Verschmutztes Trinkwasser im Nigerdelta

Ölpest in Nigeria: Falsche Behauptungen von Shell

Durch Erdöl verschmutztes Land im Niger-Delta in Nigeria

Die Regierung und der multinationale Ölkonzern Shell müssen dringend sicherstellen, dass den Menschen im nigerianischen Nigerdelta ausreichend sauberes Trinkwasser zur Verfügung steht. Deren Recht auf Wasser wird immer wieder verletzt. Die Bewohner_innen der Region sind gezwungen, entweder stark verschmutztes Wasser zu trinken oder Wasser zu unbezahlbaren Preisen zu kaufen.

Appell an:

Nyesom Wike

Office of the Governor

Governor’s House, Rivers State

Port Harcourt

NIGERIA

Sende eine Kopie an:

Bundesumweltminister
Mallam Ibrahim Usman Jubril
The Honourable Minister of Environment
The Federal Ministry of Environment
Block C

Mabushi, Abuja, NIGERIA
E-Mail: info@environment.gov.ng

Botschaft der Bundesrepublik Nigeria
S.E. Herr Yusuf Maitame Tuggar
Neue Jakobstraße 4, 10179 Berlin

Fax: 030-2123 0212
E-Mail: info@nigeriaembassygermany.org

Amnesty fordert:

  • Ergreifen Sie bitte die notwendigen Maßnahmen, um die Reparatur des regionalen Wasserversorgungsprojekts Eleme voranzutreiben. Stellen Sie bis dahin bitte den betroffenen Gemeinden unverzüglich ausreichend sauberes Wasser zur Verfügung, wenn notwendig auch durch LKW-Transporte.
  • Führen Sie bitte dringend eine Bewertung des Gesundheitszustandes der Ogale-Gemeindemitglieder und anderer betroffener Personen durch, die gezwungen sind, weiterhin verschmutztes Wasser zu trinken.
  • Legen Sie bitte offen, welche Schritte Sie unternehmen, um sicherzustellen, dass die Gemeinden, die noch immer von der Ölverschmutzung durch die Shell-Pipelines betroffen sind, Zugang zu sauberem Wasser für den persönlichen und häuslichen Gebrauch haben.

Sachlage

Der multinationale Ölkonzern Shell und die Regierung des südnigerianischen Bundesstaates Rivers haben es versäumt, die Bewohner_innen von Ogale, einer Region außerhalb von Port Harcourt, der Hauptstadt von Rivers, regelmäßig mit sicherem Trinkwasser zu versorgen. Die meisten der dort lebenden Menschen müssen entweder Wasser kaufen oder Grundwasser trinken, das laut einer 2011 veröffentlichten Studie der Vereinten Nationen gefährlich verschmutzt ist.

Die Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Environment Programme, UNEP) ergab, dass die Bewohner_innen von Ogale Wasser aus Brunnen tranken, das so stark mit dem bekannten Karzinogen Benzol verunreinigt war, dass es den nach internationalen Richtlinien festgelegten Grenzwert um das 900-fache überschritt. Das Wasser zu trinken werde „sicher langfristige gesundheitliche Folgen“ haben. UNEP empfahl der nigerianischen Regierung, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, damit die Menschen in Ogale nicht weiterhin Trinkwasser aus kontaminierten Brunnen trinken müssen, und ihnen eine alternative Quelle für sauberes Wasser zur Verfügung zu stellen. Trotz dieses dringenden Aufrufs gibt es noch immer keinen Zugang zu solch einer Quelle.

Am 1. September 2018 besuchte Amnesty International Ogale und sprach mit Anwohner_innen. Die meisten von ihnen kaufen ihr Wasser für den persönlichen und häuslichen Gebrauch, etwa zum Trinken, Kochen und Waschen, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten können. In einigen Fällen geben Bewohner_innen ein Drittel ihres wöchentlichen Einkommens für Wasser aus, sodass sie manchmal statt drei Mahlzeiten am Tag nur zwei essen können. Diejenigen, die es sich nicht leisten können, Wasser zu kaufen, trinken und nutzen das örtliche Grundwasser – trotz der Warnschilder, die darauf hinweisen, dass das Wasser ihre Gesundheit gefährdet. Manche trinken Wasser aus lokalen Brunnen und Bohrlöchern, auch wenn auf dem Wasser ein öliger Film zu sehen ist. Einige Bewohner_innen bezahlen sogar für das Wasser aus den Bohrlöchern. Andere nutzen Regenwasser, in dem sich schwarze Flöckchen befinden. Die Bewohner_innen haben keine andere Wahl, da sie nicht das nötige Geld aufbringen können, um Wasser von privaten Anbieter_innen zu kaufen und die Regierung bereits seit über einem Jahr kein sauberes Wasser mehr bereitstellt. Zeitgleich mit dem Besuch von Amnesty International in Ogale wurden einige der von der Regierung regulierten Wasserleitungen wieder in Betrieb genommen. Doch die Bewohner_innen berichten, dass die Wasserversorgung lediglich eine Stunde am Morgen oder am Nachmittag funktioniert und die zur Verfügung gestellte Wassermenge nicht ausreicht, um den grundlegenden Wasserbedarf zu decken. Amnesty International hat Grund zu der Annahme, dass auch dieses Wasser nicht den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation für Trinkwasserqualität entspricht.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Im Nigerdelta – Afrikas wichtigster Ölregion – kommt es jedes Jahr zu Hunderten Ölunfällen mit verheerenden Auswirkungen auf die umliegenden Felder, Wälder und Fischgründe, die die meisten Menschen der Region mit Nahrungsmitteln versorgen und somit deren Lebensgrundlage bilden. Weder die Verantwortlichen seitens der Ölindustrie noch die nigerianische Regierung haben bisher Maßnahmen zur Vermeidung der Ölunfälle ergriffen, auch führen sie keine effektiven Säuberungsprogramme durch.

Die wegweisende UNEP-Studie von 2011 ist die bisher umfassendste Untersuchung der Auswirkungen, die die Ölverschmutzung auf das Leben der Gemeinden im Nigerdelta hat. Der Schwerpunkt der Studie liegt auf der Region Ogoniland. Sie deckt ein entsetzlich hohes Maß an Verschmutzung auf, von der Ackerland, Fischgründe und Trinkwasser betroffen sind. Außerdem sind Hunderttausende Anwohner_innen ernsten Gefahren für die Gesundheit ausgesetzt. Die Studie dokumentiert, dass der multinationale Ölkonzern Shell es an über 60 Orten versäumt hat, nach Ölunfällen die Verschmutzungen wieder zu beseitigen. Zwar hatte Shell öffentlich erklärt, dass das Unternehmen die von UNEP 2011 dokumentierten Verschmutzungen beseitigt habe, doch die Ergebnisse einer Untersuchung von Amnesty International und der örtlichen Organisation Centre for the Environment, Human Rights and Development (CEHRD) widersprechen dieser Behauptung.

Im Rahmen der vorgenommenen Umweltprüfung entnahm UNEP Grundwasserproben. Dabei wurde in 28 Quellen in zehn Gemeinden eine Verschmutzung mit Kohlenwasserstoff festgestellt. Die in den Proben von sieben Quellen nachgewiesene Menge an Kohlenwasserstoff war mindestens 1.000 Mal höher als sonst im nigerianischen Trinkwasser üblich. Die schlimmste Verschmutzung wurde dabei in der Gemeinde Nisisioken Ogale festgestellt. Die Gemeinde liegt neben einer stillgelegten Pipeline der nigerianischen National Petroleum Company (NNPC), aus der raffiniertes Öl ausgelaufen war. Obwohl der Ölaustritt Berichten zufolge zum Zeitpunkt der Umweltprüfung bereits mehr als sechs Jahre zurücklag und die Pipeline inzwischen stillgelegt wurde, war das Grundwasser an der Stelle des Lecks von einer acht Zentimeter dicken Ölschicht überzogen.

UNEP erklärte, dass „jeder, der Wasser aus diesen Quellen konsumiert, einem unannehmbaren Schadstoffgehalt ausgesetzt ist“. Der UNEP-Bericht merkte zudem an, dass die untersuchten Quellen „wahrscheinlich nicht die einzigen Quellen sind, die ein hohes Maß an Schadstoffen aufweisen“. Das bedeutet, dass für die Gemeinden das Risiko einer Benzolvergiftung hoch ist, wenn sie das Wasser aus den Quellen als Trinkwasser verwenden. Die Verschmutzungen fanden sich sowohl in Quellen als auch in Bohrlöchern, da beide ihr Wasser aus einer einzigen Grundwasserquelle beziehen.

Unmittelbar nach der Veröffentlichung der UNEP-Studie im Jahr 2011 begannen die Regierung des Bundesstaates Rivers und Shell, der wichtigste Ölförderer in der Region, Wasser in Transportern nach Ogale zu liefern. Zudem begannen sie mit dem Bau einer Pipeline, die im Jahr 2013 fertiggestellt wurde und der Gemeinde Wasser zur Verfügung stellen sollte. Doch Wasser gab es immer nur sporadisch und lediglich in unzureichenden Mengen, bis die Wasserzufuhr im Jahr 2017 schließlich komplett eingestellt wurde.

Im Jahr 2013 dokumentierte Amnesty International die anhaltende Verschmutzung in Okuluebu in Ogale, wo die Pipelines von Shell und der NNPC parallel verlaufen.

Das Menschenrecht auf Wasser berechtigt jeden Menschen zu ausreichendem, sicherem, zumutbarem, physisch zugänglichem und erschwinglichem Wasser für den persönlichen und häuslichen Gebrauch.