Zivile Strafprozesse fordern!
US-Soldaten eskortieren Guantánamo-Häftling im Camp Delta
© APGraphicsBank
Vor vier Monaten kündigte der US-Justizminister an, dass fünf Guantánamo-Gefangene einen Prozess vor einem Zivilgericht in den USA erhalten sollen. Die fünf Männer befinden sich jedoch weiterhin in Guantánamo in Militärhaft. Es gibt Grund zur Annahme, dass die US-Regierung eine Kehrtwendung macht und den Gefangenen nun doch ein Prozess vor einer Militärkommission droht.
Appell an
PRÄSIDENT
President Barack Obama
The White House, Office of the President
1600 Pennsylvania Ave. NW
Washington DC 20500, USA
(korrekte Anrede: Dear Mr President)
Fax: (00 1) 202 456 2461
E-Mail: president@whitehouse.gov
JUSTIZMINISTER
The Honorable Eric Holder
Attorney General, US Department of Justice,
950 Pennsylvania Ave. NW
Washington, DC 20530-0001, USA
(korrekte Anrede: Dear Attorney General)
Fax: (00 1) 202 514 4507
E-Mail: AskDOJ@usdoj.gov
Sende eine Kopie an
BOTSCHAFT DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
S.E. Herrn Philip D. Murphy
Pariser Platz 2
10117 Berlin
Fax: 030-83 05 10 50
E-Mail: über
http://germany.usembassy.de/email/feedback.htm
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 22. April 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.
PLEASE SEND APPEALS TO ARRIVE AS QUICKLY AS POSSIBLE
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Welcoming the administration’s decision last year to prosecute five detainees in US federal court;
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Expressing concern that trial proceedings have not yet been initiated, and at reports that the administration may be considering reverting to military commissions for the prosecutions;
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Arguing that the military commissions do not meet international fair trial and other human rights standards;
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Pointing out that a U-turn on these trials will be widely interpreted as the USA failing human rights principles;
- Urging the administration to adhere to its decision and to promptly initiate trial proceedings in federal court.
Amnesty fordert:
SCHREIBEN SIE BITTE FAXE, E-MAILS ODER LUFTPOSTBRIEFE
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Begrüßen Sie die Entscheidung der Regierung vom vergangenen Jahr, fünf Guantánamo-Häftlinge vor ein US-Bundesgericht zu stellen.
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Drücken Sie ihre Sorge darüber aus, dass bisher keine Gerichtsverfahren eingeleitet wurden, sowie darüber, dass die Regierung Berichten zufolge vorhaben könnte, die Gefangenen vor Militärkommissionen zu stellen.
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Merken Sie an, dass die Militärkommissionen weder den internationalen Standards für ein faires Gerichtsverfahren noch anderen international anerkannten Menschenrechtsstandards entsprechen.
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Weisen Sie darauf hin, dass eine Kehrtwendung in dieser Angelegenheit weithin als Versagen der USA gegenüber Menschenrechtsprinzipien ausgelegt werden wird.
- Dringen Sie bei der Regierung darauf, bei ihrer Entscheidung zu bleiben und unverzüglich Gerichtsverfahren für die fünf Männer vor einem Bundesgericht anzusetzen.
Sachlage
Am 13. November 2009 erklärte Justizminister Eric Holder, dass fünf Insassen des US-Gefangenenlagers Guantánamo Bay auf Kuba Gerichtsverfahren vor einem Zivilgericht in New York erhalten würden. Sie sind in Verbindung mit den Anschlägen vom 11. September 2001 angeklagt (siehe Bericht auf Englisch: http://www.amnesty.org/en/library/info/AMR51/116/2009/en). Die fünf Insassen waren von den USA bis zu vier Jahre lang ohne Kontakt zur Außenwelt in geheimer Haft gehalten worden, bevor sie 2006 nach Guantánamo überstellt wurden. Im Jahr 2008 waren sie von den Justizbehörden unter der Regierung von George W. Bush unter Anklage gestellt worden und sollten ein Verfahren vor einer Militärkommission erhalten.
Seit der Ankündigung des Justizministers hat sich in den USA eine hitzige politische Auseinandersetzung darüber entsponnen, wo diese und andere Guantánamo-Gefangene vor Gericht gestellt werden sollen und ob sie Verfahren vor Zivilgerichten erhalten sollten. Eine Gesetzesvorlage, die im Kongresses eingereicht wurde, sieht vor, dass für diese und andere Guantánamo-Insassen keine Zivilprozesse möglich sind und sie ausschließlich Verfahren vor Militärkommissionen erhalten können. Am 5. März 2010 berichtete die US-Zeitung Washington Post, dass laut behördlichen Vertretern die Berater von Präsident Obama die Empfehlung aussprechen würden, die fünf Männer vor eine Militärkommission zu stellen. Auf diesen Bericht hin sagte ein/-e SprecherIn des Weißen Hauses, dass noch "keine Entscheidung" gefällt worden sei. Seitdem hat die Regierung Berichten zufolge mitgeteilt, dass eine endgültige Entscheidung zum Gerichtsverfahren der fünf Männer erst "in einigen Wochen" fallen werde.
Amnesty International ist der Ansicht, dass die Verfahren vor Militärkommissionen selbst nach der 2009 eingeführten überarbeiteten Vorgehensweise nicht den internationalen Standards für ein faires Gerichtsverfahren entsprechen. Nach dem Völkerrecht müssen Prozesse vor unabhängigen Gerichten verhandelt werden. Militärkommissionen hingegen sind nicht unabhängig. Verfahren gegen Zivilisten dürfen gemäß international anerkannten Standards nicht vor Militärtribunalen stattfinden, vor allem dann nicht, wenn Zivilgerichte für die Prozesse verfügbar sind. US-Amerikaner können nicht vor eine Militärkommission gestellt werden. Wenn nun aber Staatsbürger anderer Nationen für solche Verfahren vorgesehen werden, würde dies gegen das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz verstoßen. Sollte es nach einem solchen unfairen Gerichtsverfahren zu einer Hinrichtung kommen, würde dies nach dem Völkerrecht gegen das Recht auf Leben verstoßen. Das Völkerrecht sieht zudem vor, dass jeder, der einer Straftat angeklagt wird, das Recht auf ein unverzügliches Gerichtsverfahren hat. Die fünf Männer werden von den USA teilweise seit siebeneinhalb Jahren in Haft gehalten. Alle Guantánamo-Gefangenen, die die USA vor Gericht stellen möchten, müssen unverzüglich angeklagt werden und ein faires Gerichtsverfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht erhalten. Alle diejenigen Insassen, die die USA nicht vor Gericht stellen möchten, sollten sofort freigelassen werden.
Hintergrundinformation
Die US-Militärkommissionen sind in keiner Weise legitime oder notwendige Gerichte. Sie wurden vielmehr aus politischem Kalkül heraus geschaffen. George W. Bush unterzeichnete im November 2001 eine Verfügung des Präsidenten, durch die Militärkommissionen ins Leben gerufen wurden, um ausländische "feindliche Kämpfer" im "Kampf gegen den Terror", wie er es nannte, vor Gericht zu stellen. Amnesty International hat sich seitdem stets gegen diese Tribunale ausgesprochen. Dieses System wurde vom Obersten Gerichtshof der USA im Jahr 2006 aufgehoben, jedoch direkt mit einem nur leicht veränderten System unter dem Military Commissions Act (Gesetz über Militärkommissionen) von 2006 ersetzt. Im Oktober 2009 unterzeichnete Präsident Obama ein Gesetz für eine überarbeitete Vorgehensweise der Militärkommissionen. Amnesty International ist weiterhin davon überzeugt, dass in solchen Prozessen den Angeklagten keine Gerechtigkeit widerfahren wird.
Siehe auf Englisch Trials in error: Third go at misconceived military commission experiment vom Juli 2009, unter http://www.amnesty.org/en/library/info/AMR51/083/2009/en.