Kolumbien: Angriff auf Cleiner Almanza muss untersucht werden!
Demonstration in der in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá anlässlich des internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (25. November 2022)
© AFP via Getty Images
Am 8. Juni wurde Cleiner Almanza von Unbekannten in eine abgelegene Gegend von Cartagena gelockt. Dort wurde sie angegriffen, gefoltert und erlebte geschlechtsspezifische Gewalt. Sie wurde beinahe getötet. Cleiner Almanza sucht seit 1998 nach ihrem Bruder, der in der Region Montes de María im Norden Kolumbiens "verschwunden" ist. Als anerkannte Menschen- und Frauenrechtsverteidigerin wurde sie wegen ihres Engagements bereits mehrfach angegriffen und in ihren Rechten verletzt.
Setzt euch für Cleiner Almanza ein!
Hier kannst du deinen Brief ausdrucken, um ihn per Post oder Fax an die Behörden zu senden, oder ihn direkt über dein eigenes E-Mail-Programm verschicken.
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Appell an
Luz Adriana Camargo
Attorney General
Attorney General’s Office
Avenida Calle 24 No. 52 – 01
Bogotá DC, KOLUMBIEN
Sende eine Kopie an
Botschaft der Republik Kolumbien
I. E. Frau Yadir Salazar Mejia
Taubenstr. 23
10117 Berlin
Fax: 030-2639 6125
E-Mail: ealemania@cancilleria.gov.co
Amnesty fordert:
- Bitte setzen Sie die Verpflichtungen der Generalstaatsanwaltschaft aus dem Gesetz 2364 von 2024 (Ley de Mujeres Buscadoras) um, indem Sie den Angriff auf Cleiner Almanza umfassend untersuchen und konsequent aufklären.
- Ermitteln Sie sowohl die Auftraggeber*innen als auch die direkten Täter*innen und stellen Sie sicher, dass sie in fairen Gerichtsverfahren zur Verantwortung gezogen werden. Wirksame Ermittlungen sind entscheidend, um weitere Angriffe auf Mujeres Buscadorasin Kolumbien zu verhindern.
Sachlage
Cleiner Almanza kommt aus der Region Montes de María in der kolumbianischen Karibik. Sie wurde am 8. Juni in Cartagena Opfer schwerer Gewalt: Sie wurde eingeschüchtert, gefoltert, war geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt und wurde beinahe getötet. Dieser Angriff erfolgte nur wenige Wochen nach der Ermordung von Claribel Moreno Castillo am 13. Mai in Jamundí im südwestlichen Valle del Cauca. Claribel Moreno Castillo hatte vier Jahre lang nach ihrer "verschwundenen" Tochter Natalia Buitrago gesucht.
Beide Frauen gehören zu den sogenannten Mujeres Buscadoras (Suchende Frauen). Mit diesem Begriff werden in ganz Lateinamerika Frauen bezeichnet, die nach ihren "verschwundenen" Angehörigen und Freund*innen suchen und sich oft in sogenannten Suchkollektiven zusammengeschlossen haben. Die Situation der Mujeres Buscadoras ist äußerst besorgniserregend. Hinter den Tausenden Verschwundenen stehen Angehörige, die nach ihnen suchen, die Wahrheit über die begangenen Verbrechen einfordern und für Gerechtigkeit, Wiedergutmachung sowie Garantien der Nichtwiederholung kämpfen. Amnesty International hat wiederholt betont, dass diese Suchenden als Menschenrechtsverteidiger*innen selbst erheblichen Risiken ausgesetzt sind – insbesondere durch Gewalt seitens der mutmaßlich Verantwortlichen und anderer Akteure. Da die Mehrheit der Suchenden Frauen sind, sind sie zusätzlich einem unverhältnismäßig hohen Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt.
Neben direkter Gewalt sehen sich Mujeres Buscadoras häufig auch mit mangelnder Sensibilität und unzureichendem Handeln der Behörden konfrontiert, wenn sie Schutz und die Wahrung ihrer Rechte einfordern. Als Reaktion darauf setzten sie sich erfolgreich für die Verabschiedung des Gesetzes 2364 von 2024 (Ley de Mujeres Buscadoras) ein, das sie als Menschenrechtsverteidiger*innen anerkennt und Schutzmaßnahmen für sie vorsieht. Doch trotz öffentlicher Zusagen der Generalstaatsanwaltschaft, Angriffe auf die suchenden Frauen gründlich zu untersuchen, sind fast zwei Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes zentrale Verpflichtungen weiterhin nicht umgesetzt.
Hintergrundinformation
Das Verschwindenlassen ist in den Amerikas weit verbreitet und stellt seit Jahrzehnten – zunehmend seit den 1960er- und 1970er-Jahren – ein gravierendes Problem dar. Unabhängig von den jeweiligen Ursachen sind Staaten verpflichtet, nach den Betroffenen zu suchen. Solange ihr Verbleib ungeklärt ist, hat ihr Verschwinden schwerwiegende Folgen für die Angehörigen und ihr soziales Umfeld aus.
In Kolumbien ist das Verschwindenlassen eine von vielen Gewaltformen im Kontext des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts. Die Wahrheitskommission stellte in ihrem Abschlussbericht 2022 fest, dass zwischen 1985 und 2016 schätzungsweise 210.000 Menschen Opfer dieser schweren Menschenrechtsverletzung wurden. Zwischen Dezember 2016 und Juli 2024 dokumentierte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz weitere 1.730 Fälle im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten – rechnerisch eine Person alle 36 Stunden. Bis heute werden immer wieder neue Fälle gemeldet.
Frauen spielen eine zentrale Rolle bei der Suche nach den Verschwundenen sowie bei der Gründung und Leitung von Angehörigenorganisationen – sowohl in Kolumbien als auch in ganz Amerika. Wie die Amnesty‑Kampagne #SearchingWithoutFear zeigt, sind es häufig Mütter, Ehefrauen, Schwestern und Töchter, die die Hauptlast tragen und zugleich die Suche anführen. Sie machen die Verbrechen sichtbar und fordern konsequent Wahrheit und Gerechtigkeit ein. Der englischsprachige Amnesty‑Bericht Searching Without Fear: International Standards for Protecting Women Searchers in the Americas (Suchen ohne Angst: Internationale Standards für den Schutz von suchenden Frauen in den Amerikas) hebt hervor, dass Staaten verpflichtet sind, aktiv nach Verschwundenen zu suchen, dabei die Beteiligung der Angehörigen zu gewährleisten und insbesondere suchende Frauen zu schützen.
Der Bericht Transforming pain into rights: Risks, threats and attack on women searchers in Colombia (Schmerz in Rechte verwandeln: Risiken, Drohungen und Angriffe auf suchende Frauen in Kolumbien) dokumentiert die Realität dieser Frauen in Kolumbien und verdeutlicht die erheblichen Risiken, denen sie ausgesetzt sind. Dazu gehören Stigmatisierung, physische und häufig geschlechtsspezifische Gewalt, Belästigung und Drohungen, die sie in Einzelfällen sogar ins Exil zwingen. Viele geraten in wirtschaftliche Not, da die Suche Zeit, Ressourcen und oft den Verzicht auf Erwerbsarbeit erfordert, während sie gleichzeitig für ihre Familien sorgen müssen. Hinzu kommt weit verbreitete Straflosigkeit: Zahlreiche Ermittlungs- und Gerichtsverfahren zu Verschwindenlassen und zu Gewalt gegen suchende Frauen bleiben selbst nach vielen Jahren ohne Ergebnis. Diese massiven Hindernisse, mit denen die Mujeres Buscadoras bei ihrer Forderung nach Wahrheit und Gerechtigkeit konfrontiert sind, zeigen deutlich, wie wichtig es ist, dass die Gesellschaft diese Frauen anerkennt und die Behörden ihre Rechte respektieren und schützen.