Aktuell Türkei 26. März 2014

Fußball für Philosophen

Fußball für Philosophen

Fußball für Philosophen

Fußball ist auch in der Türkei maskulin und ­homophob geprägt. Doch gibt es eine "Liga der ­Gentlemen", die sich durch politisches Feingefühl auszeichnet und von philosophischer Tiefe beseelt ist.

Von Sabine Küper-Busch

Der 14. September 2013 ist ein strahlender Sommertag – ideal für ein Fußballmatch der besonderen Art: Ally Clow vom Londoner Philosophy Club hat mit Kreide ein Hexameter auf den Kunstrasen gemalt, darauf stehen drei kleine Übungstore. Schiedsrichter Halil İbrahim Dinçdağ lässt sich noch einmal die Regeln erklären. Die hatte sich 1964 der dänische Situationist und Philosoph Asger Jorn (1914–1973) ausgedacht: Beim dreiseitigen Fußball gewinnt nicht die Mannschaft, die die meisten Tore schießt, sondern die mit den wenigsten Treffern im eigenen Tor.

Nur wenige Zuschauer stehen zu Beginn der Partie an den hohen Gittern, die das Spielfeld säumen. Private Fußballplätze in Istanbul wirken oft wie die Innenhöfe von Hochsicherheitstrakten. Der Istanbuler Club Ayazma und Dynamo Windrad aus Kassel sind Neulinge im Dreiseiten-Fußball. Und nachdem die regelmäßig spielenden Londoner mehrere Bälle in die Tore ihrer Gegner manövriert haben, wird schnell klar, dass dieses Spiel nicht auf Verteidigung, sondern auf taktischen Angriffen und geschickten Bündnissen beruht. Die Briten fordern das deutsche oder das türkische Team immer wieder auf, gegen die jeweils andere Mannschaft zu stürmen. Sobald ein Tor gelungen ist, wird überraschend der Bündnispartner gewechselt. Die Spielzeit beträgt, wie beim regulären Kicken, anderthalb Stunden, unterteilt allerdings in Triplezeiten von je 30 Minuten. Jorn ersann das Spiel in Analogie zur Dynamik in einer kompetitiven Gesellschaft. Der binären Dialektik setzte er die Triolektik entgegen – statt zwei gibt es drei gegensätzliche Positionen, von denen sich aber zwei vorübergehend gegen die jeweils dritte zusammenschließen können.

Eine Stunde ist gespielt, die Mannschaften sind jetzt hochkonzentriert. Immer mehr Zuschauer drängeln sich um das Feld, einige haben sich Logenplätze in den Bäumen gesichert. Die Spieler des Straßenfußball-Clubs Dynamo Windrad aus Kassel versuchen ehrgeizig, die Türken als Bündnispartner gegen die führenden Londoner zu gewinnen. Zwei Treffer gelingen ihnen auch noch, doch die Führung der Briten kann das nicht mehr gefährden. Der Philosophy FC gewinnt das erste Istanbuler Dreiseiten-Fußball-Spiel.
Unter dem Motto "Rethinking publicness in Istanbul" ist das Match Teil des Rahmenprogramms der 13. Istanbul-Biennale und versteht sich als Geste der Solidarität mit den Demonstranten der Gezi-Park-Bewegung. Im Anschluss ziehen die Mannschaften spät nachts zum Taksim-Platz und kicken im angrenzenden Gezi-Park, der 2013 wochenlang Schauplatz von Protesten gegen die Regierung Erdoğan war.
Bağış Erten vom Ayazma FC möchte das Spiel in diesem Sommer gern wiederholen. Der bekannte Sportreporter, den die ständigen Korruptionsskandale in der türkischen Politik und im türkischen Fußball zermürben, ist Mitbegründer der alternativen "Efendi Lig". Erten, der jeden Samstag im türkischen Fernsehsender n-tv eine Fußball-Sendung moderiert, erzählt begeistert, wie die Liga entstand: "Mein Freund, der Verleger Can Öz, wurde 2009 vom deutschen Schriftstellerverband angesprochen. Die wollten mit türkischen Autoren Fußball spielen. Und Can bat mich, bei der Suche nach Spielern zu helfen."

Bağış Erten, der Lektor im linken İletişim-Verlag war, bevor er sein Fußballhobby zum Beruf machte, begann also zu suchen. Im Mai 2010 reiste schließlich eine Gruppe von Autoren, Musikern, Cartoonisten und Schauspielern nach Hamburg. Die Istanbuler verloren zwar im Millerntor-Stadion haushoch, doch die Idee des symbolischen Freundschaftsspiels hatte sie überzeugt. "Zurück in Istanbul haben wir einfach weitergespielt", erinnert sich Erten an die Anfänge der Efendi Lig.

Ayazma ist die Abkürzung für "Die ballspielenden Strolche der Anatolischen Autoren und Musiker". Weitere Teams kamen hinzu, etwa die der Anwälte oder der Sozialisten, sodass eine Liga gegründet werden konnte. "Efendi Lig haben wir sie genannt, weil Efendi für einen fairen Fußball der Gentlemen steht", so Erten. In der Liga geht es neben Fußball vor allem um politische Korrektheit. Als während der Gezi-Proteste ein allgemeines Verbot für politische Sprechchöre bei Fußballspielen erlassen wurde, übernahm die Efendi Lig die Slogans aus dem Gezi-Park. Nach jedem Spiel riefen Zuschauer und Spieler minutenlang gemeinsam: "Der Taksim-Platz ist überall, überall herrscht Widerstand!"

Tatsächlich besitzt die Efendi Lig eine gewisse politische Autorität, weil viele Prominente dort aktiv sind. Erten selbst wird in fußballbegeisterten Kreisen als Kommentator sehr geschätzt, der Spieler Hayko Cepkin ist ein bekannter Rockmusiker, Torwart Ender Özkahraman ein kurdischer Kultautor anspruchsvoller Graphic Novels. "Wir wollen einen Fußball ohne Korruption, ohne Ausschluss von Ethnien oder von Homosexuellen, wir stehen für Frieden, Freiheit und Demokratie als Vision für eine bessere Türkei", erklärt Bağış Erten.

Der politische Kampfgeist friedlicher Prägung ist bei jedem Spiel zu spüren. Am 21. Januar dieses Jahres trat Ayazma FC gegen Joga Bonito TR an. Vor Match-Beginn wurde eine Schweigeminute für den am 19. Januar 2007 in Istanbul ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink eingelegt. Als der Anpfiff ertönte, riefen die Zuschauer im Chor: "Wir sind alle Hrant, wir sind alle Armenier!"

Schiedsrichter Dinçdağ rennt während des Spiels gut gelaunt über den Platz. Er hat nicht nur eine gelbe und eine rote, sondern auch eine grüne Karte für rüpelhaftes Verhalten in der Brusttasche. Denn Beleidigungen sind in der Efendi Lig verpönt. "Wenn jemand einen anderen Spieler Schwuchtel nennt, kann ich ihn mit der grünen Karte vom Platz schicken", erzählt er grinsend in der Halbzeitpause.

Dinçdağ ist eine Symbolfigur der Lesben- und Schwulenbewegung. Seit vier Jahren führt er einen Prozess gegen die Türkische Fußballföderation, die den 37-Jährigen 2008 aufgrund seiner Homosexualität entlassen hat. "Zu jeder Verhandlung kommen Vertreter der Homosexuellen-Verbände und der Efendi Lig", erzählt er. Dinçdağ weiß, dass er nie wieder im türkischen Profifußball Fuß fassen wird. Der juristische Kampf gegen das an ihm verübte Unrecht hat für ihn jedoch Symbolcharakter. Es ist ein politischer Kampf für eine demokratischere Türkei, in der die Menschenrechte geachtet werden. Die Efendi Lig bietet nicht nur ein Forum für symbolstarke Aktionen, sie kooperiert auch auf internationaler Ebene mit Gleichgesinnten, um im Sport eine politische Signalwirkung zu erreichen.

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