Russischen Organisationen droht Schließung

Russland

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Weil sie sich weigern, sich als "ausländische Agenten" registrieren zu lassen, sind gegen die russische NGO GOLOS sowie vier weitere russische NGOs hohe Geldstrafen verhängt worden. Ihr und vielen anderen NGOs droht die Schließung, während ihre DirektorInnen möglicherweise strafrechtlich verfolgt werden.

Appell an

GENERALSTAATSANWALT
Yurii Yakovlevich Chaika
Prosecutor General’s Office
ul. B. Dmitrovka, d.15a
125993 Moscow GSP- 3
RUSSISCHE FÖDERATION
(Anrede: Dear Prosecutor General / Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt)
Fax: (00 7) 495 692 17 25 (sagen Sie bitte "Fax")
E-Mail: prgenproc@gov.ru

JUSTIZMINISTER
Aleksandr Vladimirovich Konovalov

Ministry of Justice of the Russian Federation
ul. Zhitnaya, d.14
119991 Moscow GSP-1
RUSSISCHE FÖDERATION
(Anrede: Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)
Fax: (00 7) 495 955 59 99
E-Mail über die Website: http://minjust.ru/electronic-appeal/email

Sende eine Kopie an

VORSITZENDER DER STAATSDUMA
Sergei Yevgenievich Naryshkin
State Duma of the Russian Federation
ul. Okhotny Ryad 1
Moscow 103265
RUSSISCHE FÖDERATION
Fax: (00 7) 495 697 42 58
E-Mail: stateduma@duma.gov.ru

BOTSCHAFT DER RUSSISCHEN FÖDERATION
S. E. Herrn Vladimir M. Grinin
Unter den Linden 63-65
10117 Berlin
Fax: 030-2299 397
E-Mail: info@Russische-Botschaft.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Russisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 31. Juli 2013 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Hiermit bitte ich Sie, die Schikane gegen GOLOS und andere unabhängige zivilgesellschaftliche Organisationen durch Durchsuchungen und Geldstrafen zu stoppen.

  • Bitte ziehen sie die Bestimmungen des Bundesgesetzes Nr. 212 FZ (Gesetz über "ausländische Agenten") zurück, da sie nicht mit Russlands Verpflichtungen gemäß internationalen Menschenrechtsstandards und mit der Verfassung des Landes vereinbar sind.

  • Bitte nehmen Sie die Verhängung der Geldstrafen sowie die Anweisungen und Drohungen, die bereits von der Staatsanwaltschaft an bestimmte NGOs gegangen sind, zurück.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Urging the authorities to stop the harassment of Golos Association and other independent civil society organizations through inspections and fines.

  • Calling on them to repeal Federal Law 121-FZ of 20 July 2012 (the "foreign agents law") as non-compliant with Russia’s obligations under international human rights law and its national Constitution.

  • Urging them to withdraw the fines, as well as the orders and warnings already issued by the Prosecutor’s Office to NGOs under this law.

Sachlage

Laut dem Gesetz über "ausländische Agenten" muss jede NGO, die Gelder aus dem Ausland erhält, sich als eine "Organisation, die Funktionen von ausländischen Agenten ausführt" registrieren lassen und dieses so auf all ihren Veröffentlichungen kenntlich machen, wenn sie dabei "politischen Aktivitäten" nachgeht. In dem Gesetz wird "politische Aktivität" nicht eindeutig definiert. Fünf russische NGOs mussten sich bereits vor Gericht verantworten, wo hohe Geldstrafen gegen sie verhängt wurden. Zuletzt stand am 19. Juni 2013 die LGBTI-Organisation Vyhod ("Coming-Out") vor Gericht. GOLOS ist die erste NGO, gegen die ein Bußgeld verhängt wurde und bisher die einzige, die gegen ihre Strafe Rechtsmittel eingelegt hat. Ihre Berufungsverhandlung fand am 14. Juni statt und blieb erfolglos, was die Entscheidung des Gerichts endgültig macht. GOLOS wird 300.000 Rubel (etwa 7.000 Euro) und ihre Direktorin, Lila Shibanova, weitere 100.000 Rubel (etwa 2.300 Euro) zahlen müssen.

Nachdem das Gesetz über "ausländische Agenten" im November 2012 in Kraft trat, wurden hunderte Büros von NGOs in ganz Russland von Angehörigen der Staatsanwaltschaft und anderen BeamtInnen "durchsucht". Dem Gesetz nach drohen DirektorInnen von NGOs, die sich weiterhin weigern, sich als "ausländische Agenten" registrieren zu lassen, möglicherweise strafrechtliche Verfolgung sowie bis zu zwei Jahren Haft. Die NGO würde geschlossen werden.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Der vollständige offizielle Name des Gesetzes über "ausländische Agenten" lautet Bundesgesetz Nr. 121 FZ "zur Einführung von Änderungen bestimmter Gesetzesvorschriften der Russischen Föderation in Bezug auf die Regelung von Aktivitäten nicht-kommerzieller Organisationen, die Funktionen von ausländischen Agenten ausführt". Das Gesetz wurde am 20. Juli 2012 ohne öffentliche Rücksprache und trotz weit verbreiteter Kritik verabschiedet und trat im November 2012 in Kraft. Es wurde weitgehend dazu genutzt, unabhängige zivilgesellschaftliche Organisationen in ganz Russland Druck, Einschüchterung, Schikane und Verleumdungskampagnen auszusetzen. Im März und April 2013 erhielten hunderte und möglicherweise tausende russische NGOs unangekündigte "Kontroll-"Besuche von Teamsder Staatsanwaltschaft, des Justizministeriums, der Steuerbehörde und manchmal anderen, die gesetzliche, finanzielle und andere Dokumente zur Kontrolle forderten und kopierten. DirektorInnen einiger NGOs wurden später bei der Strafverfolgungsbehörde vorgeladen, um sie über ihre Organisationsaktivitäten auszufragen. Zahlreiche NGOs sind offiziell angewiesen worden, sich als "ausländische Agenten" registrieren zu lassen oder haben Warnungen bezüglich der Dringlichkeit dieser Sache erhalten, wenn sie finanzielle Unterstützung aus dem Ausland annehmen und politischen Aktivitäten nachgehen. Wer das Gesetz nicht befolgt, muss mit schweren administrativen und sogar strafrechtlichen Sanktionen rechnen. Das Gesetz läuft den Verpflichtungen der Russischen Föderation gemäß internationaler Menschenrechtsstandards, darunter auch das Recht auf Vereinigungsfreiheit, zuwider.

Russische Behörden haben versucht, die Einführung dieses neuen Gesetzes damit zu rechtfertigen, dass die Transparenz und Verantwortlichkeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen sichergestellt werden muss. Und das, obwohl bereits rechtliche Regelungen bestehen, die sicherstellen, dass NGOs detaillierte Berichte über ihre Finanzen und Aktivitäten bei den Behörden einreichen und online öffentlich zugänglich machen. Außerdem wird die Formulierung "ausländische Agenten" im russischen Sprachgebrauch negativ mit Spionagetätigkeit assoziiert, was NGOs nicht nur als äußerst beleidigend sondern auch als beabsichtigte Schädigung ihres Ansehens verstehen, die ihre Arbeit in Verruf bringt.

GOLOS übernahm bei der Wahlbeobachtung und der Berichterstattung über Wahlbetrugsvorwürfe bei den Parlamentswahlen von 2011 und den Präsidentschaftswahlen von 2012 eine wichtige Rolle. Die Organisation, ihre Mitglieder und ihre zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen wurden Opfer von Verleumdungskampagnen, selbst im nationalen Fernsehen, und von Schikane durch Behörden, die mit den aktuellen Gerichtsverfahren ihren Höhepunkt erreicht hat. Am 15. Mai 2013 hatte Justizminister Aleksandr Konovalov mit der Schließung von GOLOS durch einen Gerichtsbeschluss gedroht, wenn sich nicht als "ausländische Agenten" registrieren ließen. Später fügte der Minister hinzu, dass etwa hundert weitere russische NGOs sich als solche registrieren lassen müssten.