Gemeinde bedroht und eingeschüchtert

Etwa 20 Familien der Quilombo-Gemeinschaft im Dorf São José de Bruno werden derzeit von einem Viehzüchter bedroht und eingeschüchtert. Das Dorf liegt in der Nähe der Stadt Matinha im brasilianischen Bundesstaat Maranhão. Der Viehzüchter hat einen bewaffneten Wächter eingestellt, um die Quilombo-Gemeinde ganz von ihrem Land zu verdrängen.

Appell an

MINISTER FÜR ÖFFENTLICHE SICHERHEIT
Marcos José de Moraes Affonso Jr

Avenida dos Franceses s/nº
Vila Palmeira
São Luís
CEP: 65.036-283
Maranhão
BRASILIEN
(Anrede: Dear Secretary / Sehr geehrter Herr Minister)
E-Mail: segurancapublica.ma@gmail.com

VORSITZENDER DES INSTITUTS FÜR LANDBESITZ MARANHÃO
(INSTITUTO DE TERRAS DO MARANHÃO - ITERMA)
Luiz Alfredo Soares da Fonseca
Rua das Hortas 270
Centro, São Luís
CEP: 65020-270
Maranhão
BRASILIEN
(Anrede: Dear President of ITERMA / Sehr geehrter Herr Minister)

Sende eine Kopie an

LOKALE GEWERKSCHAFT FÜR LANDARBEITER
Sindicato dos Trabalhadores Rurais de Matinha
Praça Raimundo Penha 1.255
Centro, Matinha
CEP: 65218-000
Maranhão
BRASILIEN

BOTSCHAFT DER FÖDERATIVEN REPUBLIK BRASILIEN
I. E. Frau Maria Luiza Ribeiro Viotti
Wallstraße 57
10179 Berlin
Fax: 030–7262 83-20 oder -21
E-Mail: brasemb.berlim@itamaraty.gov.br

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Portugiesisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 5. Dezember 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

E-MAILS UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Ich möchte Sie höflich bitten, die Quilombo-Gemeinschaft von São José de Bruno ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprechend umfassend zu schützen.

  • Bitte lassen Sie die Drohungen gegen Angehörige der Gemeinde untersuchen und bringen Sie die Verantwortlichen vor Gericht.

  • Zudem möchte ich Sie auffordern, der Gemeinde ungehinderten Zugang zu ihrem Land zu garantieren und jegliche illegale Übernahme des Landes durch Viehzüchter oder andere Menschen, die der Gemeinde nicht angehören, zu verhindern.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Urging the authorities to immediately provide full protection to the quilombo community of São José de Bruno, in accordance with their needs and wishes.

  • Urging them to investigate the threats against community members and bring those responsible to justice.

  • Urging them to guarantee community’s full access to their land, preventing any illegal encroachment by farmers or other people from outside the community.

Sachlage

Im Juli 2014 drang ein örtlicher Viehzüchter auf das Land der Quilombo-Gemeinschaft vor, holzte einen Teil des Gebiets ab, umzäunte es und stellte seine Rinder auf die Landfläche. So wurde die Quilombo-Gemeinschaft daran gehindert, auf dem Gebiet weiter Landwirtschaft zu betreiben. Nach einigen Protesten von Angehörigen der Quilombo-Gemeinschaft gegen das illegale Vorgehen des Viehzüchters stellte er einen bewaffneten Wächter ein, der das Gelände patrouilliert. Darüber hinaus bedrohte der Viehzüchter die Familien und erklärte, dass er der Besitzer des Landes sei, das Gebiet übernehmen wolle und "es zu Todesfällen kommen könne".

In São José de Bruno leben etwa 20 Familien. Im September 2013 war der Ort offiziell als Quilombo-Gebiet anerkannt worden (Gebiet für Gemeinden von Nachfahren ehemaliger, entflohener Sklaven). Daraufhin erkannte das Institut für Landbesitz Maranhão (Instituto de Terras de Maranhão – ITERMA) im Dezember 2013 offiziell das Recht der Gemeinde auf das Grundstück an, welches etwa 380 Hektar umfasst.

Bewohner_innen der Gemeinde São José de Bruno erklärten, sie hätten der Polizei und lokalen Behörden die Drohungen des Viehzüchters sowie die Gefahr durch den bewaffneten Wächter gemeldet, die Behörden hätten aber nicht reagiert. Im September 2014 erstattete die Gemeinde Anzeige bei der örtlichen Polizeistation. In der vergangenen Woche startete eine Gewerkschaft für Landarbeiter_innen eine Petition, die den Bundesstaat dazu auffordert, das Land der Gemeinde vor unrechtmäßiger Übernahme zu schützen. Die Angehörigen der Gemeinschaft leben wegen des Wächters in großer Angst und sind eingeschüchtert. Zusätzlich bereitet es ihnen Sorge, dass der Bundesstaat bisher keinerlei Maßnahmen zu ihrem Schutz ergriffen hat. Landkonflikte, Gewaltandrohungen und Übergriffe auf ländliche sowie Quilombo-Gemeinden sind im Bundesstaat Maranhão keine Seltenheit. Laut der kirchlichen Organisation Comissão Pastoral da Terra wurden im Jahr 2014 im Bundesstaat insgesamt vier Sprecher_innen ländlicher Gemeinden nach Landkonflikten getötet.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Im Jahr 1996 gründeten Bewohner_innen der Gemeinde São José de Bruno den Verband von Quilombo-Nachfahr_innen des Dorfes São José de Bruno (União de Moradores Remanescentes de Quilombo do Povoado de São José de Bruno). Seitdem setzte sich der Verband für eine offizielle Anerkennung des Rechts der Gemeinde auf das Land ein. Im September 2013 stellte die beim brasilianischen Kultusministerium angesiedelte Palmares-Stiftung der afro-brasilianischen Gemeinde ein Zertifikat aus, welches bestätigt, dass es sich bei der Gemeinde um Nachfahr_innen von Quilombo handelt. Im November 2013 ernannte das Institut für Landbesitz Maranhão (Instituto de Terras de Maranhão – ITERMA) die Gemeinde zur Grundeigentümerin des Landes und erkannte damit offiziell ihr Recht auf das Land an.

Bewohner_innen der Gemeinde erzählten Amnesty International, dass sie seit der Anwesenheit des Wächters, der sie auf ihrem Land bedroht, um ihre Sicherheit fürchten. Sie erklärten, sie hätten große Angst, da sie unbewaffnet seien ("nós na comunidade não anda armado, então a gente fica com medo"). Sie fürchteten um ihr Leben, hätten aber ebenso Angst, sich zu wehren, weil ihnen Vergeltung drohen könnte. Sie "warten nun auf Gerechtigkeit … und wollen abwarten, was das Justizsystem tun wird" ("a gente fica esperando a justiça… pra ver o que a justiça faz…"). Ein Bewohner der Gemeinde äußerte sich: "Wenn wir uns zu nachgiebig verhalten, wenn wir nichts tun, wird der Viehzüchter das gesamte Gebiet übernehmen. Doch wenn wir hart bleiben, wird er mit noch mehr Gewalt gegen uns vorgehen. Deshalb haben wir uns versammelt, um herauszufinden, was zu tun ist" ("Se a gente amolecer, não fizer nada, ele vai passar por cima. Mas se a gente endurecer, ele pode usar mais violência. Então a gente está aqui reunido para saber o que fazer").

Quilombos sind afro-brasilianische Siedlungen, die Ende des 16. Jahrhunderts in abgelegenen ländlichen Gebieten Brasiliens entstanden, als sich flüchtende und freigelassene Sklav_innen der Sklaverei widersetzten. Die brasilianische Verfassung von 1988 (Artikel 215 und 216) und Artikel 68 der Übergangsbestimmungen erkennen das Recht der Nachfahr_innen auf das Land an, das schon seit langem von den Quilombolas besiedelt ist. Artikel 68 legt fest, dass der endgültige Eigentumsanspruch der verbleibenden Angehörigen der Quilombo-Gemeinschaften anerkannt wird und der Staat ihnen die Landtitel zu übertragen hat ("Aos remanescentes das comunidades dos quilombos que estejam ocupando suas terras é reconhecida a propriedade definitiva, devendo o Estado emitir-lhes os títulos respectivos").

Auf einzelstaatlicher und Bundesebene wurde eine Reihe von Gesetzen erlassen, um festzulegen, wie Quilombo-Land identifiziert wird und wie die Vergabe der Landrechte an die verbleibenden Gemeinden erfolgen soll. Der Präsidentenerlass Nummer 4887 vom 20. November 2003 regelt das Identifizierungsverfahren, die Demarkierung und den Landanspruch von Quilombo-Gemeinschaften.

Zusätzlich zu brasilianischen Rechtsvorschriften ergeben sich für Brasilien auch Verpflichtungen aus dem Übereinkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, der Amerikanischen Menschenrechtskonvention und dem Internationalen Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung. Brasilien ist Vertragsstaat dieser Übereinkommen, durch die die Ansprüche afrikanischstämmiger Gruppen auf kulturelle Rechte und Landrechte sowie auf Nichtdiskriminierung und Gleichheit vor dem Gesetz gewährleistet werden.

Es gibt über 3.000 Quilombo-Gemeinden in Brasilien. Hunderte Verwaltungsverfahren wurden vor dem Nationalen Institut für Landerschließung und Agrarreform (INCRA) eingeleitet, aber bis heute haben weniger als zehn Prozent der Gemeinden ihre Landtitel erhalten. Im Bundesstaat Maranhão allein gibt es 1000 Quilombo-Gemeinden. Etwas mehr als 400 Gemeinden wurden durch die Palmares-Stiftung als solche anerkannt und warten nun darauf, dass das INCRA die letzten fehlenden Schritte im Anerkennungsverfahren einleitet. Seit der Veröffentlichung des Erlasses 4887 im Jahr 2003 hat das INCRA keiner einzigen Quilombo-Gemeinde im Bundesstaat Maranhão Land zugesprochen. Die extreme Langsamkeit des Anerkennungsverfahrens des Quilombo-Hintergrunds von Gemeinden und ihres Landrechts bringt Quilombolas in eine prekäre Lage. Es kann ihnen jederzeit drohen, ihre Häuser und Felder verlassen zu müssen und ihr Land zu verlieren. Zusätzlich besteht für sie die Gefahr, von Grundbesitzer_innen und bewaffneten Wächter_innen angegriffen zu werden.