Amnesty Journal Mexiko 01. November 2019

Im Schatten der Mauer

Eine hohe Mauer durchtrennt eine Landschaft, davor eine Gruppe von Jugendlichen.

Jugendliche in Anapra am Stadtrand von Ciudad Juárez, Mexiko.

Oft sind es Minderjährige, die Migranten auf ihrem Weg von Mexiko in die USA über die Grenze helfen.

Von Kathrin Zeiske, Ciudad ­Juárez

Unter der Grenzbrücke fließt nur das spärliche Rinnsal des Río Bravo durch einen Betonkanal. Durch die Grenzstadt Ciudad ­Juárez aber ziehen Tag für Tag Hunderte Menschen Richtung Norden, sie wollen nach El Paso im US-amerikanischen Bundesstaat Texas. Auf mexikanischer Seite sind riesige grelle Graffiti auf den Beton gesprüht – mit eigentlich nur einer Aussage: Die Grenze zu den USA muss weg. Autoschlangen schieben sich an Straßenhändlern vorbei, Fußgänger eilen die Brücke hinauf. Alle hoffen, nicht allzu lange anstehen zu müssen.

Humberto García* lehnt an einem Fahnenmast und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Das Treiben auf der Brücke kennt er genau. Für jeden einzelnen Beamten der US-Heimat­behörde Homeland Security hat er einen Spitznamen, kennt Dienstbeginn und Dienstschluss und weiß, wie scharf er oder sie illegalen Migranten nachspürt. García hat jahrelang als Schleuser gearbeitet, Menschen mit falscher Identität über diese Brücke gebracht. Ein lukratives Geschäft, neuerdings sogar mit noch besseren Zukunftsaussichten, sagt García.

"Je weiter Donald Trump die Mauer baut, umso teurer wird der Grenzübertritt", sagt  der Mann mit den kurzgeschorenen grauen Haaren. "Vielleicht wird es dann nicht leichter. Aber ­niemand wird es je schaffen, sie zu stoppen. Das Geschäft läuft, solange es Grenzen gibt." Auch das Eintreffen der US-Nationalgardeim vergangenen Jahr habe den heimlichen Grenzverkehr kaum ­beeinträchtigt. Señor García grinst spöttisch. Das seien einfach keine Spezialisten: "Die Nationalgarde ist für die Katastrophenhilfe ausgebildet. Sie kennt weder das Gebiet noch die Dynamiken am Grenzzaun."

Eine Anzahlung, meist von Verwandten aus den USA, reicht: Ungerührt organisiert García weiter seine Fahrten über die Grenzbrücke. Im Nordwesten der Stadt ist der Weg sogar noch abenteuerlicher: Die Migranten müssen in einer mit Grasbüscheln und Dornensträuchern bewachsenen Wüstenlandschaft durch Zäune schlüpfen, Hügel hinaufklettern, Abhänge hi­nun­ter­schlittern. Begleitet werden sie dabei von Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind und das Gebiet wie ihre Westen­tasche kennen.

Einer von ihnen ist Chuy*. Zwischen dem Außenbezirk Rancho Anapra, den Hügeln um den Cristo Rey, der Bahnstrecke und dem Maschendrahtzaun, der schon unter der Regierung von Barack Obama mancherorts gigantischen rostroten Stelen gewichen ist, hat er von klein auf Verstecken gespielt. Die streng bewachte Grenze ist für Chuy eine Linie, die er ständig überquert – und für andere überquerbar macht.

"Ich helfe Menschen, ihre Träume zu erfüllen", sagt er stolz – und spuckt lässig auf den Boden. Und: "Die Kinder, die ich über die Grenze bringe, können endlich wieder bei ihren Eltern sein." Behände verlässt Chuy die staubige Straße, um einen steil ansteigenden Trampelpfad zu nehmen, der sich zwischen alten Autoreifen, unverputzten Häusern und notdürftig zusammengezimmerten Hütten hindurchschlängelt. Hinter Gartenzäunen aus Paletten und Drahtgerüsten alter Matratzen bellen Hunde.

Chuy bringt auch das bergige Gelände nicht außer Atem. "Ich bin gut trainiert", sagt er. "Das muss ich auch sein." Denn: Sein Job ist nicht nur verantwortungsvoll, sondern auch anstrengend für einen 15-Jährigen. Entweder ist er halcón, der Falke, der die Wagen der US-Patrouillen ausspäht, ein coyote, der Migranten ohne Papiere sicher über die Grenze bringt, oder ein liebre, ein Hase, der Haken schlägt und die Grenzbeamten ablenkt, während anderswo eine Gruppe Richtung Highway läuft.

Über seine Arbeitgeber schweigt der schlanke Kerl in Markenklamotten und kratzt sich verlegen im kunstvoll ausrasierten Nacken. Er verdient viel mehr als die meisten älteren Jugendlichen im Viertel, die für 30 Dollar pro Woche in einer der Montagefabriken schuften bei internationalen Konzernen wie Lear, Eaton oder Bosch. Chuy schuftet nicht – und macht an ­einem Tag 450 Dollar. 

Auch Chuys Chefs sind international organisiert. Im Nordwesten von Ciudad Juárez hat das Juárez-Kartell eine Art Monopol für den irregulären Grenzübertritt. Viele, die für das alteingesessene Kartell arbeiten, sind Jugendliche wie Chuy: athletisch, selbstbewusst, unter 18 Jahre alt – und damit nicht voll straffähig.

"Fast scheint es, als wären sie alle aus einem Guss." Fernando Loera schüttelt lächelnd den Kopf im Gedanken an seine Schützlinge. Als Direktor der Herberge "México mi hogar" des städtischen Wohlfahrtsamtes hat er Jugendliche jahrelang nach Abschiebungen in Empfang genommen. Meistens sind es Jungs, aber es gebe auch Mädchen, sagt Loera.

Heute fährt er mit dem Auto durch Anapra, Felipe Ángeles und andere staubige Viertel entlang der Grenze. Dort, wo die "Agenten sozialer Mobilität" leben, wie die jungen Schleuser politisch korrekt genannt werden. Städtischen Schätzungen zufolge sollen allein in Ciudad Juárez fast 900 Jugendliche in den Grenzschmuggel involviert sein. Ihre Zahl nimmt inzwischen in allen Grenzstädten zwischen Mexiko und den USA zu: Die Fluchthilfe an der viel diskutierten Mauer übernehmen vermehrt Minderjährige.

Viele haben einen ähnlichen familiären Hintergrund. Sie sind die inzwischen erwachsenen Kinder alleinerziehender Mütter, die im Schichtrhythmus in mexikanischen Fabriken arbeiten. "Die ­Kinder sind im Alltag auf sich allein gestellt; die Familie lebt mit einem unterbezahlten Fabriklohn am Existenzminimum", sagt Loera.

Viele der Flüchtlinge sind ebenfalls Kinder und Jugendliche. Sie kommen aus Vierteln, die denen von Ciudad Juárez gleichen, aber zum Teil ein paar Tausend Kilometer weiter Richtung Süden liegen, im mexikanischen Bundesstaat Chiapas, in Guatemala oder Honduras. Manchmal kommen die minderjährigen Migranten in Begleitung ihrer Eltern, manchmal erwarten diese ihre Kinder sehnsüchtig jenseits der Grenze, wo sie sich ohne Papiere eine Existenz geschaffen haben.

Wenn es gut läuft, bringt Chuy im Morgengrauen eine Gruppe Migranten in die USA, wird festgenommen und ist nachmittags schon wieder zurück in Mexiko. Die Abschiebung erfolgt innerhalb von 48 Stunden über das mexikanische Konsulat. Zu Hause erwartet ihn seine Mutter, früher mit einer verzweifelten Standpauke, heute mit einem warmen Essen. Sie hat Chuy zur Welt gebracht, als sie in seinem Alter war. Sein Beitrag zum Familieneinkommen ist kaum noch wegzudenken. "Den neuen Kühlschrank hat mein Sohn gekauft", sagt sie stolz und zeigt auf das große Gerät in der Ecke.

Von der Wohnküche der Familie aus kann man über die umliegenden Hügel blicken. Auf US-amerikanischer Seite liegt der Campus der Technischen Universität von El Paso, eine der anerkanntesten Ingenieurschulen der USA. Nur mit Chuys Hilfe können sich einige Kinder ohne Zukunft den Traum erfüllen, einmal direkt jenseits des Grenzzauns zu studieren.

* Namen von der Redaktion geändert

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