenden Banden gegeben. Die Abrissmaßnahmen sollten dazu dienen, weitere Kämpfe zwischen den Banden zu verhindern. Die Regierung hatte auf einem Treffen am 17. Mai VermieterInnen und EigentümerInnen zugesagt, dass keine Häuser abgerissen würden, bis die vollständigen Entschädigungen ausgezahlt worden seien und ihnen ausreichend Zeit eingeräumt werde, um alternative Wohnmöglichkeiten zu finden. Entgegen dieser Zusage werden derzeit zahlreiche Häuser abgerissen.

Am 27. Juni verloren Hunderte Menschen ihr Obdach und mussten laut Augenzeugenberichten entweder auf der Straße oder bei FreundInnen und Verwandten in den noch nicht abgerissenen Häusern schlafen. Vor und während der Abrissaktionen nahmen Angehörige der JTF zahlreiche Menschen fest. Mehrere von ihnen sind inzwischen wieder freigelassen worden. Örtliche Nichtregierungsorganisationen gehen davon aus, dass die Abrissarbeiten fortgesetzt werden.

[EMPFOHLENE AKTIONEN]

SCHREIBEN SIE BITTE LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Bitte sorgen Sie dafür, dass den BewohnerInnen von Port Harcourt, deren Unterkünfte zerstört wurden und die gegenwärtig obdachlos sind, übergangsweise Notunterkünfte und Nothilfe – Lebensmittel, Trinkwasser, sanitäre Einrichtungen und Gesundheitsversorgung – zur Verfügung .

  • Bitte setzen Sie alle Zwangsräumungen in Abonnema Wharf aus und stellen Sie sicher, dass alle bereits vertriebenen Menschen angemessene alternative Unterkünfte sowie Entschädigungen für die erlittenen Verluste erhalten.

  • Ich fordere Sie außerdem auf alle erforderlichen Schutzmaßnahmen einzuleiten, um weitere rechtswidrige Zwangsräumungen zu verhindern und sicherzustellen, dass alle weiteren Räumungen in Übereinstimmung mit nigerianischen Gesetzen und regionalen und internationalen Menschenrechtsstandards stehen.

  • Leiten Sie bitte Ermittlungen bezüglich der Rolle der Einsatztruppe JTF bei den Abrissaktionen ein und sorgen Sie dafür, dass Polizei und Militär nicht angewiesen werden, rechtswidrige Zwangsräumungen zu unterstützen.

[APPELLE AN]

GOUVERNEUR DES BUNDESSTAATES RIVERS
Chibuike Rotimi Amaechi
Office of the Governor
Government House
Port Harcourt
Rivers State
NIGERIA
(korrekte Anrede: Your Excellency / Exzellenz)

MINISTERIN FÜR WOHNRAUM UND STADTENTWICKLUNG
Ms Ama Pepple
Federal Ministry of Lands
Housing and Urban Development
Mabushi
Abuja
NIGERIA

KOPIEN AN
LEITER DER MENSCHENRECHTSKOMMISSION
The Executive Secretary
National Human Rights Commission
Professor Bem Angwe
National Secretariat
No.19, Aguiyi Ironsi Street
Maitama
P.M.B. 444
Garki
Abuja
NIGERIA

BOTSCHAFT DER BUNDESREPUBLIK NIGERIA
S.E. Herrn Abdu Usman Abubakar
Neue Jakobstraße 4
10179 Berlin
Fax: 030-2123 0164
E-Mail: info@nigeriaembassygermany.org

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 10. August 2012 keine Appelle mehr zu verschicken.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Port Harcourt, Hauptstadt des Bundesstaates Rivers, liegt im erdölreichen Nigerdelta. Im Juli 2008 hatte der Gouverneur Pläne bekanntgegeben, im Rahmen eines Stadtentwicklungsprogramms alle Siedlungen in der Hafenregion abzureißen. Die etwa 40 Siedlungen liegen auf aufgeschüttetem Land am Uferbereich der Stadt; dort leben nach Schätzungen 200.000 bis 500.000 Menschen.

Im Hafenviertel Abonnema Wharf leben nach Schätzungen über 30.000 Menschen. Es liegt in der Nähe der Kraftstofflager der Erdölunternehmen. Dort leben auch die Menschen, die die Nachbarsiedlung Njemanze verlassen mussten, nachdem diese 2009 abgerissen worden war. Viele der BewohnerInnen arbeiten für Regierungsinstitutionen und -einrichtungen. Dennoch hat der Gouverneur des Bundesstaates am 28. Oktober 2011 auf einer Pressekonferenz in Port Harcourt erklärt, 80 Prozent der BewohnerInnen von Abonnema Wharf seien Kriminelle. Er hat seitdem mehrfach den Abriss des Viertels angedroht. Im November 2011 hat ein Gericht (High Court) des Bundesstaats Rivers eine einstweilige Verfügung erlassen, die der Regierung des Bundesstaates Abrissmaßnahmen und Zwangsräumungen in Abonnema Wharf untersagt. Die Regierung von Rivers begann im Juni 2012 mit der Auszahlung von Entschädigungen an HauseigentümerInnen in der Siedlung. Die MieterInnen erhalten allerdings keine Entschädigung. Am 17. Mai hatte die Regierung die BewohnerInnen auf einem Treffen über die geplanten Abrissmaßnahmen und das Entschädigungsverfahren informiert. Ähnliche Konsultationen hatten im Oktober 2011 und im März 2012 stattgefunden.

Der Gouverneur hat wiederholt erklärt, dass die Abrissmaßnahmen die "Säuberung und Eindämmung von kriminellen Aktivitäten" zum Ziel habe. Bis jetzt sind schon Tausende Menschen aus ihrem Zuhause vertrieben worden; über 200.000 weiteren, in der Hafenregion lebenden Personen droht ebenfalls die Zwangsräumung.

Die Abrissaktionen werden von Angehörigen der Joint Task Force (JTF) durchgeführt. Diese sind zwar nigerianische BundesbeamtInnen, unterstehen aber dennoch direkt dem Gouverneur des Bundesstaates. Im Vorfeld war es in mehreren Nächten zu Schusswechseln zwischen rivalisierenden Banden und den Sicherheitskräften gekommen. Laut Angaben der Regierung stellten sich die Banden gegen die Abrisspläne und bedrohten einige EigentümerInnen, die Zahlungen als Entschädigung für ihre Häuser entgegengenommen hatten. Die Behörden erklärten gegenüber Amnesty International, die Abrissarbeiten sollten als Abschreckung für künftige Bandenaktivitäten in der Gemeinde und der Umgebung dienen.

Nigeria ist aufgrund einer Reihe von Menschenrechtsabkommen wie dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, dem Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte und der Afrikanischen Charta über Menschenrechte und Rechte der Völker dazu verpflichtet, rechtswidrige Zwangsräumungen zu unterlassen und ihre BürgerInnen davor zu schützen. Der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte betont, dass Zwangsräumungen nur dann stattfinden dürfen, wenn alle anderen Alternativen ausgeschöpft wurden und angemessene verfahrenstechnische und rechtliche Schutzmaßnahmen getroffen wurden. Dazu gehören die wirkliche Konsultation der Betroffenen, die angemessene und rechtzeitige Ankündigung, angemessene alternative Unterkünfte und Entschädigung für alle Verluste, Schutzmaßnahmen hinsichtlich der Durchführung von Zwangsräumungen sowie der Zugang zu Rechtsschutz und rechtlichen Verfahren einschließlich Prozesskostenhilfe, falls nötig. Die Regierung muss darüber hinaus sicherstellen, dass niemand obdachlos wird oder aufgrund der Räumung anderen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt wird. Die Bestimmungen sind bei allen Räumungen einzuhalten, unabhängig vom Miet- oder Eigentumsstatus der BewohnerInnen, und gelten auch für Menschen, die in informellen Siedlungen leben.

Kapitel 2 der nigerianischen Verfassung von 1999, Abschnitt 16 (2) (d) verpflichtet den Staat, passende und angemessene Unterkunft für alle Bürgerinnen und Bürger sicherzustellen. Doch wie auch andere Richtlinien zu sozialen und wirtschaftlichen Rechten fällt diese Bestimmung unter die "leitenden Prinzipien" der Verfassung. Als solche ist sie nicht justiziabel und deshalb vor den nigerianischen Gerichten nicht einklagbar.