Amnesty Journal 28. August 2020

Kosmopolitismus: "Ein Streit ist nicht unbedingt schlecht"

Eine Frau mit rotbraunem Haar und Perlenkette um den Hals

"Kosmopolitismus ohne Illusion": Seyla Benhabib, Philosophin an der Yale University (New Haven, USA).

Was bedeutet Kosmopolitismus ohne Illusion? Und leidet der kosmopolitische Gedanke in Zeiten von Corona? Die Philosophin Seyla Benhabib gibt Antworten.

Interview: Lea De Gregorio

Sie vertreten einen Kosmopolitismus ohne Illusion. Was meinen Sie damit?

Man denkt oft, Kosmopolitismus impliziere eine Weltlage ohne Konflikte, ohne Feindschaft und ohne Konkurrenz. Doch das wäre eine schlechte Utopie. Kosmopolitismus ohne Illusion heißt, dass es keine Politik ohne Konflikte gibt. Auch wenn man sich dauerhaften Frieden wünschen würde.

Was heißt das konkret?

Für mich sind drei Thesen wichtig. Die erste orientiert sich an der Moralphilosophie: Die Menschenwürde ist universell. Zweitens vertrete ich die These, dass alle Kulturen im Austausch stehen und der Gedanke von einer reinen Kultur eine böse Mythologie ist, die Menschen verführt. Die dritte These hebt auf den rechtlichen Aspekt von Kosmopolitismus ab: Alle Menschen sind als solche rechtswürdig – nicht weil sie eine nationale Staatsbürgerschaft haben, sondern weil sie Menschen sind.

Sie beziehen sich dabei auf Hannah Arendts These vom "Recht, Rechte zu haben".

Bei Arendt bezieht sich das zunächst auf die Lage von Staatenlosen und Asylsuchenden. Für mich meint das Recht, Rechte zu haben, nicht nur diese enggefassten Rechte. Ich denke da an die Vorstellung, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte enthalten ist: dass jeder rechtswürdig ist.

Sie würden sich also auf alle Menschenrechte beziehen?

Das ist der Streitpunkt. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gibt es einen Katalog von dreißig Rechten. Und man kann sagen, dass die ersten zehn bis elf Rechte sich auf den Staat als ein Rechtswesen beziehen. Es geht um Gleichheit, Antidiskriminierung und das Recht als Person vor Gericht vertreten zu werden. Strittig ist, ob soziale Rechte genauso einbezogen werden sollen.

Sollten Sie das, Ihrer Ansicht nach?

Ich rate hier ein wenig zur Vorsicht. Wir müssen diese allgemeinen Erklärungen teilweise als Richtlinien ansehen, die von den Staaten, die sie unterzeichnen, aufrechterhalten werden müssen. Deren Interpretation erlaubt meines Erachtens aber auch einen gewissen Streit.

Haben Sie hierfür ein Beispiel?

Nehmen wir die Meinungsfreiheit. Es ist ein grundlegendes Menschenrecht. In den USA ist Meinungsfreiheit sehr stark durch das First Amendment implementiert. Der Kongress kann kein Gesetz erlassen, dass die Freiheit von Religion befürwortet oder behindert. In europäischen Ländern ist das Verhältnis von Religion und Staat anders. Meinungsfreiheit bezieht sich hier stärker auf Medienfreiheit und zivilrechtliche Freiheiten. Das sind unterschiedliche Rechtstraditionen, die dazu führen, dass Grundrechte je nach Kontext ein bisschen anders interpretiert werden. Es gibt einen Streit um diese Interpretation. Und ein Streit ist nicht unbedingt schlecht.

Dieser produktive Streit wird durch universelle Rechte erst möglich?

Ja. Zum Beispiel gibt es in der Türkei, wo ich geboren wurde, viele Interpretationen von Frauenrechten. Wenn die Türkei die "CEDAW", das Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau ratifiziert, dann mobilisiert das die Zivilgesellschaft. Dann entsteht ein Streit um die Bedeutung dieser Rechte.

Wie lässt sich die Spannung zwischen universellen Rechten und staatlicher Souveränität auflösen?

Ich hoffe mehr auf eine kosmopolitische Kultur als auf die Abschaffung staatlicher Ordnungen. Abschaffen lässt sich eine staatliche Souveränität ohnehin nicht. Ich bin außerdem der Meinung, dass eine territoriale Eingrenzung für demokratische Selbstbestimmung notwendig ist.

Setzt Globalisierung einen Kosmopolitismus eigentlich voraus?

Nein. Die Art von Globalisierung, die wir in den vergangenen 40 Jahren erlebt haben, war eine von freien Märkten, eine neoliberale Globalisierung. Die Hoffnung war, dass sie eine verallgemeinerte Menschenrechtskultur mit sich bringen würde. Doch diese Art von Globalisierung hat auch zur Entstehung nationalistischer Interessen geführt – und damit zu Konkurrenz.

In Zeiten von Corona ist von Deglobalisierung die Rede. Leidet der kosmopolitische Gedanke?

Ja, das kann man so sehen – jedenfalls auf den ersten Blick. Es wird eine Deglobalisierung geben in dem Sinne, dass nationalistische Maßnahmen zunehmen. Aber nur teilweise, weil die Weltwirtschaft nun mal global ist. Vielleicht werden einige Industriebranchen versuchen, sich abzukoppeln. Eine Deglobalisierung im Sinne eines Rückzugs in die eigenen vier Wände wird es aber nicht geben. 

Seyla Benhabib ist Professorin für Politische Philosophie an der Universität Yale und Herausgeberin der "Blätter für deutsche und internationale Politik". Ihr Buch "Kosmopolitismus ohne Illusion" ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

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