Amnesty Journal Somalia 28. November 2013

Zerrissenes Land

Der somalische Schriftsteller Nuruddin Farah zählt zu den wichtigsten Intellektuellen Afrikas. In allen ­seinen Romanen reflektiert er die Geschichte seines Heimatlandes. So auch in seinem neuen Buch ­»Gekapert«.

Von Wera Reusch

Somalia ist meine Liebe, meine Obsession. Es ist das Land, von dem ich träume, über das ich nachdenke, es ist das einzige Land, das ich als mein Eigen betrachte«, sagt Nuruddin Farah. Der 67-jährige Autor musste Somalia in den siebziger Jahren aus politischen Gründen verlassen und lebt seither im Exil – unter anderem in Südafrika und in den USA. Somalia hat ihn jedoch nie losgelassen. Farahs bislang elf Romane spielen alle in seinem Heimatland und reflektieren dessen Geschichte. Er selbst betrachtet die Distanz als Vorteil: »Ich hätte diese Dinge nicht schreiben können, wenn ich in Somalia geblieben wäre. Denn man kann den Boden, auf dem man steht, nur dann sehen, wenn man sich davon wegbewegt.«

Farah greift die politischen Ereignisse mit einem gewissen zeitlichen Abstand auf – in seinen ersten Romanen bildete die Diktatur Siad Barres den Hintergrund, während seine jüngsten Bücher vom Bürgerkrieg handeln. In »Gekapert« besuchen drei Exil-Somalier 2006 ihr Heimatland: Ein Professor, der seit Jahren in Amerika lebt, will in der Hauptstadt Mogadischu Freunde besuchen. Er wird begleitet von seinem Schwiegersohn Malik, einem New Yorker Journalisten, der über die politische ­Situation und über die Piraterie berichten will. Maliks Bruder fährt derweil in den Norden des Landes und sucht nach seinem Sohn, der sich in einer Moschee in den USA als Selbstmordattentäter hatte anwerben lassen.

Die Situation vor Ort ist unübersichtlich und bedrohlich. Es gibt keinen Staat – die Ordnung, die es gibt, ist willkürlich und menschenverachtend. Es gilt die Scharia. Die Bevölkerung wird von der Al-Shabaab-Miliz terrorisiert, die sich vor allem aus jungen Männern rekrutiert. Man kann so gut wie niemandem trauen – jeder versucht seine Haut zu retten und geht dabei rücksichtslos vor. Journalisten, die sich kritisch äußern, werden umgebracht. Der Roman schildert die Bemühungen der drei Exil-Somalier, zu verstehen, was in dem Land vor sich geht. Dabei ­begegnen sie kosmopolitischen Intellektuellen, religiösen Fa­natikern und Vergewaltigungsopfern, skrupellosen Geschäftemachern, aufgehetzten Jugendlichen und Piraten. Je tiefer sie vordringen, desto mehr geraten sie selbst in Gefahr.

Farahs Roman schildert die Auswirkungen der politischen Situation auf die Menschen und deren Auseinandersetzung damit. Dabei werden zahlreiche Konfliktlinien deutlich, entlang derer sich die Gesellschaft und die Familien spalten, etwa zwischen Jungen und Alten oder zwischen Religiösen und Säkularen. Seit Mitte der neunziger Jahre kann der Schriftsteller Somalia wieder besuchen. Viele seiner Recherchen und die anderer Journalisten sind in den Roman eingeflossen. Dies lässt »Gekapert« phasenweise etwas didaktisch erscheinen, doch erfährt der Leser auf diese Weise viel Unbekanntes. Mit seinen Romanen verleiht Farah seinem zerrissenen Land eine Stimme in der Welt und hinterlässt der somalischen Jugend eine Art literarisierte Geschichtsschreibung.

Nuruddin Farah: Gekapert. Aus dem Englischen von Susann Urban. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 463 Seiten, 26,95 Euro.

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