Amnesty Journal Demokratische Republik Kongo 05. August 2009

Vom Teufel berührt

Im Osten Kongos leiden die Menschen seit mehr als zehn Jahren unter Krieg und Gewalt. Polizei, Armee und Politik haben ihre Schutzfunktion längst verloren. Doch trotz des täglichen Horrors haben einige noch Hoffnung.

Sie führt ein Leben auf der Flucht. In diesem Moment sitzt Joelle an einem kleinen Tisch in einem engen Häuschen, das am Rande des Vertriebenenlagers Mugunga 1 steht, ein wenig abseits, im Schatten riesiger Nadelbäume. Goma, das Zentrum von Kongos umkämpfter Provinz Nord-Kivu, liegt knapp 25 Kilometer entfernt. Doch in Gedanken kauert Joelle auf einem Feld in Masisi, wo sie aufgewachsen ist, am anderen Ende der Straße nach Goma.

»Ich habe Unkraut gejätet, die Sonne stand hoch am Himmel, als sie kamen«, erinnert sie sich. Joelles Stimme ist leise, aber eindrücklich. Es ist, als würde sie jedes Wort aus ihrem Mund herausdrücken. »Es waren viele bewaffnete Männer.« Sie stockt. »Hinterher bin ich zurück zum Haus, ich konnte kaum laufen, mir lief Blut die Beine herunter. Ich dachte, ich müsste sterben.« Wie oft die Männer sie vergewaltigt haben, als der Schmerz längst ihre Schreie erstickte; wie brutal sie dabei vorgingen, und wie sie sie liegen ließen in dem Glauben, Joelle sei tot; all das erzählt sie nicht, auch nicht, wer die Täter waren: Rebellen, Banditen oder Soldaten der Regierungsarmee. Für Joelle, die erst 22 Jahre alt ist und in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt, verschwimmen diese Details zu dem Horror, der seitdem ihr Leben bestimmt. Die Massenvergewaltigung auf dem Feld war nur der Anfang.

Auf der anderen Seite des Tisches sitzt Lisa Mangaza, eine attraktive junge Frau im bunten Blumenkleid. Ihr Haar hat sie in einem Knoten zusammengesteckt. Sie ist die einzige, die Joelles Schicksal bis ins schlimmste Detail kennt. Joelle besucht die in Psychotherapie geschulte Sozialarbeiterin, die für das kongolesische Rote Kreuz arbeitet, einmal pro Woche in dem engen Häuschen, über dessen Tür »Maison d’Écoute« (etwa: Haus des Zuhörens) steht. Sie ist eine von vielen.

Gut 5.000 Flüchtlinge leben im benachbarten Lager, täglich kommen neue dazu. »Hier im Lager hat jeder irgend etwas Schlimmes erlebt, und die Leute erzählen einander vom Maison d’Écoute«, sagt Mangaza. Neuankömmlinge nimmt sie mit in den anderen winzigen Raum, in dem ein Bett steht, auf dem sie sich ausruhen können, wenn die Vergangenheit sie überwältigt. Medizinische Hilfe kann Mangaza nicht bieten, doch die körperlichen Verletzungen sind bei den meisten, die es bis hierher geschafft haben, verheilt. »Es sind die seelischen Folgen, die vielen jahrelang zu schaffen machen, und die sie letztlich hierhin treiben.« Joelles Schicksal, sagt Mangaza, steht exemplarisch dafür, wie es den Schwächsten ergeht, die im Osten Kongos, der seit mehr als einem Jahrzehnt von Gewalt und Krieg bestimmt wird, ausharren.

Als Joelle stark blutend nach Hause zurückkehrt und sich ­ihrem Mann anvertraut, wirft er sie und die vier gemeinsamen Kinder umgehend auf die Straße. »Er hat gesagt, ich habe seine Ehre verletzt«, so Joelle. Zwei Wochen irrt sie mit den Kindern (das jüngste ist erst ein Jahr alt) umher, sucht Beeren und Blätter, bettelt andere Flüchtlinge an und schläft im Busch, wo niemand sie finden kann. In einem Dorf auf halber Strecke nach Goma bleibt sie zwei Wochen in einer Gesundheitsstation, bis sich die Nachricht verbreitet, dass ein Nachbardorf überfallen wurde. »Alle sind in Panik geflohen, wir auch.« Schließlich schafft sie es nach Goma, wo ein Onkel die Kinder aufnimmt. Für sie selbst ist kein Platz, sie landet im Lager Mugunga 1.

Das war vor vier Monaten. Tage nach ihrer Ankunft wird sie erneut vergewaltigt, als sie im nahen Wald Feuerholz sammelt. »Das Leben hier im Kongo ist sehr schwer«, sagt sie, während sie sich erhebt und ihr schwangerer Bauch erkennbar wird. In fünf Monaten erwartet sie ihr fünftes Kind, das Kind jenes Peinigers aus dem Wald hinter dem Flüchtlingslager. Ihr Onkel will mit ihr seitdem nichts mehr zu tun haben, ihre Kinder darf sie nicht sehen. Joelle ist gefangen zwischen dem Chaos des Krieges und dem antiquierten Moralkodex einer geschundenen Gesellschaft, vielleicht dem letzten, was die Menschen hier noch verbindet. Der Rest ist zusammengebrochen, allen voran der Staat, der ­seine Bürger doch schützen soll.

Einst waren die Städte rund um den im Sonnenlicht so magisch leuchtenden Kivusee Kongos Schokoladenseite. Touristen kamen nach Goma und Bukavu, um die grüne Hügellandschaft zu genießen und Gorillas im Virunga-Nationalpark zu betrachten. Im Zaire des irren Diktators Mobutu Sese Seko war Goma so etwas wie eine Oase der Normalität, weit weg von der korrupten und brodelnden Hauptstadt Kinshasa. Doch spätestens seit dem Genozid im benachbarten Ruanda 1994, in dessen Folge militante Hutu-Milizen aus Angst vor ihrer Verurteilung in den Kongo strömten, ist die mineralreiche und fruchtbare Region ins Chaos gestürzt.

Vor elf Jahren begann dann der »afrikanische Weltkrieg«, an dem zeitweise sechs Staaten beteiligt waren, indem sie Milizengruppen bewaffneten oder eigene Truppen schickten. Rebellen und Soldaten ziehen seither gleichermaßen marodierend durch die Dörfer und Landstriche. Offiziell kämpfen die kongolesische Armee, die zu ihnen gehörenden Rebellen des »Nationalkongresses zur Verteidigung des Volkes« (CNDP) des inzwischen festgenommenen Tutsi-Rebellenführers Laurent Nkunda, örtliche Mai-Mai-Milizen und die Hutu-Extremisten der »Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas« (FDLR) ­gegeneinander.

Doch wenn Vertriebene berichten, dann wird schnell deutlich, dass Einheiten jeder Couleur vor allem für eines kämpfen: ihren eigenen Vorteil. »Unsere Armee ist Opfer und Täter zugleich«, beschreibt etwa der Vertriebene Ujembe Luneno. »Unsere Soldaten beschützen uns nicht, sie rauben uns aus und tun uns Gewalt an, weil die Regierung sie nicht bezahlt.« In Lunenos Stimme schwingt mehr als ein bisschen Verständnis mit. Das Vertrauen in die Regierung, die die Menschen in der Nord-Kivu-Region schutzlos zurückgelassen hat, nachdem sie im vergangenen Jahr eine halbherzige Überraschungsoffensive gegen die ­Rebellen startete, hat er schon lange verloren.

»Den Menschen geht es heute schlechter als vor der Offensive«, bilanziert Marcel Stoessel von Oxfam. »Mädchen und Frauen werden brutal vergewaltigt, Häuser werden abgefackelt, ganze Dörfer geplündert.« Es gibt keine klaren Fronten mehr: wo heute Frieden ist, kann morgen Krieg herrschen. Es gibt keine Neutralität: Wer sich nicht eindeutig positioniert, ist ein möglicher Verräter und wird auch so behandelt.

Mehr als 300.000 Menschen sind seit Anfang des Jahres aus ihren Dörfern geflohen, 100.000 mehr als vor einem Jahr, als in Nord-Kivu noch ­offener Krieg herrschte.
Désire Zwanck, die als Friedensfachkraft des Evangelischen Entwicklungsdienstes nach Goma gekommen ist, glaubt, dass es vielen Kongolesen nach so vielen Jahren der Krise zunehmend an Orientierung fehlt. »Zur Politik hat man hier ein gestörtes Verhältnis«, sagt sie. »Die hat den Ruf, nur zu existieren, damit einzelne sich bereichern können.«

In einem Korruptionsranking wurde kürzlich die Polizei auf Platz eins gewählt, dicht gefolgt von Justiz, Politik, Bürokratie und Schuldirektoren. »Am ehesten sind es noch die traditionellen Dorfchefs, die ein wenig Vertrauen genießen«, so Zwanck. »Aus der Nähe lassen sich deren Entscheidungen zumindest besser nachvollziehen.« Das Dorf ist bis heute der wichtigste Bezugspunkt einer entwurzelten Gesellschaft. »Die Leute haben das starke Bedürfnis, in ihren Heimatdörfern zu leben«, hat Zwanck beobachtet. »Sie bauen ihre Häuser immer wieder auf, auch wenn sie wissen, dass sie vermutlich bald wieder niedergebrannt werden.«

Zwischen den Flüchtlingswellen, so Zwanck, herrscht in den Dörfern eine erstaunliche Normalität: Kinder gehen zur Schule, Paare heiraten, Felder ­werden bestellt. Wo seit mehr als einem Jahrzehnt Bürgerkrieg herrscht, hat Alltag eine andere Qualität. So sehr hängt die Lage auch von der persönlichen Einschätzung ab, dass auf der Hauptstraße zwischen Goma und Masisi oft in die eine Richtung Vertriebene in die Lager strömen, während auf der anderen Straßenseite Rückkehrer ihr Glück nicht weit entfernt von der Heimat der neuen Flüchtlinge versuchen wollen.

Im Wagen, auf der Fahrt von Goma nach Masisi, gewöhnt man sich schnell an den Anblick der dicht gedrängten Behelfshütten aus Holz, Pappe, Stroh und plattgedrückten Konservendosen, darüber zerrissene Plastikplanen. »Guck mal, das Lager war letzte Woche doch nicht da«, sagt ein Mitfahrer, ein anderer zuckt mit den Schultern. Jetzt, in der Regenzeit, versinken die erbärmlichen Unterkünfte im Schlamm. »Wir haben nichts, um die Dächer auszubessern«, erklärt Fikiri Jamboku, ein Mann Anfang 40, der in Mugunga 1 lebt, dort, wo auch Joelle Unterschlupf gefunden hat. Zudem gebe es immer weniger Hilfe, und Arbeit finde er auch keine. »Wenigstens sind wir am Leben«, versucht der mehrfache Familienvater der verfahrenen Lage doch noch etwas Positives abzugewinnen.

Jamboku ist nicht allein. Irgendwie versuchen alle, sich in der Krise die Illusion von Normalität zu sichern. Das jedenfalls hat Elena Lucchetti beobachtet, eine Psychologin, die schon lange in Goma lebt und für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und Roten Halbmond (ICRC) arbeitet. »Ein Unterschied zur Situation in Europa ist, dass wir Europäer einen viel stärkeren Anspruch haben, unser Leben unter vollkommener Kontrolle zu haben«, so die Italienerin. »Wenn uns etwas Traumatisches zustößt, dann ist der Verlust dieser Kontrolle eine der schwersten psychologischen Schäden.«

Im Kongo und anderswo in Afrika ist das anders: das Leben ist vom ersten Tag an von der Familie, von Traditionen oder von mächtigen Parteien mitbestimmt. Von totaler Kontrolle redet hier niemand, im Bürgerkriegskontext schon gar nicht. In der Psychotherapie geht es deshalb oft darum, mit den Konsequenzen beispielsweise einer Vergewaltigung fertig zu werden, der sozialen Ausgrenzung, dem Verstoßensein von der Familie, wie es Joelle erlebt hat. »Dazu kommen tiefere Ängste, etwa davor, von einem bösen Geist besessen zu sein.«

Vom Teufel berührt worden zu sein, diese Redewendung ist für die Opfer von Gewalt in Nord-Kivu nicht im übertragenen Sinne gemeint. Oft haben sie auf einer kulturellen Ebene sogar Verständnis dafür, von Verwandten oder der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen worden zu sein. Doch Lucchetti warnt vor Fatalismus: »Wer traumatisiert ist, ist traumatisiert, das ist in Deutschland oder im Kongo gleich. Man muss den Opfern helfen, das Trauma zu überwinden.«

Seit Jahren macht sich Lucchetti dafür stark, dass die Verletzungen der Seele von Hilfsorganisationen ebenso ernst genommen werden wie körperliche Versehrtheit. In Süd- und Nord-Kivu stehen inzwischen fast 40 Maisons d’Écoute bereit, um den Opfern zu helfen. Weitere sollen folgen, denn Lucchetti befürchtet, dass die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung eher zu- als abnehmen wird. »Wir sehen, wie Vergewaltigungen immer brutaler werden und als eine Art Folter eingesetzt werden.

Es geht darum, Angst und Terror zu verbreiten.« In den Lagern machen Geschichten die Runde wie die von einer Frau, die gezwungen wurde, ihren erschossenen Mann mit einer Machete in Stücke zu hacken. Dann vergewaltigten neun Rebellen die Frau nacheinander, während sie auf den blutigen Überresten ihres Mannes lag. Es sind Geschichten, die sich niemand ausdenken kann, so brutal sind sie. »Nach Jahren dieses unmenschlichen Krieges ist die soziale Architektur zusammengebrochen«, flüstert Lucchetti. Die Milizen und Soldaten brechen auch die letzten Tabus, um ihre absolute Macht zu beweisen. »Es geht um die ultimative Erniedrigung. Die Botschaft: Ich bin alles, und du bist nichts.«

Immer häufiger haben die Helfer in den Maisons d’Écoute auch Männer in der Therapie, Männer wie Robert (Name ge­ändert), der in Masisi Pfarrer einer Freikirche war. »Wir haben einen Gottesdienst abgehalten, als die Männer die Kirche gestürmt haben«, erklärt der Mittdreißiger mit tonloser Stimme. »Sie haben uns alle als Geisel genommen, ein paar Kilometer in den Wald gezerrt und uns alle vergewaltigt, Frauen, Männer, Kinder.« Später konnte Robert fliehen, sie schossen ihm hinterher. Eine Kugel traf seinen Arm, der seitdem lahm ist. Sein Darm, den Ärzte in einer stundenlangen Operation zusammenflickten, schmerzt noch heute. An ein normales Familienleben kann Robert, der seiner Frau von dem Vorfall erzählt hat, nicht mehr denken. Seine Kirche hat ihn verstoßen, er ist arbeitslos.

Wie viel Hoffnung kann es geben in einer Gesellschaft, in der Schicksale wie das von Joelle und Robert nichts Außergewöhnliches sind? »Die verbliebenen sozialen Strukturen sind zu schwach, um sich Problemen solchen Ausmaßes anzunehmen«, glaubt Noela Katembo. Schließlich kenne im Osten Kongos eine ganze Generation nichts als Krieg. »Wir brauchen neue Respekts­personen, Anführer, die unbelastet sind und als Vorbilder dienen können.«

Den Aufbau solcher Anführer und einer neuen Zivil­gesellschaft hat sich die Witwe, deren Mann von Banditen ermordet wurde, zu ihrer Aufgabe gemacht. »Nehemiah« hat sie das Programm getauft, nach dem biblischen Propheten, der ­Jerusalem aus den Trümmern wieder aufbaute. Ähnlich will ­Katembo es im Osten Kongos schaffen, Schritt für Schritt. ­Unterstützung fand sie ausgerechnet bei einem ehemaligen ­Politiker, der seine Karriere an den Nagel gehängt hat, um als Arzt seinen Wählern zu helfen. Jo Lusis Organisation HEAL, mittlerweile eine der größten in der Region, bietet Katembo den nötigen Rahmen, um auch die kleinsten Dörfer zu erreichen.

»Wir versuchen, traditionelle Führer zusammenzutrommeln, aus allen ethnischen Gruppen, allen Religionen«, erklärt Katembo das Konzept. Von Politikern hält sie sich fern, traditionelle Führer wie Dorfälteste hingegen werden vom ersten Moment an einbezogen. Was dann passiert, klingt simpel: Sind erst einmal alle zusammen, können Entscheidungen nur noch einstimmig gefällt werden. »Viele, die sich für Feinde halten, sitzen erstmals zusammen am selben Tisch und sind überrascht, wie viele Gemeinsamkeiten es gibt.»

Oft sind es Frauen, die ins Gespräch kommen, weil die Probleme der Familie sie verbinden und sie nicht in die Kampfhandlungen des Krieges einbezogen sind. »In Masisi, meiner Heimat, sitzen im Komitee Tutsi, Hutu und Lendu zusammen, das hat es vorher nicht gegeben.« Von HEAL geförderte Projekte, die der Gemeinschaft und damit auch jedem einzelnen helfen, schweißen die Gruppe selbst gegen anfängliche Widerstände zusammen: ein paar Rinder oder Saatgut, das auf einer Allmende gepflanzt werden soll, und um die sich jeder kümmern muss, will er nicht leer ausgehen. Ultimativ, sagt Katembo, geht es darum, dass das Komitee die Verantwortung für das Dorf übernimmt: »Niemand kann uns helfen, wenn wir es nicht selber tun.«

Noela Katembo ist keine Träumerin. Sie weiß, dass es in vielen Dörfern ein weiter Weg sein wird, bis das zerrissene soziale Netz auch nur annähernd geflickt sein wird. »In manchen Dörfern sind ganze Komitees vor anrückenden Rebellengruppen geflohen, in anderen aber haben sie es geschafft, Deals auszuhandeln: So hat einer all seine Rinder den Rebellen übergeben, die dafür das Dorf verschont haben.« 87 Komitees hat Katembo bisher in Nord-Kivu aufgebaut. Sie glaubt fest daran, dass nur eine neue Bürgergesellschaft den brutalen Dauerkrieg beenden kann. Möglich, sagt sie, ist Frieden allemal. »Man darf nie unterschätzen, wie groß der Wille hier ist, zu vergeben.«

Von Marc Engelhard.
Der Autor ist freier Afrikakorrespondent, unter anderem für den epd,
die »taz« und den ARD-Hörfunk. Er lebt in Nairobi.

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