Palästina: Zwei Frauen aus Gaza in Gefahr

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Sehr geehrter Herr Minister,

Die 24-jährige Wissam al-Tawil und ihre 20-jährige Schwester Fatimah al-Tawil waren in ihrem Zuhause im Geflüchtetenlager Rafah im Gazastreifen monatelang verschiedensten Formen schwerer Gewalt vonseiten ihres Vaters ausgesetzt. Zu den Gewalttaten gehört unter anderem wiederholter Freiheitsentzug. So wurden sie in einem verschlossenen Raum festgehalten, in einem Fall sogar 36 Tage lang. Ihr Vater schlug sie, versuchte sie ständig einzuschüchtern, drohte ihnen mit weiterer Gewalt und Mord und "verhörte" sie mit vorgehaltener Waffe. Amnesty International konnte dies nach der Prüfung diverser Dokumente, Bilder und Videos und nach Gesprächen mit den beiden Schwestern und ihren Bekannten bestätigen.

Im September 2022 waren die beiden Schwestern aus ihrem Haus geflohen, indem sie aus einem Fenster im sechsten Stock sprangen. Anschließend waren sie in einer Unterkunft für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und Mädchen untergekommen. Bereits im August 2022 hatten sie Beschwerde bei der Polizei eingereicht. Sie schilderten dort die Gewalt, der sie ausgesetzt waren und die sie dazu zwang, Schutz zu suchen. Die Behörden, darunter auch der Leiter der von der Regierung betriebenen Unterkunft für Frauen, verhinderten jedoch, dass die Schwestern mit Vertreter*innen der Staatsanwaltschaft sprechen und ihre Beschwerde weiterverfolgen konnten.

Ihr Vater nutzte seit ihrer Flucht seine Facebook-Seite und einen Kreis von Unterstützer*innen im Geflüchtetenlager Rafah, um die beiden Schwestern weiter zu bedrohen, ihre Rückführung durch die Polizei, auch unter Gewaltanwendung, zu fordern und ihren Ruf zu schädigen. Am 5. Januar 2023 brachten palästinensische Sicherheitskräfte sie schließlich zu ihrem gewalttätigen Vater zurück. Seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört. Die palästinensische Regierung hatte zuvor bestätigt, dass den Frauen Schutz gewährt werden würde. Die palästinensischen Behörden sind dazu verpflichtet, sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt einzusetzen, insbesondere wenn sie sich – wie in diesem Fall – der besonderen Risiken bewusst sind.

Ich fordere Sie auf, nachzuweisen, dass Wissam und Fatimah al-Tawil am Leben sind und sich in Sicherheit befinden. Die palästinensischen Behörden sind dazu verpflichtet, die Schwestern vor jeglicher Form von Gewalt zu schützen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und ihr Recht auf freie Wahl des Wohnsitzes zu respektieren.

Alle rechtlichen Schritte, Maßnahmen zu ihrem Schutz und ihrer Unterstützung, sowie Angebote für Betroffene und Überlebende von häuslicher und/oder geschlechtsspezifischer Gewalt müssen auf das Recht auf Selbstbestimmung von Frauen ausgerichtet sein und dieses stärken. Es müssen Rechenschaftsmechanismen eingeführt werden, die sowohl Täter*innen vor Gericht bringen als auch Betroffenen Zugang zu vollumfänglicher Unterstützung gewähren.

Außerdem müssen die Sicherheitskräfte, die Wissam und Fatimah al-Tawil festgenommen und ihrem Vater ausgeliefert haben, zur Rechenschaft gezogen werden.

Hochachtungsvoll

Dear Minister Hamad,

I am writing to you in relation to sisters Wissam and Fatimah al-Tawil, residents of the Rafah refugee camp in the Gaza Strip. They have not been heard from since 6 January 2023, after the Palestinian security services forced them back into the custody of their abusive father.

Amnesty International was able to confirm, after reviewing documents, pictures and videos, and after speaking to the two sisters and to different people who know the family, that Wissam and Fatimah al-Tawil were facing different forms of severe violence at their home at the hands of their father for months. The violence included repeated and prolonged captivity, on one occasion for 36 days, in a locked room, interrogation, beatings, death threats, threats of further violence and constant intimidation. In September 2022, the sisters fled their home by jumping from a 6th floor window. Since September 2022, when they fled to the shelter for women and girls facing domestic violence, the two women’s father used his Facebook page and his circle of supporters in Rafah refugee camp to threaten the two sisters, to demand that the police return them by force, and to smear and tarnish their reputation. On 30 August 2022, the two sisters filed a complaint with the police detailing the violence that they were enduring, and that was forcing them to seek protection. The authorities, including the director of the government-run women’s shelter, prevented them from meeting the prosecutor and proceeding with their complaint.

Your government had previously given assurances that the women would be protected. The Palestinian authorities are obligated to try to prevent acts of gender-based violence, especially when they are aware of specific risks, as in this case.

I call on you to seek proof that Wissam and Fatimah al-Tawil are alive and safe. The Palestinian authorities have the duty to protect the sisters from all forms of violence, guarantee their safety and security, and respect their right to choose their residence. All legal proceedings, protective and support measures and services concerning victims and survivors should respect and strengthen the women’s autonomy. Accountability mechanisms should be activated to bring abusers to justice while victims of violence have effective access to comprehensive services. The security forces which detained Wissam and Fatimah al-Tawil and delivered them to their father should be investigated for their failure to protect these women.

Yours sincerely,

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Appell an

Palästinensische Mission
S.E. Herr Layth A. O. Arafa
Rheinbabenallee 8
14199 Berlin

DEUTSCHLAND

Sende eine Kopie an

Ministry for Social Development
Dr Ghazi Hamad
(Anrede: Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)

Fax: +970 8282 74 74
E-Mail: mosdgovps@gmail.com
Facebook: DrGhaziHamad
Twitter: @MinistryGaza

Amnesty fordert:

  • Ich fordere Sie auf, nachzuweisen, dass Wissam und Fatimah al-Tawil am Leben sind und sich in Sicherheit befinden. Die palästinensischen Behörden sind dazu verpflichtet, die Schwestern vor jeglicher Form von Gewalt zu schützen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und ihr Recht auf freie Wahl des Wohnsitzes zu respektieren.
  • Alle rechtlichen Schritte, Maßnahmen zu ihrem Schutz und ihrer Unterstützung, sowie Angebote für Betroffene und Überlebende von häuslicher und/oder geschlechtsspezifischer Gewalt müssen auf das Recht auf Selbstbestimmung von Frauen ausgerichtet sein und dieses stärken. Es müssen Rechenschaftsmechanismen eingeführt werden, die sowohl Täter*innen vor Gericht bringen als auch Betroffenen Zugang zu vollumfänglicher Unterstützung gewähren.
  • Außerdem müssen die Sicherheitskräfte, die Wissam und Fatimah al-Tawil festgenommen und ihrem Vater ausgeliefert haben, zur Rechenschaft gezogen werden.

Sachlage

Die 24-jährige Wissam al-Tawil und ihre 20-jährige Schwester Fatimah al-Tawil waren in ihrem Zuhause im Geflüchtetenlager Rafah im Gazastreifen monatelang verschiedensten Formen schwerer Gewalt vonseiten ihres Vaters ausgesetzt. Zu den Gewalttaten gehört unter anderem wiederholter Freiheitsentzug. So wurden sie in einem verschlossenen Raum festgehalten, in einem Fall sogar 36 Tage lang. Ihr Vater schlug sie, versuchte sie ständig einzuschüchtern, drohte ihnen mit weiterer Gewalt und Mord und "verhörte" sie mit vorgehaltener Waffe. Amnesty International konnte dies nach der Prüfung diverser Dokumente, Bilder und Videos und nach Gesprächen mit den beiden Schwestern und ihren Bekannten bestätigen.

Im September 2022 waren die beiden Schwestern aus ihrem Haus geflohen, indem sie aus einem Fenster im sechsten Stock sprangen. Anschließend waren sie in einer Unterkunft für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und Mädchen untergekommen. Bereits im August 2022 hatten sie Beschwerde bei der Polizei eingereicht. Sie schilderten dort die Gewalt, der sie ausgesetzt waren und die sie dazu zwang, Schutz zu suchen. Die Behörden, darunter auch der Leiter der von der Regierung betriebenen Unterkunft für Frauen, verhinderten jedoch, dass die Schwestern mit Vertreter*innen der Staatsanwaltschaft sprechen und ihre Beschwerde weiterverfolgen konnten.

Ihr Vater nutzte seit ihrer Flucht seine Facebook-Seite und einen Kreis von Unterstützer*innen im Geflüchtetenlager Rafah, um die beiden Schwestern weiter zu bedrohen, ihre Rückführung durch die Polizei, auch unter Gewaltanwendung, zu fordern und ihren Ruf zu schädigen. Am 5. Januar 2023 brachten palästinensische Sicherheitskräfte sie schließlich zu ihrem gewalttätigen Vater zurück. Seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört. Die palästinensische Regierung hatte zuvor bestätigt, dass den Frauen Schutz gewährt werden würde. Die palästinensischen Behörden sind dazu verpflichtet, sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt einzusetzen, insbesondere wenn sie sich – wie in diesem Fall – der besonderen Risiken bewusst sind.

Hintergrundinformation

Hintergrund

In einem Artikel, der am 24. Dezember 2022 auf der Nachrichtenseite raseef22.net veröffentlicht wurde, erzählte Wissam al-Tawil mutig von ihrem Leidensweg und sprach ihre Solidarität für alle Überlebenden geschlechtsspezifischer Gewalt aus. Ende 2022 haben Wissam und Fatimah al-Tawil außergewöhnlichen Mut bewiesen, indem sie sich gegen die Gewalt, die sie erlebt haben, aussprachen, und ihre Erfahrungen über soziale Netzwerke mit anderen teilten. Auch die Drohungen auf der Facebook-Seite ihres Vaters konnten sie nicht davon abhalten, ihre Geschichte weiterhin zu erzählen. Die Schwestern sagten, dass sie nicht nur für sich selbst sprechen, sondern für alle Frauen, die von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind.

Die beiden Frauen versuchten am 25. Oktober 2022 den Gazastreifen über den Grenzübergang Rafah zu verlassen, wurden allerdings von den palästinensischen Behörden darüber informiert, dass sie nicht ausreisen dürfen. Seitdem haben die beiden Frauen wiederholt um eine Ausreisegenehmigung gebeten. Die Behörden weigerten sich jedoch jedes Mal diese auszustellen, obwohl kein gerichtlich angeordnetes Reiseverbot gegen die beiden Frauen besteht.

Nach monatelangem Druck vonseiten ihres Vaters, wurden die beiden Schwestern am 12. November 2022 gezwungen, die Unterkunft für Frauen zu verlassen. Er hatte die Behörden beschuldigt, "Familienwerte" zu zerstören und gegen soziale Normen zu verstoßen, weil sie sich "geweigert" hätten, seine beiden Töchter herauszugeben, die er als sein Privateigentum ansieht. Der Vater hatte diese Aussagen in zahlreichen Videos wiederholt, die er auf Facebook und WhatsApp veröffentlichte.

Die beiden Frauen berichteten Amnesty International, dass sich das Verhalten des Vaters wie "psychologische Kriegsführung" angefühlt habe und dass sie gegen ihren Willen gezwungen wurden, die Unterkunft zu verlassen und nach Rafah zurückzukehren. Sie sagten aus, dass der Leiter der Unterkunft erniedrigende Durchsuchungen bei ihnen durchgeführt habe, bei denen er ihre Mobiltelefone beschlagnahmt hätte. Außerdem habe eine Polizistin der Frauen-Abteilung des Gazastreifens, deren Aufgabe die Kontrolle des Verhaltens von Frauen ist, sie angewiesen, die Unterkunft umgehend zu verlassen. Daraufhin versteckten sie sich mehrere Wochen lang, bis sie schließlich von palästinensischen Sicherheitskräften aufgegriffen und am 5. Januar 2023 zu ihrer Familie zurückgebracht wurden. Die letzten Worte, die sie am 6. Januar 2023 gegen 1 Uhr morgens an Amnesty International schicken konnten, waren: "Das ist unser Untergang."

Im Jahr 2014 hat der Staat Palästina die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau ratifiziert. Die palästinensischen Behörden sind dazu verpflichtet, Frauen vor Gewalt zu schützen, angemessene Rechtsmittel für Überlebende zu gewährleisten, und Täter*innen zur Rechenschaft zu ziehen.