Ein Bruder freigelassen

Adam Tsechoev, einen der beiden Brüder, die ohne Kontakt zur Außenwelt in Haft gehalten und mutmaßlich von der Polizei in Inguschetien gefoltert worden sind, hat man am 17. Juni freigelassen. Sein älterer Bruder Beslan Tsechoev befindet sich nach wie vor in Polizeigewahrsam. Laut Angaben seines Anwalts hat er keine angemessene Versorgung für die in Haft davon getragenen Verletzungen erhalten. Ihm drohen weiter Folter und andere Misshandlungen.

Appell an

STAATSANWALT DER REPUBLIK INGUSCHETIEN
Yuri Turygin
Ul. Fabrichnaya, 9
Nazran, 386102
Republik Inguschetien
RUSSISCHE FÖDERATION
(korrekte Anrede: Dear Prosecutor)
Fax: (007) 8732 22 41 72

INNENMINISTER DER REPUBLIK INGUSCHETIEN
Viktor Pogolov
Ul. Itazova 33
Nazran 386100
Republik Inguschetien
RUSSISCHE FÖDERATION
(korrekte Anrede: Dear Minister
Fax: (007) 873 222 1049 (fragen Sie nach dem Fax)
E-Mail: oios-mvd-ri@yandex.ru

Sende eine Kopie an

PRÄSIDENT DER REPUBLIK INGUSCHETIEN
Yunus-Bek Bamatgievich Yevkurov
Pr. Zyazikova 14
Magas 386001
Republik Inguschetien
RUSSISCHE FÖDERATION
(korrekte Anrede: Dear President)
Fax (007) 873 455 11 29

BOTSCHAFT DER RUSSISCHEN FÖDERATION
S.E. Herrn Vladimir Kotenev
Unter den Linden 63-65
10117 Berlin
Fax: 030-2299 397
E-Mail: info@Russische-Botschaft.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Russisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 4. August 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE

  • Fordern Sie die Behörden der Republik Inguschetien auf, Beslan Tsechoev umgehend Zugang zu angemessener medizinischer Untersuchung und Versorgung für seine Verletzungen zu gewähren.

  • Fordern Sie die Behörden auf, eine umfassende und unabhängige Untersuchung der Foltervorwürfe und anderen Misshandlungen von Beslan und Adam Tsechoev einzuleiten, die Ergebnisse zu veröffentlichen und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen.

  • Dringen Sie bei den Behörden darauf, Maßnahmen zum Schutz von Beslan Tsechoev vor weiterer Folter und Misshandlung während seines Gewahrsams zu ergreifen.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Calling on the authorities to ensure Beslan Tsechoev has immediate access to a adequate medical examination and treatment for his injuries;

  • Urging the authorities to take prompt action to open an investigation into the allegations of torture and other ill-treatment of Beslan and Adam Tsechoev, with the results made public and those responsible brought to justice;

  • Calling on them to ensure that Beslan Tsechoev is protected against further torture and ill-treatment in custody.

Sachlage

Beslan und Adam Tsechoev wurden am 8. Juni inhaftiert und in der Bezirkspolizeiwache der Stadt Malgobek festgehalten. Eine von der Polizei am 8. Juni gerufene Ambulanz stellte bei Beslan Tsechoev schwere Rücken- und Kopfverletzungen fest. Laut Angaben von Familienangehörigen wurde die Ambulanz mehrmals zur Polizeiwache gerufen.

Am 14. Juni besuchte der Menschenrechtsbeauftragte der Republik Inguschetien Beslan und Adam Tsechoev. Laut einer Pressemitteilung des Menschenrechtsbeauftragten befragte er sie zu ihren Folter- und Misshandlungsvorwürfen, darunter Schläge und das Überstülpen einer Plastiktüte über den Kopf. Der Menschenrechtsbeauftragte fotografierte die Verletzungen von Beslan Tsechoev. Beslan Tsechoev wird weiter regelmäßig von einer Ambulanz besucht und erhält von ihr Medikamente. Doch sein Anwalt drängt darauf, dass er eine vollständige medizinische Untersuchung und Behandlung erhält und hat die Behörden gebeten, ihn in ein Krankenhaus zu überstellen. Bislang sind die Behörden nicht auf diese Bitte eingegangen.

Nach Angaben der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial" drangen am 8. Juni mehrere Dutzend maskierte und uniformierte Männer in das Haus der Familie Tsechoev ein. Ohne sich auszuweisen oder einen Durchsuchungsbefehl vorzulegen, durchsuchten sie das Haus und fanden dabei angeblich eine Handgranate. Ohne weitere Erklärungen nahmen sie Beslan and Adam Tsechoev mit. Die Familie erfuhr später, dass ein Richter zehn Tage Haft für Beslan und Adam Tsechoev genehmigt hatte. Grundlage sei "die Weigerung, den legitimen Forderungen der Strafverfolgungsbehörden nachzukommen". Adam Tsechoev wurde am 17. Juni freigelassen. Beslan Tsechoev befindet sich weiter in Gewahrsam. Er wird beschuldigt, "unrechtmäßig Waffen, Munition, Sprengstoffe und Sprengkörper gekauft, weitergegeben, verkauft, gelagert, transportiert und bei sich getragen zu haben". Er weist diese Anschuldigungen zurück.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Ein Angehöriger der Tsechoevs teilte Amnesty International mit, dass der örtliche Staatsanwalt sich geweigert habe, eine Beschwerde hinsichtlich der Folter und Misshandlung der Brüder aufzunehmen und der Familie geraten habe, den Fall der Polizei vorzutragen. Die Familie legte tatsächlich Beschwerde bei der Polizei ein, und zwar auf der selben Polizeiwache, auf der die beiden Brüder mutmaßlich gefoltert wurden.

Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen erhalten weiterhin Informationen über Folter und andere Misshandlungen in Hafteinrichtungen und während polizeilichen Ermittlungen in der Region Inguschetien im Nordkaukasus. Vorwürfe gegen Polizeibeamt_innen, rechtswidrige Methoden anzuwenden, liegen aus allen Regionen der Russischen Föderation vor. Im Nordkaukasus sind insbesondere Tschetschenen und Inguschen betroffen. In vielen Fällen, die Amnesty International bekannt sind, sind die Betroffenen gefoltert oder anderweitig misshandelt worden, damit sie ein "Geständnis" unterschreiben oder eine weitere Person belasten.

Amnesty International sind zahlreiche Berichte eingegangen, dass Misshandlungsvorwürfe gegen die Strafvollzugsbehörden in Russland nicht untersucht worden sind. Wenn solche Ermittlungen aufgenommen werden, sind sie jedoch selten zügig, wirksam und unabhängig und führen weder zu Ergebnissen noch werden Täter_innen vor Gericht gestellt.