60 Familien vertrieben
Canaan
© Amnesty International
Rund 60 haitianische Familien sind aus ihren provisorischen Unterkünften in einer informellen Siedlung am Stadtrand von Port-au-Prince vertrieben worden. Weiteren 100 Familien droht das gleiche Schicksal. Viele von ihnen waren durch das Erdbeben im Januar 2010 obdachlos geworden und wurden im Mai 2012 schon einmal aus ihren provisorischen Unterkünften vertrieben.
Appell an
MINISTER FÜR JUSTIZ UND ÖFFENTLICHE SICHERHEIT
Jean Renel Sanon
18 Avenue Charles Summer
Port-au-Prince
HAITI
(Anrede: Monsieur le Ministre / Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)
E-Mail: secretariat.mjsp@yahoo.com
POLIZEIPRÄSIDENT DER HAITIANISCHEN POLIZEI
Godson Orélus
Police Nationale d’Haiti
Port-au-Prince
HAITI
(Anrede: Monsieur le Directeur Général / Dear Director / Sehr geehrter Herr Polizeipräsident)
E-Mail: godore68@hotmail.com
Sende eine Kopie an
MINISTERIN FÜR MENSCHENRECHTE UND DIE BEKÄMPFUNG VON ARMUT
Rose Anne Auguste
33 Boulevard Harry Truman
Port-au-Prince
HAITI
E-Mail: rosanne.auguste@primature.ht
BOTSCHAFT DER REPUBLIK HAITI
Herrn Pierre M. Kerby Lacarriere
Geschäftsträger a.i., Gesandter-Botschaftsrat
Uhlandstraße 14
10623 Berlin
Fax: 030-8862 4279
E-Mail: amb.allemagne@diplomatie.ht
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Französisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 20. Januar 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Stellen Sie bitte sicher, dass in Titanyen keine Zwangsräumungen ohne rechtliche Grundlage und ohne eine angemessene vorherige Information und Beratung der BewohnerInnen durchgeführt werden. Sorgen Sie weiterhin dafür, dass allen Betroffenen angemessene Alternativunterkünfte zur Verfügung gestellt werden.
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Ich bitte Sie eindringlich, eine Untersuchung der Beteiligung staatlicher Behörden an der rechtswidrigen Zwangsräumung sowie der gegen die BewohnerInnen von Titanyen gerichteten willkürlichen Festnahmen und Misshandlungen durch Angehörige der Polizei einzuleiten.
- Außerdem fordere ich, dass den BewohnerInnen von Titanyen sowie den hunderttausend BewohnerInnen anderer provisorischer Unterkünfte dauerhafte Lösungen für ihre prekäre Wohnsituation angeboten werden.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Calling on the authorities to ensure that residents of this community are not evicted without due process, adequate notice, consultation and that all those affected have access to adequate alternative accommodation.
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Calling for an investigation into the participation of state authorities in an illegal eviction, and into the apparent excessive use of force employed by the police officers.
- Urging them to seek durable solutions to the housing needs of these Titanyen residents and the hundreds of thousands of others still living in makeshifts camps.
Sachlage
Rund 60 Familien sind am Morgen des 7. Dezember aus einer informellen Siedlung in Titanyen, einem Vorort der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, vertrieben worden. Ein Friedensrichter (juge de paix) aus Croix-des-Bouquets, einem weiteren Vorort von Port-au-Prince, sowie 17 PolizeibeamtInnen und eine Gruppe von Männern bewaffnet mit Macheten und Knüppeln vertrieben die Betroffenen aus ihren Unterkünften. Die BewohnerInnen berichteten, dass sie im Vorhinein nicht über die Räumung informiert wurden und daher nicht die Möglichkeit hatten, dagegen vorzugehen. Zudem habe der Friedensrichter keinen Räumungsbefehl vorgezeigt. Die bewaffneten Männer begannen die Unterkünfte der Familien niederzureißen, ohne ihnen Gelegenheit zu geben, ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Während Angehörige der Polizei in die Luft schossen, um die BewohnerInnen einzuschüchtern, entwendete man dann ihr Eigentum. Den Familien zufolge wurden während der Räumung mehr als zwölf Personen angegriffen, darunter eine Frau, die im vierten Monat schwanger ist. Man sagte den Betroffenen, dass auch die etwa 100 verbliebenen Familien vertrieben werden würden.
Ein Großteil der betroffenen Familien sind ehemalige BewohnerInnen des Flüchtlingslagers Mozayik. Das Lager befindet sich im Bezirk Delmas in Port-au-Prince und wurde für die durch das Erdbeben im Januar 2010 vertriebenen Menschen eingerichtet. Im Mai 2012 wurden die Binnenflüchtlinge von dort vertrieben. Titanyen, ihr jetziger Aufenthaltsort, liegt in einer als Canaan bekannten Gegend, die im März 2010, zwei Monate nach dem Erdbeben, von der damaligen Regierung zur "öffentlichen Nutzung" (utilité publique) freigegeben wurde. Zehntausende Menschen, die durch das Erdbeben ihre Häuser verloren hatten, siedelten sich daraufhin dort an. Vielen von ihnen droht die Zwangsräumung durch Menschen, die das Land als ihren Besitz erachten.
Hintergrundinformation
Knapp vier Jahre nach dem verheerenden Erdbeben vom Januar 2010 leben laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) noch immer rund 171.974 HaitianerInnen in provisorischen Unterkünften. Knapp 30 Prozent dieser Menschen droht die Zwangsräumung. Die BewohnerInnen von Canaan sind in diesen Zahlen jedoch nicht erfasst. Die IOM strich sie kürzlich von der Liste der Binnenvertriebenen, da die haitianische Regierung die informellen Siedlungen von Canaan inzwischen nicht mehr als Gelände für Binnenvertriebene erachtet, sondern als "neue Siedlungen", die in die Stadtplanung mit eingebunden werden sollen.
Die BewohnerInnen von Canaan haben keinen Zugang zu fließendem Wasser und sanitären Einrichtungen. Mit dem erwarteten Eintreffen neuer Opfer von Zwangsräumungen an anderen Orten wird sich die Situation in den Siedlungen weiter zuspitzen. Obwohl der ehemalige Präsident René Préval zwei Monate nach dem Erdbeben Canaan zur "öffentlichen Nutzung" (utilité publique) freigab, ist der rechtliche Status des Landes nach wie vor ungeklärt. Die dorthin umgesiedelten Familien haben somit keinerlei Rechtssicherheit, was ihr Verbleiben angeht. Viele Binnenflüchtlinge, darunter auch die BewohnerInnen des Lagers Mozayik, wurden aus ihren Unterkünften in den Flüchtlingslagern vertrieben oder sind von dort weggezogen, weil ihnen die Zwangsräumung drohte. Den BewohnerInnen der informellen Siedlungen von Canaan droht die Zwangsräumung durch Menschen, die das Land als ihren Besitz erachten. Weitere Informationen zu den Zwangsräumungen finden Sie hier: https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-291-2013/drohende-zwangsraeumungen.
Am 4. Mai 2012 führten örtliche Beamte, die von bewaffneten Mitgliedern der kommunalen Straßenkontrollbrigade und der nationalen Polizei begleitet wurden, im Lager Mozayik im Bezirk Delmas von Port-au-Prince eine Zwangsräumung der Unterkünfte von 126 Familien durch. Das Land, auf dem sich die Binnenflüchtlinge in der Folge des Erdbebens eine Bleibe geschaffen hatten, war für gewerbliche Zwecke vorgesehen. Die vermeintlichen BesitzerInnen des Landes versuchten nicht, eine richterliche Anordnung für die Räumung zu erwirken, wie es das haitianische Recht vorsieht. Stattdessen erlangten sie den Besitz an den Grundstücken mit der Hilfe von örtlichen Behörden und Privatpersonen.