Drohende Hinrichtung

Fan Qihang droht die Hinrichtung, wenn der Oberste Volksgerichtshof das gegen ihn verhängte Todesurteil bestätigt. Seinen Aussagen zufolge wurde er unter Folter zu einem Geständnis gezwungen, das die Grundlage der Verurteilung darstellte.

Appell an

VORSITZENDER DES OBERSTEN VOLKSGERICHTES
WANG Shengjun Yuanzhang
Zuigao Renmin Fayuan, 27 Dongjiaomin Xiang
Beijingshi 100745
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Dear President)
Fax: (00 86) 10 652 92 345

VORSITZENDER DES STÄNDIGEN AUSSCHUSSES DES NATIONALEN VOLKSKONGRESSES
WU Bangguo Weiyuanzhang
Quanguo Renda Changwu Weiyuanhui Bangongting
23 Xijiaominxiang, Xichengqu, Beijingshi 100805
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Dear Chairman)
Fax: (00 86) 10 630 97 934
E-Mail: icc@npc.gov.cn

Sende eine Kopie an

PRÄSIDENT DER VOLKSREPUBLIK CHINA
HU Jintao Guojia Zhuxi
The State Council General Office
2 Fuyoujie
Xichengqu, Beijingshi 100017
VOLKSREPUBLIK CHINA
(korrekte Anrede: Your Excellency)
Fax: (00 86) 10 630 70 900

BOTSCHAFT DER VOLKSREPUBLIK CHINA
S.E. Herrn Wu Hongbo
Märkisches Ufer 54, 10179 Berlin
Fax: 030-2758 8221
E-Mail: de@mofcom.gov.cn

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Chinesisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 13. September 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

An den Obersten Volksgerichtshof und den Nationalen Volkskongress:

  • Ich fordere Sie auf, Fan Qihang nicht hinrichten zu lassen.

  • Führen Sie unverzüglich unparteiische Ermittlungen über die von Fan Qihang erhobenen Foltervorwürfe durch, stellen Sie die Verantwortlichen vor Gericht, und stellen
    Sie sicher, dass Fan Qihang nicht gefoltert oder in anderer Weise misshandelt wird.

  • Erlassen Sie umgehend ein Hinrichtungsmoratorium im Hinblick auf eine vollständige Abschaffung der Todesstrafe, wie dies die Resolution 62/149 der UN-Generalversammlung vom 18. Dezember 2007 fordert.

An den Obersten Volksgerichtshof:

  • Ordnen Sie ein Neuverfahren entsprechend internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren an.

An den Nationalen Volkskongress:

  • Führen Sie ein rechtliches Verfahren für Begnadigungen ein.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • calling on authorities not to execute Fan Qihang;

  • urging the Supreme People’s Court to remand the case for a retrial that meets international fair trial standards;

  • calling on authorities to carry out an immediate and impartial investigation into Fan Qihang’s allegation that he has been tortured, and bring those responsible to justice; and to guarantee that he will not be tortured or otherwise ill-treated;

  • urging China’s National People's Congress to introduce a legal procedure for clemency;

  • calling for an immediate moratorium on executions with a view to abolishing the death penalty, as provided by UN General Assembly resolution 62/149, of 18 December 2007.

Sachlage

Fan Qihang wurde am 26. Juni 2009 während einer lokalen Kampagne gegen die organisierte Kriminalität festgenommen. Er gab an, mehrfach in einer inoffiziellen Hafteinrichtung gefoltert und zu Geständnissen von Verbrechen, die er niemals begangen hatte, gezwungen worden zu sein.

Seine Familie beauftragte einen Anwalt, ihn zu vertreten. Dieser durfte Fan Qihang allerdings erst nach seiner Überstellung an eine offizielle Haftanstalt im November 2009 besuchen. Heimlich zeichnete der Anwalt Interviews mit Fan Qihang auf Video auf, in denen dieser die erlittene Folter in allen Einzelheiten schilderte, die Verletzungen an seinen Handgelenken zeigte und angab, einen Selbstmordversuch unternommen zu haben.

Während des Interviews sagte Fan Qihang, dass man ihn nicht habe schlafen lassen und er wiederholt geschlagen und getreten wurde. Einmal wurden seine Hände am Rücken gefesselt, und er hing fünf Tage lang an den Gitterstäben eines Fensters. Er behielt davon Narben an seinen Handgelenken zurück. Ein anderes Mal fesselten sie seine Hände wieder am Rücken, bogen seinen Körper um 90 Grad nach vorne, und brachten auch an seinen Beinen Fesseln an. Zehn Tage lang musste er in dieser Position verharren. Wenn er umfiel, richteten ihn die PolizeibeamtInnen wieder auf. Manchmal benutzten sie dazu die Fesseln, die ihm tief ins Fleisch schnitten. Mitte Juli legte sein Anwalt Zhu Mingyong dem Obersten Volksgerichtshof die Videoaufzeichnungen vor, eine offizielle Stellungnahme vonseiten des Gerichtes blieb jedoch bislang aus. Später veröffentlichte der Anwalt die Aufzeichnungen.

Fan Qihang wurde im Januar vor das mittlere Volksgericht der Stadt Chongqing gestellt und verschiedener Verbrechen schuldig befunden, darunter "Gründung, Leitung oder aktive Mitgliedschaft in Organisationen, die wesentliche Merkmale eines Verbrechersyndikats aufweisen" oder "vorsätzliche Tötung". Keiner der 187 für den Prozess bestellten ZeugInnen tauchte am Tag der Verhandlung auf. Am 10. Februar verurteilte man Fan Qihang zum Tode. Das Obere Volksgericht der Stadt Chongqing bestätigte das Todesurteil am 31. Mai, und gegenwärtig liegt der Fall dem Obersten Volksgerichtshof in Peking zur Überprüfung vor.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Fan Qihang wurde mit 33 weiteren Personen vor Gericht gestellt, die mehrheitlich ebenfalls angaben, gefoltert oder in anderer Weise misshandelt worden zu sein. Die auf Video aufgezeichneten Aussagen von Fan Qihang können im Internet abgerufen werden (siehe: http://events.scmp.com/news/content/tieshanping_interview.mp4). Im Dezember 2009 hatte man Li Zhuang, den Anwalt eines der 33 Angeklagten, zu 18 Monaten Haft verurteilt, da er nach Meinung des Gerichts seinen Klienten zu der Falschaussage, er sei gefoltert worden, verleitet hatte. Die Verurteilung erfolgte auf Grundlage von Paragraph 306 des chinesischen Strafgesetzbuches, der folgendermaßen lautet: "Wenn in einem Strafprozess ein Verteidiger oder anderer bevollmächtigter Vertreter Beweismittel zerstört oder fälscht, einer der Parteien bei der Zerstörung oder Fälschung von Beweismitteln Hilfe leistet, oder einen Zeugen bzw. eine Zeugin dazu zwingt oder in anderer Weise dazu verleitet, seine/ihre Aussage entgegen den Tatsachen zu verändern oder eine Falschaussage zu machen, ist diese Person zu einer befristeten Freiheitsstrafe zu verurteilen."

Im Vorfeld von Großereignissen, wie etwa dem Nationalfeiertag (1. Oktober) oder dem traditionellen chinesischen Neujahrsfest (Ende Januar oder Anfang Februar), führen die chinesischen Behörden in der Regel Kampagnen zur Bekämpfung der Kriminalität durch. Während solcher Kampagnen lastet auf Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten ein enormer Zeit- und Erfolgsdruck, der sich nachteilig auf den Verfahrensschutz und die Fairness von Prozessen auswirkt.

Die Strafverfahrensregelungen räumen der Polizei einen breiten Ermessensspielraum ein, straftatverdächtige Personen über lange Zeiträume hinweg ohne Gerichtsverfahren in Haft zu halten. Dadurch erhöht sich die Gefahr von Folter und Misshandlung, da die betroffenen Gefangenen während dieser Zeit nur eingeschränkt Zugang zu ihren Familien und einem Rechtsbeistand erhalten. Zwar ist die Polizei gemäß den Strafverfahrensregelungen angehalten, die Familien festgenommener Personen innerhalb von 24 Stunden entsprechend zu informieren und über den Haftort in Kenntnis zu setzen – mit Ausnahme von Fällen, in denen die Benachrichtigung der Angehörigen die Ermittlungen verzögern würde (Paragraph 64 und 71). In der Praxis geschieht dies jedoch häufig erst dann, wenn die Häftlinge vor Gericht gebracht werden oder das Urteil verkündet wird.

Der Oberste Volksgerichtshof, die Oberste Staatsanwaltschaft, die Ministerien für öffentliche Sicherheit und Staatssicherheit sowie das Justizministerium haben gemeinsam neue Verordnungen erlassen, die am 1. Juli 2010 in Kraft traten und die Verwendung von auf illegalem Wege erhaltenen Beweismitteln in Strafprozessen effektiver verbieten sollen. Dazu zählen u.a. erzwungene Geständnisse und weitere durch Folter oder andere Misshandlungen erhaltene Beweismittel. Durchgesetzt werden sollen diese Verordnungen durch die Verbesserung rechtlicher Verfahren zur Erhebung, Prüfung und zur Feststellung der Gesetzmäßigkeit von Beweisen.

In China können etwa 68 Straftaten, auch solche ohne Gewaltausübung, mit der Todesstrafe geahndet werden. Im Januar 2007 wurde die Prüfung aller Todesurteile durch den Obersten Volksgerichtshof wieder eingeführt, die 1982 eingestellt worden war. Alle Todesurteile müssen nun diesem Gericht vorgelegt werden, das dann das Urteil bestätigen oder ein Neuverfahren anordnen kann. Seit der Wiederaufnahme dieses Verfahrens, so berichten chinesische Behörden, sei die Zahl der Hinrichtungen zurückgegangen. Dennoch bleibt man in China mit Informationen über die Todesstrafe sehr zurückhaltend. Ohne Zugang zu diesen Informationen ist es jedoch nicht möglich, eine vollständige und umfassende Analyse der Entwicklung der Todesstrafe in China durchzuführen und so Angaben darüber zu machen, ob es zu einem Rückgang bei der Verhängung und Anwendung der Todesstrafe gekommen ist.

Keiner der Prozesse, der in China zu einem Todesurteil führt, entspricht den internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren. Vielfach werden Geständnisse vor Gericht akzeptiert, obwohl die Angeklagten angeben, dass diese unter Folter erzwungen wurden. Derartige Vorwürfe werden häufig nur unzureichend untersucht. Anstelle der Unschuldsvermutung zugunsten der Angeklagten liegt die Beweislast der Unschuld auf Seiten der Verurteilten. Darüber hinaus haben sie nur beschränkten Zugang zu anwaltlicher Vertretung. In China existiert kein Begnadigungsverfahren für verurteilte Strafgefangene, die alle Rechtsmittel ausgeschöpft haben.

Weiter auf Englisch:
Torture and other ill-treatment are endemic in places of detention in China. Amnesty International also receives regular reports of deaths in custody, many of them caused by torture, in a variety of state institutions, including prisons and police detention centres. The CPL does not explicitly prohibit the use of confessions obtained through torture or other ill-treatment as evidence before the courts. Explicit and effective prohibition is required by the UN Convention against Torture and Other Cruel, Inhuman or Degrading Treatment or Punishment, which China ratified in 1988.

The death penalty is applicable to approximately 68 offences in China, including non-violent ones. China executes more people every year than any other country in the world. Statistics on death penalty in China are classified as state secrets and individuals disclosing state secrets can be held criminally responsible. Amnesty International estimates that the numbers are in thousands.