Medizinische Versorgung verweigert

Murad Dzhuraev, 1994

Murad Dzhuraev, 1994

Der ehemalige usbekische Parlamentsangehörige Murad Dzhuraev, der 1995 nach einem unfairen Gerichtsverfahren verurteilt und inhaftiert wurde, benötigt dringend medizinische Versorgung. Seine Gefängnisstrafe wurde aus politischen Gründen viermal verlängert.

Appell an

PRÄSIDENT DER REPUBLIK USBEKISTAN
President Islam Karimov
ul. Uzbekistanskaya 43

Tashkent, USBEKISTAN
(Anrede: Dear President Karimov / Sehr geehrter Präsident)
Fax: (00 998) 71 139 55 25

GENERALSTAATSANWALT
Rashidzhon Kodirov

Prosecutor General’s Office of Uzbekistan
ul. Gulyamova 66
Tashkent 100047, USBEKISTAN
(Anrede: Dear Prosecutor General / Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt)

Sende eine Kopie an

INNENMINISTER
Bahodir Matlubov
Ministerstvo vnutrennikh del
ul. Junus Rajabiy 1
Tashkent 100029, USBEKISTAN
Fax: (00 998) 71 233 89 34
E-Mail: mvd@mvd.uz
info@mvd.uz

BOTSCHAFT DER REPUBLIK USBEKISTAN
S. E. Herrn Durbek Amanov
Perleberger Str. 62, 10559 Berlin
Fax: 030-3940 9862
E-Mail: botschaft@uzbekistan.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Usbekisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 1. September 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

FAXE UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Ich fordere Sie auf, Murad Dzhuraev unverzüglich freizulassen, da sich sein Gesundheitszustand ernsthaft verschlechtert hat und da der wiederholten Forderung, seinen Fall in Übereinstimmung mit den internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren zu untersuchen und auch eine sofortige und unparteiische Untersuchung aller Foltervorwürfe einzuleiten, seit über 19 Jahren nicht Folge geleistet wurde.

  • Ich möchte Sie bitten, dafür Sorge zu tragen, dass Murad Dzhuraev unverzüglich jede von ihm benötigte medizinische Versorgung erhält.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Calling on the Uzbekistani authorities to promptly release Murad Dzhuraev on the grounds of his seriously deteriorated health and also because repeated calls for the investigation into his case to be conducted in a manner consistent with international standards for a fair trial, including a prompt and impartial investigation into all allegations of torture, have gone unheeded for over 19 years.

  • Urging them to ensure that Murad Dzhuraev is immediately provided with any medical care he may require.

Sachlage

Murad Dzhuraev, ein 61-jähriger ehemaliger Angehöriger des usbekischen Parlaments, wurde bei seiner Festnahme 1994 mit der verbotenen demokratischen Oppositionspartei Erk ("Freiheit") in Verbindung gebracht. Er wurde im Jahr darauf nach einem unfairen Gerichtsverfahren zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Murad Dzhuraev ist schwer krank, doch wird ihm jede medizinische Behandlung verweigert.

Seine Frau Holbika Dzhuraeva hat ihn vom 14. bis 15. Juli in der Gefängniskolonie 64/6 der Stadt Chirchiq im Osten Usbekistans besucht. Ihr zufolge hat sich seine Gesundheit im Gefängnis sehr verschlechtert und er soll all seine Zähne verloren haben. 2013 hatte ein Zahnarzt einen Abdruck für ein Gebiss gemacht, doch hat seine Familie seither nichts mehr gehört, und die Gefängnisleitung gewährte ihm keinen Zugang zu einem anderen Zahnarzt. Murad Dhzuraev kann keine feste Nahrung zu sich nehmen, leidet unter Verdauungsproblemen und hat sehr viel an Gewicht verloren. Er leidet unter ständigen Schmerzen in den Beinen sowie unter Kopfschmerzen. Er hat seit seiner Inhaftierung 1994 keinen Zugang zu der benötigten medizinischen Versorgung. Die Gefängnisleitung versucht, ihn zu isolieren, indem sie allen Gefangenen, die mit ihm sprechen, mit einer Verlängerung der Gefängnisstrafe droht.

Im Juni 1994 wurde Murad Dzhuraev in Almaty in Kasachstan entführt und nach Usbekistan gebracht. Er wurde 1995 nach einem unfairen Verfahren wegen des Versuchs, den "gewaltsamen Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung Usbekistans" herbeizuführen, zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Vor seinem Verfahren soll er Unterstützer_innen zufolge von der Polizei gefoltert worden sein, um ihn dazu zu zwingen, sich zu Anklagepunkten zu bekennen, die ihm und zahlreichen Menschenrechtsverteidiger_innen zufolge jeglicher Grundlage entbehrten. Außerdem sei er allein aufgrund seiner Beteiligung an der Verteilung einer verbotenen Oppositionszeitung bestraft worden.

Seine Gerichtsakte soll Berichten zufolge mit einem roten Streifen gekennzeichnet sein. Dies bedeutet, dass die Behörden ihn als Gefahr für den Staat betrachten und er im Gefängnis einer härteren Behandlung unterzogen werden sollte. Murad Dzhuraevs Strafe wurde viermal verlängert, insgesamt um mehr als zwölf Jahre, weil er gegen Gefängnisregeln verstoßen haben soll. Seine Strafe wurde im Dezember 2012 zum vierten Mal verlängert, dieses Mal um drei Jahre. Seiner Familie zufolge bestand einer dieser "Verstöße" darin, dass er versäumt hatte, bei Betreten des Schlafsaales seine Pantoffeln abzulegen.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Murad Dzhuraev war Mitglied der demokratischen Partei Erk, der ersten zugelassenen Oppositionspartei in der Geschichte Usbekistans. 1993 wurde die Partei von den Behörden verboten, und Anfang Februar 1994 begann man, scharf gegen ihre Mitglieder vorzugehen. Der Grund für dieses Vorgehen war anscheinend die erfolgreiche und breite heimliche Verteilung der Erk-Zeitung: Die erste Ausgabe 1994 hatte eine Auflage von 20.000 Exemplaren und soll landesweit verteilt worden sein. Ende Februar und im März 1994 wurden mindestens zehn führende Parteimitglieder zum Verhör festgenommen, nachdem die Polizei in verschiedenen Städten, darunter auch in der Hauptstadt Taschkent, ihre Wohnungen offensichtlich auf Exemplare der Zeitung durchsucht hatte. In einer Ausgabe der Zeitung hatte Muhammad Salih, der im Exil lebende Vorsitzende der Erk-Partei, scharfe Kritik an Präsident Islam Karimov geübt. Außerdem war darin ein Artikel über den zweiten Jahrestag der Schüsse der Polizei auf demonstrierende Studierende in Taschkent im Januar 1992 erschienen sowie eine Liste mit den Personen, die 1993 wegen ihrer politischen Opposition gegen die Regierung verfolgt wurden. Amnesty International ist überzeugt, dass Murad Dzhuraev wegen seiner Verbindung zu Muhammad Salih und angesichts einer nach wie vor scharfen Vorgehensweise gegen die Mitglieder der verbotenen Erk-Partei festgenommen wurde.

Am 27. Juli 2004 wurde Murad Dzhuraev zusätzlich wegen der "Verweigerung rechtmäßiger Forderungen der Strafvollzugsbehörden" nach Artikel 221 des Strafgesetzbuches zu drei weiteren Jahren in Haft verurteilt. Am 27. Juli 2006 wurde seine Strafe nach dem gleichen Artikel des Strafgesetzbuches um drei Jahre verlängert. Am 31. Mai 2009 verlängerte man seine Strafe erneut wegen des angeblichen Verstoßes gegen Gefängnisregeln um drei Jahre und vier Monate. Im Dezember 2012 wurde Murad Dzhuraevs Strafmaß schließlich noch einmal aus dem gleichen Grund um drei Jahre verlängert.

Nachforschungen von Amnesty International haben ergeben, dass bestimmte Gefangene, darunter Menschenrechtsverteidiger_innen, Regierungskritiker_innen und Personen, die wegen der Mitgliedschaft in verbotenen islamistischen Parteien und Gruppen oder islamistischen Bewegungen verurteilt wurden, häufig Opfer schwerer Bestrafungen in den jeweiligen Gefängnissen werden. Auch wird ihr Strafmaß häufig für lange Zeiträume verlängert, schon für kleinere mutmaßliche Verstöße gegen die Gefängnisregeln.

Zudem werden solche Personen häufig in Strafzellen untergebracht. Ehemalige Gefangene berichten hier von kleinen Räumen, meist fensterlos und aus Beton, ohne Heizung, natürliches Licht oder Luftzufuhr und zu klein für ein Bett. Oft verweigert man ihnen eine angemessene medizinische Versorgung, und sie müssen viele Stunden harter körperlicher Arbeit verrichten, unter anderem bei Bauarbeiten oder bei der Ziegelherstellung. Bei dieser Arbeit haben sie nur einfachstes Werkzeug zu ihrer Verfügung, keine angemessene Arbeitskleidung und nicht ausreichend zu essen oder zu trinken. Ehemalige Häftlinge berichten, dass sie von Gefängniswärter_innen und Mitgefangenen häufig geschlagen wurden.

Usbekistan besitzt keine unabhängigen Kontrollmechanismen für die Inspektion aller Haftanstalten. Ebenso wenig führen lokale oder internationale Nichtregierungsorganisationen irgendeine Form regelmäßiger, unangemeldeter und nicht überwachter Gefängniskontrollen durch. Im April 2013 gab das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) öffentlich bekannt, es habe die schwere Entscheidung getroffen, alle Besuche von Häftlingen in Usbekistan einzustellen. Als Grund führte das IKRK an, es könne derartige Besuche nicht nach den eigenen Standardverfahren durchführen, wodurch diese "sinnlos" würden. Diplomat_innen haben zwar Zugang zu einigen Haftanstalten, werden bei ihren Besuchen in der Regel aber von Gefängnis- oder Polizeibeamt_innen begleitet.