Amnesty Journal 29. November 2023

"Kunst und Menschenrechte sprechen eine universelle Sprache"

Ein mittelalter Mann steht vor einer mit Fotos behangenen Wand in einem Zimmer, er trägt eine Brille, Schnurrbart, T-Shirt und Jacket und lächelt.

Manfred Nowak ist Professor für Menschenrechte in Wien.

Sollten Künstler*innen ein Teil der Menschenrechtsbewegung sein? Ein Gespräch mit Manfred Nowak, Professor für Menschenrechte an der Universität für angewandte Kunst in Wien und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter.

Interview: Antonio Prokscha

Sie sind als Menschenrechtsexperte bekannt und waren viele Jahre Sonderberichterstatter der Vereinten ­Nationen über Folter. Sind Sie dabei mit dem Thema Kunst in Berührung gekommen?

Während meiner Zeit in Bosnien und Herzegowina gab es ein beeindruckendes Erlebnis. Der U2-Frontmann Bono war zu Besuch in Sarajevo und trat in einem komplett gefüllten Fußballstadion auf. Das Überwältigende daran war, dass dort Menschen aus verschiedenen ethnischen Gruppen zusammenkamen – Serben, Kroaten, Bosniaken. Üblicherweise Gruppen, die vor allem in dieser Zeit noch durch den Krieg miteinander verfeindet waren. Doch bei dem Konzert feierten sie gemeinsam, umarmten sich, tanzten und weinten. Und ich dachte mir: Die internationale Gemeinschaft gibt sich viel Mühe, die Versöhnung voranzutreiben, oft mit wenig Erfolg. Bono gelang es, zumindest in dieser Nacht, mehr Versöhnung zu schaffen als uns in all den Jahren zuvor.

In welcher Beziehung stehen Menschenrechte und Kunst?

Wir leben in einer Zeit, in der Menschenrechtsverteidiger*innen in vielen Ländern der Welt in extremer Gefahr leben. Die Zahl der Entführungen, Morde, Folterungen von Menschenrechtsverteidi­ger*in­nen nimmt in vielen Ländern massiv zu – unter ihnen auch viele Künst­ler*innen. Das heißt aber auch, dass es immer mehr Künstler*innen gibt, die ihre Kunst in den Dienst der Menschenrechte stellen, weil sie das Gefühl haben, dass es in einer Zeit mit wahnsinnigen Herausforderungen nicht sinnvoll ist, einfach "l’art pour l’art" zu machen, sondern weil sie etwas erreichen wollen.

Sie haben an der Universität für angewandte Kunst in Wien einen Masterstudiengang mitbegründet, der versucht, eine Schnittstelle zwischen Menschenrechten und Kunst zu schaffen. Was waren die Beweggründe dafür?

Kunst und Menschenrechte sind eng mit­einander verbunden. Die Kunstfreiheit bzw. Meinungsfreiheit ist ein zentrales Menschenrecht, das Künstler*innen vor Unterdrückung und Zensur schützt. Andererseits kann die Kunst, ob visuell, Musik oder Performance, ein wichtiger Träger von Botschaften und eine Gelegenheit zum Dialog sein. Und, vielleicht am wichtigsten: Beide sprechen eine universelle Sprache. Unser Masterstudiengang Applied Human Rights in Wien ist der erste weltweit, der interdisziplinär Menschenrechte und Kunst verbindet – darauf sind wir sehr stolz. Wir sind davon überzeugt, dass beide Seiten aufeinander angewiesen sind.

Menschenrechte sind das einzige universell anerkannte Wertesystem.
Künstler*innen können dazu beitragen, dieses Narrativ zu stärken
und die Bedeutung der Menschenrechte in der Gesellschaft zu betonen.

Wie kann Kunst als Instrument zur Förderung der Menschenrechte eingesetzt werden?

Menschenrechte werden oft infrage gestellt. Deshalb ist es wichtig, ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir als Menschenrechtler*innen müssen auch aus unserem Kreis ausbrechen und die Botschaft der Menschenrechte an unterschiedliche Zielgruppen vermitteln. Menschenrechte sind das einzige universell anerkannte Wertesystem. Künstler*innen können dazu beitragen, dieses Narrativ zu stärken und die Bedeutung der Menschenrechte in der Gesellschaft zu betonen.

Welche anderen Möglichkeiten bietet Kunst, um für Menschenrechte einzutreten?

Kunst kann oft provozieren. Natürlich lassen sich die meisten Menschen nicht gerne provozieren, ohne dass sie dabei negative Gefühle entwickeln. Auf der anderen Seite ist gerade die Provokation ein sehr gutes Instrument, um die Aufmerksamkeit von Leuten zu erregen, die mit diesen Themen bisher nichts zu tun gehabt haben. Und wenn Künstler*innen mit Pro­vokation Aufmerksamkeit erregen und dann in den Dialog treten, sei es durch visuelle Ausstellungen oder Performances, können sie Menschen für diese Themen sensibilisieren. Pussy Riot ist ein fantastisches Beispiel dafür. Sie kämpfen seit vielen Jahren gegen Putin und prangern das Regime an.

Fallen Ihnen noch andere Beispiele von Künstler*innen ein, die sich mit ihrer Arbeit für die Menschenrechte einsetzen?

Ai Weiwei ist das klassische Beispiel eines Künstlers, der in seinen Werken Menschenrechtsverletzungen thematisiert, weswegen er in seinem Heimatland China inhaftiert wurde und schließlich ins Exil ging. Ich durfte auch den belgischen Multimedia-Künstler Koen Vanmechelen kennenlernen, der für den Global Campus of Human Rights in Venedig eine Skulptur namens "Collective Memory" geschaffen hat, die die antike griechische Statue eines Kindes zeigt, das auf einer Enzyklopädie der Menschenrechte sitzt und nachdenklich vor sich hin starrt. Die Werke verdeutlichen Vanmechelens feste Überzeugung, dass Kunst in aktuellen ­Debatten über Menschenrechte eine Rolle spielen muss. Es geht um bestimmte Fragen: Sind Menschenrechte kulturell relativ? Wo liegen die Grenzen des Menschenrechtsprojekts?

Warum sind es oft Künstler*innen, die zur Zielscheibe autoritärer Regime werden?

Autoritäre Regierungen fürchten eine starke Zivilgesellschaft und Künstler*innen, da sie ihnen den Spiegel vorhalten und die Wahrheit auf drastische Weise aussprechen. Natürlich ist das eine Herausforderung, die ein Diktator nicht ­akzeptieren kann. Beispielsweise der ukrainische Filmemacher Oleg Sentsov, der sich gegen die Annexion der Krim einsetzte. Er wurde dafür in Russland zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt. Sein Fall erhielt international viel Aufmerksamkeit und Unterstützung, unter anderen von den Filmemachern Pedro Almodóvar und Wim Wenders. Sentsov wurde im September 2019 nach fünf Jahren Haft freigelassen, just an dem Tag, an dem wir im Rahmen unserer Summer School on Cinema, Human Rights and Advocacy in Venedig den Film des russischen Regisseurs Askold Kurov über den Sentsov-Schauprozess in Russland zeigten. Heute ist auch Kurov aus Russland geflohen, und wir unterstützen ihn finanziell, damit er seine Menschenrechtsarbeit als Filmemacher im Exil in Berlin fortsetzen kann.

Wie sehen Sie die Zukunft in Bezug auf Kunst und Menschenrechte?

Die aktuelle Weltlage ist von existenziellen Krisen geprägt. Neben Krieg und zunehmender Missachtung von Menschenrechten stehen riesige Probleme wie die Klimakatastrophe und der Verlust der Biodiversität vor uns. Der Leidensdruck ist derzeit groß, und bisherige Gewissheiten werden zunehmend infrage gestellt. Deshalb glaube ich, es ist an der Zeit für eine neue Ära der Menschenrechte. Doch es muss eine wirklich allumfassende Ära werden. Wir müssen viel, viel breiter und neu denken. Künstlerinnen können dabei eine wichtige Rolle spielen, indem sie die breite Öffentlichkeit ansprechen. Wir müssen Künstler*innen als wesentlichen Bestandteil der Menschenrechtsbewegung sehen.

Manfred Nowak ist Professor für Menschenrechte in Wien. Er war von 2004 bis 2010 UN-Sonderberichterstatter über Folter und von 1996 bis 2003 Richter an der Menschenrechtskammer für Bosnien und Herzegowina in Sarajevo. Derzeit ist er Generalsekretär des Global Campus of Human Rights in Venedig sowie ­Leiter des Masterstudiengangs Applied Human Rights an der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Antonio Prokscha ist Pressereferent bei Amnesty in Österreich.

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