Obdachlos durch Abriss

Rund 200 Familien, die in der informellen Siedlung Zerzara in der ägyptischen Hafenstadt Port Said leben, sind von Zwangsräumung bedroht. Es soll eine Straße gebaut werden, die durch das von ihnen bewohnte Gelände führen wird. Am 4. Mai wurden bereits die Häuser von 15 Familien abgerissen, seitdem sind sie obdachlos.

Appell an

GOUVERNEUR VON PORT SAID
Major-General Mustafa Abdel Latif
Mohamed Ali Street
Port Said
ÄGYPTEN
(korrekte Anrede: Dear Governor)
Fax: (00 20) 663245115
E-Mail: portsaidinfo@gmail.com

Sende eine Kopie an

LEITER DER ENTWICKLUNGSGESELLSCHAFT FÜR INFORMELLE SIEDLUNGEN
Ali El-Faramawy, 2 Latin America Street
Garden City, Cairo
ÄGYPTEN
(korrekte Anrede: Dear Mr. Ali El-Farawamy)
Fax: (00 20) 222634000

BOTSCHAFT DER ARABISCHEN REPUBLIK ÄGYPTEN
S.E. Herrn Ramzy Ezz Eldin Ramzy
Stauffenbergstraße 6 – 7, 10785 Berlin
Fax: 030-477 1049
E-Mail: embassy@egyptian-embassy.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 18. Juni 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE

  • Fordern Sie den Gouverneur von Port Said auf, die Pläne zur Zwangsräumung der 200 Familien aufzugeben, die in der informellen Sieldung Zerzara leben.

  • Fordern Sie außerdem, dass die Behörden ernst gemeinte Konsultationen mit den BewohnerInnen der Siedlung aufnehmen, um gemeinsam Lösungen für eine Verbesserung ihrer Wohnsituation zu erarbeiten.

  • Verlangen Sie, dass den 15 bereits vertriebenen Familien unverzüglich eine angemessene Ersatzunterkunft angeboten wird und sie für den Verlust von Eigentum entschädigt werden.

  • Rufen Sie dazu auf, dass die Behörden in einen ergebnisorientierten Konsultationsprozess mit den BewohnerInnen der als "nicht sicher" eingestuften Gebiete in Port Said eintreten und notwendige Maßnahmen ergreifen, um ihr Leben und ihre Sicherheit zu schützen.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Urging the Governor of Port Said to stop the planned forced eviction of 200 families in Zerzara informal settlement;

  • calling on the Governor to hold genuine consultations with the residents of the settlement to identify solutions to address the conditions in which they are living;

  • Calling on the authorities to offer immediately the 15 families already forcibly evicted immediate adequate alternative housing and compensation for the loss of their property;

  • Calling for, as a matter of priority, a process of effective consultation with residents of all designated "unsafe areas" in Port Said, and the implementation of measures necessary to safeguard residents’ lives and safety, respecting guarantees against forced eviction.

Sachlage

Am 4. Mai ließen die Behörden der Hafenstadt Port Said 15 eingeschossige Häuser abreißen, ohne die BewohnerInnen im Vorfeld über die Maßnahme zu unterrichten und ihnen eine alternative Unterkunft bereit zu stellen. Die Aktion fand unter massiver Polizeipräsenz statt. Nach Angaben der ägyptischen Nichtregierungsorganisation für das Recht auf Wohnen (Egyptian Center for Housing Rights - ECHR) prügelten Polizisten auf mehrere Menschen ein. Am Tag der rechtswidrigen Zwangsräumung soll ein Mitarbeiter der Sicherheitsdienste den betroffenen Familien eine Entschädigung von 500 ägyptischen Pfund (rund 70 Euro) angeboten und ihnen mitgeteilt haben, dass sie ihre Häuser an einer anderen Stelle der Siedlung abseits der geplanten Straßentrasse neu errichten können.

Grundlage für die Räumungsbefehle des Gouverneurs von Port Said ist offenbar ein Gesetz, das ihn ermächtigt, Häuser abreißen zu lassen, die ohne Genehmigung auf staatseigenen Grundstücken errichtet wurden. Die BewohnerInnen von Zerzara wurden von dem Räumungsbefehl entgegen den gesetzlichen Vorschriften nicht im Vorfeld in Kenntnis gesetzt. Dadurch verwehrte man ihnen die Möglichkeit, vor Gericht zu klagen. Die Organisation ECHR hat sich mit einer Beschwerde an die Staatsanwaltschaft gewandt, um den Abriss weiterer Häuser zu verhindern. Eine Antwort der Behörden steht noch aus. Der Abriss der Häuser entlang der geplanten Straßentrasse könnte jederzeit stattfinden.

Die Behörden haben die informelle Siedlung Zerzara als "nicht sicheres Gebiet" markiert. Die meisten der dort lebenden Menschen waren zuvor aus anderen Teilen der Hafenstadt vertrieben worden, nachdem schon ihre dortigen Unterkünfte als "nicht sicher" eingeschätzt worden waren. Wie für Tausende andere langsam verfallende Häuser in Ägypten besteht auch für die Wohngebäude in Zerzara akute Einsturzgefahr. Die dorthin umgesiedelten Menschen errichteten mit ihren eigenen Händen neue Unterkünfte, die jedoch weder an die Wasserversorgung noch an die Abwasserkanalisation angeschlossen waren. Ziel der Zwangsräumungen ist es offensichtlich, den Zugang zu modernen Wohnungen zu verbessern, die inmitten der informellen Siedlung errichtet worden sind. Eigentümer der Wohnungen ist das Gouvernement Port Said. Viele der Wohneinheiten stehen leer, sind jedoch wegen der hohen Mietkosten für die BewohnerInnen von Zerzara unerschwinglich.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Aufgrund des überaus knappen Angebots an bezahlbaren Wohnungen leben in Ägypten Millionen von Menschen in informellen Siedlungen. Nach offiziellen Angaben bewohnten im Jahr 2007 rund 12,2 Millionen Menschen insgesamt 870 solcher Siedlungen.

Der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte bezeichnet eine Zwangsräumung als "dauerhafte oder zeitweise Vertreibung von Einzelpersonen, Familien und/oder Gemeinschaften aus von ihnen besetzten Häusern oder Grundstücken, ohne ihnen die Möglichkeit zu angemessenem rechtlichen oder anderweitigen Schutz zuzugestehen". Internationale Menschenrechtsstandards verlangen, dass Zwangsräumungen nur nach Ausschöpfung aller Alternativen und unter Beachtung angemessener gesetzlicher und verfahrensrechtlicher Schutzvorschriften durchgeführt werden dürfen. Dazu zählen vorherige Konsultationen mit den betroffenen Menschen, ihre angemessene und rechtzeitige Benachrichtigung über die geplanten Maßnahmen, die Bereitstellung vergleichbarer Ersatzunterkünfte sowie Entschädigungszahlungen für sämtliche materiellen Verluste. Es muss unter allen Umständen verhindert werden, dass Menschen aufgrund einer Zwangsräumung obdachlos werden oder andere Menschenrechtsverletzungen erleiden. Das Völkerrecht – beispielsweise der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte, der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sowie die Afrikanische Charta der Menschenrechte und Rechte der Völker – verpflichtet Ägypten, keine Zwangsräumungen zu veranlassen, sondern sie ihm Gegenteil zu verhindern.

Im Jahr 2000 übte der UN-Sozialausschuss Kritik an den Zwangsräumungen in Ägypten und forderte die Regierung auf, "zur Beseitigung der Wohnungsknappheit eine Strategie und einen Aktionsplan zu entwerfen, um insbesondere für schutzlose und einkommensschwache Gruppen der Bevölkerung bezahlbare Unterkünfte zu schaffen".

Die BewohnerInnen des Viertels Zerzara in der Hafenstadt Port Said beklagen sich über die armseligen Wohnbedingungen in Unterkünften, die sie im Winter nicht vor den Niederschlägen und im Sommer nicht vor der extremen Hitze schützen. Berichten zufolge haben in Zerzara Müll und Abwasser die Ausbreitung von Atemwegserkrankungen und durch Schmutzwasser verursachte körperliche Beschwerden zur Folge. AnwohnerInnen berichten, ihre Kinder würden nachts von Ratten angefallen. Sie selbst, so ihre Klagen, lebten in der Gefahr, von Drogenhändlern oder Dieben überfallen zu werden.

Nachdem Regenfälle und Abwasser Wohnungen überflutet hatten und andere Unterkünfte aufgrund unsachgemäß verlegter elektrischer Leitungen durch Brände zerstört worden waren, versammelten sich die BewohnerInnen von Zerzara zu einer Protestveranstaltung vor dem Amtsgebäude der Provinzverwaltung. Dort erhielten sie von MitarbeiterInnen der Verwaltung die Auskunft, es befänden sich 9000 Wohnungen im Bau, von denen 3000 den Zerzara lebenden Familien zugeteilt werden würden. Nachdem der Fernsehkanal Dream TV eine Folge der Sendung "One of the People" ausgestrahlt hatte, wurde diese Zusage im Mai 2009 nochmals bekräftigt. In der Sendung waren Aufnahmen aus Zerzara gezeigt worden, in denen die BewohnerInnen über ihre Lebenssituation berichtet hatten. Dream TV hat vergleichbare Aufnahmen auch aus zahlreichen anderen informellen Siedlungen ausgestrahlt.

Im Oktober 2008 wurde per Erlass des Präsidenten eine Entwicklungsgesellschaft für informelle Siedlungen (Informal Settlements Development Facility – IDSF) ins Leben gerufen. Der Auftrag an die Einrichtung lautet, Pläne zum weiteren Umgang mit informellen Siedlungen zu entwickeln und die Regierung dabei koordinierend zu unterstützen. Darüber hinaus lautet ihr Auftrag, "nicht sichere" informelle Siedlungen ausfindig zu machen. MitarbeiterInnen der IDSF benannten Zerzara als eine solche Sieldung mit unzulänglichen Wohnbedingungen. Welche Abhilfemaßnahmen geplant sind, ließ sich bislang nicht ermitteln. Nach den Vorstellungen der ISDF soll das Problem bis 2017 gelöst sein.

Amnesty International befürchtet, dass die Pläne ohne angemessene Konsultation mit den betroffenen Gemeinden und ihren BewohnerInnen ausgearbeitet werden und rechtswidrige Zwangsräumungen zur Folge haben könnten. Nach Auskunft der ISDF erfolgt die Entwicklung der Pläne in alleiniger Absprache mit den VertreterInnen der Gouvernements und den örtlichen StadträtInnen. Im März 2010 gab die ISDF bekannt, dass in 16 Provinzen im Norden und Süden Ägyptens von April 2010 an 30 Pilotprojekte gestartet werden würden. Für eines der Projekte sei Port Said ausgewählt worden. Möglicherweise sind die Zwangsräumungen vom 4. Mai 2010 aufgrund der Planungsvorhaben durchgeführt worden.