Amnesty Journal Mosambik 04. Juni 2018

Zwei Stimmen einer Frau

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl auf einer Bühne im Dunkeln, ihr gegenüber steht eine weitere Frau

Zweimal Medea. Maria Goldblum und Yolanda Fumo in Osnabrück, Februar 2018.

Das Theater Osnabrück und das Teatro Avenida aus Maputo bringen in Mosambik das altgriechische Frauendrama "Medea" auf die Bühne. Die Neufassung thematisiert die Benachteiligung von Frauen in dem südostafrikanischen Land.

Von Alexandra Mankarios

Ihre Haare trägt Manuela Soeiro aus Mosambik kurz und pink. Die kleine Frau ist 72 Jahre alt, und sie tut, was sie für richtig hält. "Immer wieder wollen mich Politiker drängen, mit meiner Arbeit aufzuhören. Ich höre da einfach nicht mehr hin", erzählt sie. Sogar ihre Geschwister habe man darauf angesetzt, sie zum Aufhören zu bewegen. "Das ist mein Leben. Ich verdiene meinen eigenen Lebensunterhalt, ihr könnt mir nichts vorschreiben", sagt sie ihnen dann.

Soeiro ist Leiterin des Teatro Avenida in Mosambiks Hauptstadt Maputo. Als sie das Theater Anfang der 1980er Jahre gründete, wollte sie dem von Kolonialismus und Bürgerkrieg erschütterten Land wieder zu einer eigenen Identität verhelfen – mit Geschichtenerzählen. Dass sie dabei seither regelmäßig soziale Probleme aufgreift – etwa die Benachteiligung von Frauen oder Korruption –, macht sie unbequem. So richtig versteht sie den Aufruhr allerdings nicht: "Wir geben schließlich keine Lösungen vor. Ich verstehe unsere Stücke eher als Inspirationen."

Auch die deutsch-mosambikanische Koproduktion von ­"Medea2 – Dois Mundos, uma Narração" ("Zwei Welten, eine Erzählung") ist als Inspiration gedacht. Der altgriechische, häufig bearbeitete Stoff erzählt die Geschichte der Königstochter und Zauberin Medea, die aus Liebe zu Iason ihre eigene Familie verrät. In Iasons Heimat Korinth wird sie jedoch zur Fremden. Iason lässt Medea fallen und verlobt sich mit der Königstochter Kreusa. "Als Dominique Schnizer vom Theater Osnabrück vorschlug, ›Medea‹ zu inszenieren, war ich sofort begeistert", sagt Soeiro. "In Mosambik geht es vielen Frauen wie Medea."

Eines der großen Probleme vieler Mosambikanerinnen ist Polygamie – verboten, aber weit verbreitet. Im Norden des ­Landes hat rund jeder fünfte Mann mehr als eine Ehefrau. Oft reicht das Geld nicht für alle, viele Frauen kämpfen ums Überleben für sich und ihre Kinder. Auch sonst steht es um die Frauenrechte in Mosambik schlecht. Beinahe die Hälfte der Mädchen wird vor dem 18. Lebensjahr verheiratet, 14 Prozent ­bereits mit 15 Jahren. Damit sie nicht aufbegehren, lernen Mädchen in Initiationsriten schon früh, wie sie ihre zukünftigen Ehemänner sexuell befriedigen und sich unterordnen sollen. Gewalt gegen Frauen ist an der Tagesordnung: Die Wahrscheinlichkeit, im ­Leben mindestens einmal Opfer körperlicher Gewalt zu werden, liegt für mosambikanische Frauen bei 35 Prozent, jede fünfte ­erlebt sexualisierte Gewalt. Gesetzesänderungen sollen die Rechte der Frauen stärken, zeigen im Alltag aber keine Wirkung.

In "Medea2" erlebt das Publikum aus nächster Nähe mit, was sonst meist im Verborgenen bleibt: Wie es sich anfühlt, wie Medea gedemütigt, ausgestoßen, aller Rechte beraubt zu werden. Jede der drei Figuren – Medea, Iason und Kreusa – ist ­doppelt besetzt, jeweils einmal deutsch und einmal mosambi­kanisch. Das macht es einfach, den Stoff auf das Hier und Jetzt zu übertragen. So etwa, wenn der deutsche Iason die mosambikanische Medea zurück nach "Afrika" schicken will und es ihm sein mosambikanisches Alter Ego mit selbstgefälliger Mine gleich tut. Indes: Weder die mosambikanische noch die deutsche Medea fügt sich. Keine willigt ein, fortan als zweite Geliebte versteckt im Haus zu leben und sich Iasons Wünschen auszuliefern, während Kreusa öffentlich als seine neue Frau auftritt. In ihrer tiefen Verzweiflung finden die beiden Medeas mehr und mehr zusammen. Gemeinsam stellen sie fest: "Ich bin zwei Stimmen einer Frau. Eine, die lacht, und eine, die weint." Und dann töten sie Iason und Kreusa – anders als in der altgriechischen Sage, in der Medea neben Kreusa und deren Vater ihre eigenen Kinder vernichtet.

Nach Vorführungen im Februar in Osnabrück folgen im ­August Auftritte in Mosambik: Zunächst sind drei im Teatro ­venida geplant, danach stehen auf Wunsch von Manuela Soeiro Gastspiele im Norden des Landes auf dem Programm, wo Polygamie besonders verbreitet ist und junge Frauen sich häufig in Medeas Lage wiederfinden.

Soeiros Teatro ist nah am Leben. So gibt es zum Beispiel eine theatereigene Bäckerei, die dabei hilft, die Einnahmen zu erhöhen. Oder das Konzept der am Teatro angeschlossenen Schauspielschule: Wer hier lernt, muss auch Kulissen tischlern, Kostüme schneidern und eben Brot backen. "Ich finde es wichtig, dass sie alles lernen, was zu einem Theater dazugehört, und nicht bloß schauspielern", meint Soeiro. Außerdem besucht ein Team des Teatro Avenida Schulen und klärt in Stücken über Sexualität, Verhütung und HIV auf. "Die Lehrkräfte sind sehr froh, wenn wir ihnen das abnehmen", erzählt Soeiro. "Für sie ist das ein schambehaftetes Thema, über das sie nicht gern sprechen. Mit Theater kann man das leichter vermitteln." In einem weiteren Projekt sammelt sie selbst Geschichten: Mit dem Fahrrad sind "Geschichtenanimateure" des Teatro Avenida regelmäßig in Dörfern und Städten unterwegs, um sich von Kindern die Legenden und Mythen erzählen zu lassen, die sie von ihren Eltern und Großeltern gehört haben.

Die Kooperation mit dem Theater Osnabrück ist für das Ensemble des Teatro Avenida nichts Ungewöhnliches, die Schauspielerinnen und Schauspieler sind seit Jahren regelmäßig auf europäischen Bühnen zu sehen. Dass es so kam, ist allerdings ­einer Zufallsbegegnung zu verdanken. Etwa zwei Jahre nach Gründung des Teatro besuchte der schwedische Theaterregisseur Henning Mankell – in Deutschland bekannt als Autor der Wallander-Krimireihe – während eines Mosambikurlaubs eine Vorstellung. Mankell war begeistert und verbrachte fortan jedes Jahr mehrere Monate in Maputo und inszenierte zusammen mit Soeiro zahlreiche Stücke.

Auch die Zusammenarbeit mit Dominique Schnizer vom Theater Osnabrück geht auf Mankell zurück: Als er und Soeiro 2003 in Graz gemeinsam Mankells Stück "Butterfly Blues" inszenierten, war Schnizer Regieassistent. Heute, drei Jahre nach Mankells Tod, hält er den Kontakt aufrecht. Der internationale Erfolg hat sich auch auf das Repertoire des Teatro Avenida ausgewirkt, das häufig eine Mischung aus mosambikanischen und europäischen Stoffen zeigt. So sind zum Beispiel in "Medea2" auch Texte der mosambikanischen Schriftstellerin Paulina Chiziane eingeflossen. Die bekannte Romanautorin und Frauenrechtlerin arbeitet häufig mit Soeiro zusammen. Für "Medea2" hat sie den Sandowane-Mythos aus Mosambik in Worte gefasst. Er erzählt von einem Land voller Frauen. Auf der Jagd finden sie ein seltsames Tier, das den Schwanz nicht hinten sondern vorn trägt: einen Mann. Die Königin findet Gefallen an ihm und tut sich mit ihm zusammen, auch andere Frauen finden Partner. Daraufhin beginnen Konflikte.

Dass Soeiro neben mosambikanischen Stoffen auch europäische Stücke inszeniert, widerspricht ihrer Ansicht nach nicht dem Wunsch, die einheimischen Erzähltraditionen zu fördern – sie verankert die Stücke einfach in Mosambik noch einmal neu. Für die Inszenierung von "Medea2" sind die Schauspielerinnen und Schauspieler gemeinsam durch das Land gereist und haben Geschichten gesammelt. "Zunächst konnte ich mich nicht so sehr mit Medea identifizieren", gesteht etwa die mosambikanische Medea-Darstellerin Yolanda Fumo. "Aber auf der Reise haben wir von vielen Erfahrungen gehört, die Parallelen zu Medea haben. Danach fiel es mir sehr leicht, mich in die Figur hineinzuversetzen." Medea hat in Mosambik ihren Platz gefunden.

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