Erhöhte Foltergefahr

Diese Urgent Action ist beendet.

Am 28. Dezember 2018 wurde der chinesische Menschenrechtsverteidiger Zhen Jianghua der „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ schuldig gesprochen und zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Zhen Jianghua ist Geschäftsführer der Online-Plattform Human Rights Campaign in China, die sich seit mehr als zehn Jahren für gefährdete Menschenrechtsverteidiger_innen einsetzt. Er wird lediglich aufgrund der Wahrnehmung seiner Rechte auf Meinungs- und Vereinigungsfreiheit verfolgt.

Zhen Jianghua ist hinter Gittern, seine Hände an den Gitterstäben. An der Außenwand ein Schild: Polizeiwache.

Der chinesische Menschenrechtsverteidiger Zhen Jianghua hinter Gittern auf einer Polizeiwache

Der Menschenrechtsverteidiger Zhen Jianghua ist am 2. September 2017 festgenommen worden und hat bisher keinen Zugang zu einem Rechtsbeistand erhalten. Seit dem 29. September steht er wegen des Verdachts auf „Anstiftung zum Umsturz der Staatsmacht“ an „einem dafür vorgesehenen Ort unter Überwachung“. Sein genauer Aufenthaltsort ist unbekannt, was die Sorge erhöht, dass ihm Folter und andere Misshandlungen drohen könnten.

Appell an:

Zhuhai City Public Security Bureau

Meihuaxilu, Xiangzhouqu

Zhuhai Shi 519000

VOLKSREPUBLIK CHINA

Sende eine Kopie an:

Minister für Öffentliche Sicherheit
Guo Shengkun Buzhang
Ministry of Public Security
14 Dongchanganjie
Dongchengqu Beijingshi 100741
VOLKSREPUBLIK CHINA

Botschaft der Volksrepublik China
S. E. Herrn Mingde Shi
Märkisches Ufer 54
10179 Berlin

Fax: 030-27 58 82 21
E-Mail: presse.botschaftchina@gmail.com oder
             de@mofcom.gov.cn

Amnesty fordert:

  • Bitte lassen Sie alle Anklagen gegen Zhen Jianghua fallen und lassen Sie ihn umgehend und bedingungslos frei, da er ein gewaltloser politischer Gefangener ist und sich nur deshalb in Haft befindet, weil er von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht hat.
  • Stellen Sie zudem sicher, dass Zhen Jianghua bis zu seiner Freilassung vor Folter und anderer Misshandlung geschützt wird und unverzüglich Zugang zu seiner Familie und einem Rechtsbeistand seiner Wahl erhält.

Sachlage

Am 1. Februar 2018 erhielt der Rechtsbeistand von Zhen Jianghua eine schriftliche Mitteilung des Büros für Öffentliche Sicherheit der Stadt Zhuhai, in der es hieß, dass sich sein Mandant nicht mit ihm treffen dürfe, weil es in seinem Fall um die nationale Sicherheit ginge und ein Treffen mit ihm die Untersuchung behindern und die Preisgabe von Staatsgeheimnissen riskieren könnte. Die Behörden wiesen zudem den Antrag auf eine Freilassung gegen Kaution ab und bestätigten, dass Zhen Jianghua seit dem 29. September an einem dafür vorgesehenen Ort unter Überwachung stehe. Sie machten jedoch keine Angaben darüber, um welchen Ort es sich handelte.

Zhen Jianghua wurde am 2. September 2017 wegen des Verdachts auf „Anstiftung zum Umsturz der Staatsmacht“ festgenommen. Am 7. September wurde seiner Familie mitgeteilt, dass er in der Hafteinrichtung Nr. 1 der Stadt Zhuhai festgehalten wird. Am 13. Dezember informierte der zuständige Beamte den Rechtsbeistand von Zhen Jianghua, dass sein Mandant an einem dafür vorgesehenen Ort unter Überwachung gestellt worden sei und sich nicht mit dem Rechtsbeistand treffen dürfe.

Zhen Jianghua ist ein Menschenrechtsverteidiger, der sich in China seit mehr als zehn Jahren für marginalisierte Gruppen einsetzt. Wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte wurde er bereits mehrmals festgenommen. Da Zhen Jianghua derzeit ohne Kontakt zur Außenwelt und ohne Zugang zu einem Rechtsbeistand oder seiner Familie festgehalten wird, erhöht sich die Sorge, dass ihm Folter und andere Misshandlungen drohen.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Zhen Jianghua, auch bekannt unter seinem Online-Pseudonym „Guests Zhen“, ist Geschäftsführer der Online-Plattform Human Rights Campaign in China, die sich für gefährdete Menschenrechtsverteidiger_innen einsetzt. Die Organisation hilft Betroffenen dabei, erlebte Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Außerdem ist Zhen Jianghua Chefredakteur und Gründer der Webseite ATGFW.ORG, die sich gegen eine Zensur des Internets einsetzt. Auf der Seite werden Möglichkeiten aufgezeigt, das als „Great Firewall“ bekannte chinesische Kontrollsystem zu umgehen, um so Zugang zu zensierten Informationen zu erhalten. In Zhuhai leitet er ein Bildungsprojekt der AIDS-Stiftung Hong Kong, das sich die HIV/AIDS-Prävention zum Ziel gesetzt hat.

Am 3. September 2016 fuhr Zhen Jianghua in das Dorf Wukan in der Provinz Guangdong, um die dortigen Proteste gegen den illegalen Landraub durch die Kommunalregierung zu unterstützen. Bei seiner Abreise aus Wukan wurde er von der Polizei festgenommen und mehr als 24 Stunden verhört. Er stand im Verdacht, die Proteste in Wukan initiiert zu haben. Nach seiner Freilassung am 7. September 2016 veröffentlichte Zhen Jianghua online eine Stellungnahme zu seiner Inhaftierung. Noch in derselben Nacht wurde er erneut festgenommen und unter dem Verdacht, er riefe zur Teilnahme an „illegalen Kundgebungen, Protestmärschen und Demonstrationen“ auf, verhört. Am folgenden Tag wurde er wieder freigelassen.

Im Lauf der vergangenen Jahre hat China seine bereits zuvor praktizierte Internet-Zensur weiter verschärft. Tausende Webseiten und Social-Media-Dienste sind gezwungen, ihre Inhalte zu zensieren. Manche Plattformen - wie Facebook, Instagram oder Twitter – sind ganz geblockt. Das chinesische Ministerium für Industrie und Informationstechnologie gab im Januar 2017 bekannt, dass die Regierung eine 14-monatige Kampagne zur Schließung „nicht-genehmigter“ Internet-Plattformen begonnen habe. Das Anbieten von VPN-Diensten, mit deren Hilfe die Zensur umgangen werden kann, ist nur mit einer vorherigen Genehmigung durch die Regierung möglich. Örtlichen Medienberichten zufolge wurden 2017 mehrere Personen strafrechtlich verfolgt, weil sie VPN-Produkte und -Dienste zur Verfügung gestellt bzw. verkauft haben sollen.

Zusätzlich wurden mehrere Bürgerjournalist_innen sowie Direktor_innen lokaler Medien festgenommen und inhaftiert, weil sie über Menschenrechtsverletzungen in China berichteten. Sechs Journalist_innen der in der Provinz Sichuan registrierten Webseite 64 Tianwang (64tianwang.org) wurden festgenommen, weil sie im September 2016 über den G20-Gipfel in Hangzhou berichtet hatten. Der Gründer der Webseite, Huang Qi, ist seit November 2016 wegen der „Preisgabe von Staatsgeheimnissen“ inhaftiert. Seit Dezember 2016 ist seine Inhaftierung offiziell. Im Dezember 2016 wurde Liu Feiyue, der Gründer und Direktor der in der Provinz Hubei registrierten Webseite Civil Rights and Livelihood Watch (http://www.msguancha.com), wegen „Anstiftung zum Umsturz der Staatsmacht“ festgenommen. Der Blogger Lu Yuyu und seine Freundin Li Tingyu verwalteten gemeinsam einen Blog (wickedonna.blogspot.com) sowie ein Twitter-Konto (@wickedonnaa). Lu Yuyu und Li Tingyu sammelten Informationen zu Streiks, Protesten und Unruhen der ländlichen Bevölkerung und veröffentlichten diese. Sie wurden beide am 15. Juni 2016 unter dem Verdacht festgenommen, „Streit angefangen und Ärger provoziert“ zu haben. Li Tingyu wurde nach einem Prozess am 10. April 2017 auf Kaution freigelassen, während Lu Yuyu wegen des Vorwurfs, „Streit angefangen und Ärger provoziert“ zu haben zu vier Jahren Haft verurteilt wurde.

In China werden Aktivist_innen und Menschenrechtsverteidiger_innen nach wie vor systematisch überwacht, schikaniert, eingeschüchtert, festgenommen und inhaftiert. Immer häufiger kommt es vor, dass die Polizei Menschenrechtler_innen nicht in offiziellen Hafteinrichtungen festhält. Häufig haben sie über lange Zeit hinweg keinen Zugang zu einem Rechtsbeistand, was Folter und anderer Misshandlung Vorschub leistet.