Amnesty Journal Irak 06. Februar 2009

"Viele Männer halten es für selbstverständlich, das Leben ihrer Frauen zu kontrollieren"

Die Sicherheitslage im Nordirak ist vergleichsweise gut, dennoch gibt es zahlreiche ­Fälle von familiärer Gewalt. Eine starke Frauenbewegung setzt sich für ein Ende der Diskriminierung ein – und kann bereits Erfolge verzeichnen. Ein Gespräch mit Carsten Jürgensen, Irak-Experte von Amnesty International in London.

Im Vergleich zum Zentralirak gilt der kurdische Norden seit Langem als sicher. Trifft dies auch auf die Situation der kurdischen Frauen im Nordirak zu?
Die Situation in den drei kurdischen Provinzen ist grundlegend anders als im restlichen Land: Es gibt dort keine ausländischen Truppen, und die Sicherheitslage ist tatsächlich besser. Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation zur Lage der irakischen Frauen aus dem Jahr 2007 schneidet der kurdische Norden besser ab als der Rest des Landes.

Ist die Lage kurdischer Frauen also durchweg positiv?
Nein, ganz und gar nicht. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen häufig die schlimmsten Fälle, wenn Frauen getötet werden – zumeist von männlichen Verwandten, weil sie angeblich die Ehre der Familie verletzt haben. Oder wenn sich Frauen mit schrecklichen Methoden das Leben nehmen. In den vergangenen Jahren hat es eine zunehmende Zahl von Verbrennungen gegeben, bei denen nicht immer feststellbar ist, ob es sich um einen Mord oder Selbstmord handelt. Nach offiziellen Angaben sterben jeden Monat durchschnittlich 30 Frauen einen gewaltsamen Tod.
Neben diesen extremen Fällen gibt es eine große Bandbreite familiärer Gewalt, wo Frauen nicht das Haus verlassen dürfen, wo Frauen gezwungen werden, einen Mann zu heiraten, den sie nicht heiraten wollen. In solchen Konstellationen kommt es häufig zu weiteren Formen der Gewalt gegen Frauen.

Woher kommt das hohe Ausmaß dieser Gewalt?
Die Diskriminierung von Frauen ist ein entscheidender Faktor. Wenn es akzeptiert wird, dass Frauen und Mädchen weniger Bildungs- und Berufschancen oder Rechtsansprüche haben als Männer, wird ein fatales Bild vermittelt. Zu viele Männer in der Region sehen es als selbstverständlich an, das Leben von Frauen zu kontrollieren. Einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation zufolge leiden 40 Prozent der verheirateten Frauen in der kurdischen Region unter dem Kontrollverhalten von Männern. Frauen müssen sich vor einem Arztbesuch die Zustimmung ihres Mannes holen. Oder sie werden von männlichen Verwandten attackiert, weil sie ein Handy benutzen.

Welche Maßnahmen haben die kurdischen Behörden ergriffen, um der Gewalt gegen Frauen entgegenzuwirken?
Sie haben spezielle Komitees eingerichtet, die diese Fälle dokumentieren sollen. Darüberhinaus haben sie Sondereinheiten bei der Polizei geschaffen, an die sich betroffene Frauen wenden können. Allerdings gibt es diese Einheiten nur in den drei großen Städten. Es wurde zudem eine Handvoll Frauenhäuser gegründet, in denen Frauen Zuflucht finden können. Aber leider reichen diese Maßnahmen bei Weitem nicht aus. Die Schutzmaßnahmen für Frauen in Gefahr müssen ausgeweitet und verbessert werden. Der Polizeiapparat benötigt mehr Polizistinnen und Sensibilisierungsprogramme.

Im Nordirak gibt es viele Frauenrechtlerinnen und zivilgesellschaftliche Organisationen. Wie schätzen sie die aktuelle Lage ein?
Ihre Stimmung schwankt zwischen Zuversicht und Enttäuschung. Die meisten sind sich bewusst, dass sie vieles erreicht haben. Ihre Arbeit der vergangenen zwei Jahrzehnte ist nicht hoch genug zu bewerten. Sie haben maßgeblich zur Verbesserung der Lage kurdischer Frauen beigetragen. Enttäuschung, weil die Forderungen der Frauenrechtsaktivistinnen von der Regierung nur zum Teil oder unzureichend umgesetzt werden.

Was fordern sie?
Sie fordern ein Ende der Diskriminierung von Frauen sowohl in rechtlicher Hinsicht als auch hinsichtlich ihrer sozialen Stellung. Dazu gehört auch die Förderung von Frauen und Mädchen bei der Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt. Zudem sollen Gewalttäter nach einem angemessen Strafmaß verurteilt und der Schutz für die Opfer verbessert werden.

Welche rechtlichen Bestimmungen diskriminieren Frauen?
Seit Langem haben sich die kurdischen Frauenrechtsaktivistinnen für eine Überarbeitung diskriminierender Bestimmungen des Personenstandsgesetzes eingesetzt. Ende Oktober 2008 stimmte das kurdische Parlament einigen Veränderungen zu: So wurden beispielsweise die Bedingungen für die Mehrehe wesentlich verschärft. Viele Aktivistinnen sind allerdings enttäuscht, da sie für eine vollständige Abschaffung der Mehrehe eintreten.

Können Frauenrechtsaktivistinnen ungehindert agieren?
Die konkreteste Bedrohung geht oft von Familienangehörigen der schutzsuchenden Frauen aus. Eine Sozialarbeiterin erzählte mir, dass sie seit Beginn ihrer Arbeit in einem Frauenhaus bedroht wird. Zu einem brutalen Übergriff kam es im Mai 2008: Ein Frauenhaus der Nichtregierungsorganisation ASUDA wurde angegriffen und eine Frau, die dort Zuflucht gesucht hat, wurde durch Schüsse schwer verletzt. Es gibt deutliche Hinweise auf die Täter, doch die Verdächtigen wurden mangels Beweisen wieder freigelassen. Frauenrechtsaktivistinnen betonen immer wieder, dass die kurdischen Behörden energischer gegen Drohungen vorgehen sollen.

Gibt es positive Entwicklungen?
Sehr wichtig ist sicherlich, dass Themen wie Gleichberechtigung und Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit mittlerweile einen breiten Raum einnehmen. Aber um grundlegende Veränderungen, insbesondere bei den Einstellungen der Menschen, die an einem traditionellem Rollenbild der Frau festhalten, zu erreichen, ist ein langer Atem notwendig. Wichtig ist, dass die kurdischen Behörden klare Position gegen Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen einnehmen. Fast noch wichtiger scheint mir, dass Mädchen und Frauen in den Bereichen Schule, Ausbildung und Beruf gezielt gefördert werden, damit sie eine unabhängige Lebensperspektive entwickeln können.

Carsten Jürgensen arbeitet seit 2004 als Irak-­Researcher im Internationalen Sekreta­riat von Amnesty International in London. Dort ist er unter anderem zuständig für das Thema Gewalt gegen Frauen. Im Mai und Juni 2008 nahm er an einer Ermittlungsmission von Amnesty in den kurdischen Nordirak teil.

Interview: Ruth Jüttner

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