Amnesty Journal Sri Lanka 10. Februar 2009

"Die Frauen tragen die Hauptlast des Krieges"

Ein Gespräch mit der Juristin und Menschenrechtsverteidigerin Nimalka Fernando über den Bürgerkrieg und die Situation der Frauen in Sri Lanka. Fernando ist die Vorsitzende des International Movement Against All Forms of Discrimination and Racism (IMADR) und des Women’s Forum for Peace in Sri Lanka.

Welchen Herausforderungen müssen sich Menschenrechts­aktivisten in Sri Lanka heute stellen?
Wir erleben gerade eine schwierige Phase. Staat und Gesellschaft suchen eine militärische Lösung des Konflikts in Sri Lanka. Dahinter steht der so genannte Krieg gegen den Terror, der keinen Widerspruch duldet. Wer sich für Menschenrechte einsetzt, wird als Feind des Staates betrachtet, gemäß der Bush-Theorie: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Die größte Herausforderung ist der Schutz der Menschenrechtsverteidiger auf lokaler Ebene.
Auch der Schutz von Minderheiten bleibt schwierig, weil immer der Vorwurf im Raum steht, wir würden Terroristen unterstützen. Schon allein das Betreiben einer Website mit Informationen über die Lage in Sri Lanka kann zur Verhaftung führen. Die Notstandsgesetze haben repressiven Charakter. Der Verteidigungsminister kann über die Haftdauer von Inhaftierten entscheiden. Damit ist die Justiz nicht mehr unabhängig, die Administration hat die Justiz übernommen. Derzeit ist der Bruder des Präsidenten mit dieser Aufgabe betraut.

Wie wirkt sich der Konflikt auf die Lage der Frauen aus?
Frauen tragen die Hauptlast des Konflikts. Es gibt 48.000 Witwen aus den vergangenen Kriegsjahren. In manchen Dörfern leben inzwischen fünfmal mehr Frauen als Männer, weil die Männer im Krieg oder schon tot sind oder ins Ausland fliehen mussten. Unter Binnenflüchtlingen bilden Frauen die Mehrheit. Sie werden häufig Opfer von sexueller Gewalt. Auch in den Flüchtlingslagern sind sie nicht immer sicher. In den vergangenen sechs Monaten stellen wir eine Zunahme der Gewalt gegen Frauen fest. Doch darüber wird nicht berichtet.
Gleichzeitig halten die Ehefrauen, Schwestern und Töchter die Familien aufrecht, während die Männer in den Krieg ziehen. Wenn ein Mann »verschwindet«, muss sich die Frau um die Familie kümmern, und wird gleichzeitig zur Menschenrechtsverteidigerin. Denn sie muss zur Polizeistation gehen, zu den Haftzentren oder zur Menschenrechtskommission. Frauen reisen in die Hauptstadt auf der Suche nach ihren Angehörigen und erheben Klage. Sie sind also Opfer des Krieges, andererseits gestalten sie aktiv die Gesellschaft. Diese aktive Rolle wird ihnen von der traditionell patriarchalen Gesellschaft nicht zugeschrieben.

Werden die Frauen von der Regierung unterstützt?
Im Parlament sind nur vier Prozent der Abgeordneten Frauen. Daher plädieren wir für eine 30-Prozent-Quote bei den Wahlen, um den Anteil der Frauen zu erhöhen. Obwohl Sri Lanka die erste Premierministerin der Welt hatte, sind die Mitwirkungsmöglichkeiten von Frauen am politischen Leben unserer Gesellschaft begrenzt.

Als Vorsitzende des Frauenzentrums für Frieden kämpfen Sie für die derzeit schwierigste Aufgabe in Sri Lanka. Warum haben Sie diesen Weg gewählt?
Schon zu meiner Studienzeit war ich in Jugendbewegungen sowohl an der Universität als auch in der katholischen Kirche aktiv. Dort wurde ich für Fragen der Entwicklung und soziale Themen sensibilisiert. Gleichzeitig kam ich aus einer Arbeiterfamilie, besuchte aber eine Privatschule, was nicht so einfach war, denn hier erlebte ich erste Erfahrungen mit Diskriminierung. Mein Vater war politisch aktiv, und so kam ich früh mit Versammlungen und Demonstrationen in Berührung. Wir wurden auch durch die Jugendproteste in Frankreich Anfang der achtziger Jahre beeinflusst. Ich lernte zusätzlich die Theologie der Befreiung kennen, und wir diskutierten die Texte von Dom Helder Camara und Dietrich Bonhoeffer.

Was kann die Zivilgesellschaft in dem andauernden Konflikt leisten?
Im Moment ist es schwierig, weil sich viele Menschen nicht trauen, aktiv zu werden. Wir müssen also mit dieser Angst und diesem Schweigen umgehen. Mit unserer Organisation bieten wir Trainingsprogramme für Frauen an. Doch es wird immer schwieriger, sich zu engagieren, weil es nicht nur politische Angriffe gibt, sondern auch persönliche. Wir vertreten ein liberales Gesellschaftsmodell, doch im Moment trauen sich nur wenige Frauen, dies in der Öffentlichkeit zu vertreten.

Der Konflikt in Sri Lanka wird derzeit fast ausschließlich als regionaler Konflikt angesehen. Gibt es dennoch internationale Auswirkungen?
Sri Lanka hat geostrategische Bedeutung. Die Nähe zum indischen Bundesstaat Tamil Nadu hat dazu geführt, dass Indien in den Konflikt involviert wurde. Auf internationaler Ebene ist es interessant zu beobachten, dass Sri Lanka in der UNO mit Indien und China stimmt. Das traditionelle Geberland Japan ist weit weg und nimmt immer Rücksicht auf Indien. Die internationale Gemeinschaft überlässt Indien den Konflikt als Regionalmacht. Gleichzeitig kommt finanzielle Unterstützung von China und Indien. Die Dynamik zwischen Indien und China wird sicherlich den Konflikt in Sri Lanka beeinflussen.

Was erwarten Sie von der internationalen Staatengemeinschaft?
Die Staatengemeinschaft muss sich die Folgen ihres Engagements genau ansehen. Sri Lanka ist abhängig von internationalem Handel, von Entwicklungshilfe und finanziellen Zusagen. Die UNO-Menschenrechtskommissarin sollte eine hochrangige Delegation entsenden, um Verbesserungen zu erreichen. Die EU muss prüfen, inwieweit ihr bisheriges Engagement die Lage der Frauen verbessert hat. Die Vereinigungsfreiheit in Gewerkschaften muss gerade für Frauen gestärkt werden. In den Fabriken müssen Richtlinien gegen sexuelle Übergriffe umgesetzt werden. Hier darf es keine Toleranz geben. Nicht nur die Besitzer der Fabriken sollten von den internationalen Hilfen profitieren.

Interview: Ali Al-Nasani

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