Zivilbevölkerung weiter in Gefahr
Karte Israel
© Courtesy of the University of Texas Libraries
Im Gazastreifen ist die palästinensische Zivilbevölkerung weiterhin wahllosem und unverhältnismäßigem Beschuss der israelischen Streitkräfte ausgesetzt – vom Wasser, aus der Luft oder auch durch Bodenoffensiven. Die israelische Zivilbevölkerung ist in Gefahr, von Raketen getroffen zu werden, die palästinensische bewaffnete Gruppen wahllos abfeuern.
Appell an
VERTEIDIGUNGSMINISTER ISRAELS
Moshe Ya’alon
Ministry of Defence
37 Kaplan Street, Hakirya
Tel Aviv 61909, ISRAEL
(Anrede: Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)
E-Mail: minister@mod.gov.il oder pniot@mod.gov.il
HAMAS
QASSAM-BRIGADEN
Hamas (Islamic Resistance Movement) Gaza
(Anrede: Dear al-Qassam Brigades / Sehr geehrte Damen und Herren)
E-Mail: english@alqassam.ps oder english@palestine-info.co.uk
(Briefe werden aufgrund der Blockade des Gazastreifens nicht befördert)
Sende eine Kopie an
BOTSCHAFT DES STAATES ISRAEL
S. E. Herrn Yacov-David Hadas-Handelsman
Auguste-Viktoria-Straße 74–76
14193 Berlin
Fax: 030-8904 5555 oder 030-8904 5309
E-Mail: botschaft@israel.de
(Briefe werden offenbar derzeit von der Botschaft nicht geöffnet. Bitte schreiben Sie wenn möglich Faxe oder E-Mails.)
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Hebräisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 3. Oktober 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
FAXE, E-MAILS UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
An die israelischen Behörden:
- Bitte sorgen Sie unverzüglich dafür, dass den gegen die Zivilbevölkerung gerichteten wahllosen und anderen rechtswidrigen Angriffen ein Ende gesetzt wird, und ergreifen Sie alle nötigen Maßnahmen, um eine Einhaltung Ihrer Verpflichtungen im Rahmen internationaler Menschenrechtsnormen und des humanitären Völkerrechts zu gewährleisten.
An die Hamas:
- Ich fordere die Kämpfer der Hamas und anderer bewaffneter Palästinensergruppen eindringlich auf, keine Raketenangriffe auf die Zivilbevölkerung in Israel zu verüben und auch keine anderen Verletzungen des humanitären Völkerrechts zu begehen.
Sachlage
Seit Beginn des israelischen Militäreinsatzes Protective Edge ("Schützende Klippe") am 8. Juli hat die Zivilbevölkerung im Gazastreifen, der 41 km lang und 11 km breit ist, keine Möglichkeit, sich vor dem Beschuss in Sicherheit zu bringen. Dazu gehören auch wahllose Angriffe auf Wohngebiete mit Artillerie und Bomben. Bei in höchstem Maße wahllosen Angriffen, die Berichten zufolge darauf abzielten, Kämpfer der Hamas zu treffen, sind hunderte Zivilpersonen getötet worden.
Gebäude, in denen vier oder mehr Familien wohnten, sind vorsätzlich dem Erdboden gleichgemacht worden, ohne dass angemessene Maßnahmen eingeleitet wurden, um die Zivilbevölkerung zu schützen. So wurden bei der kompletten Zerstörung des Gebäudes al-Dali in Khan Yunis am 27. Juli mindestens 33 Angehörige von vier Familien getötet, darunter 14 Kinder. Zudem wurde durch den Einschlag einer Rakete ein dreistöckiges Haus zum Einsturz gebracht; dabei starben 26 Mitglieder der Familie Abu Jame', darunter 15 Kinder unter 14 Jahren. Unter Verstoß gegen die Verpflichtungen Israels im Rahmen des humanitären Völkerrechts wurden offenbar mehrfach vorsätzlich Krankenwagen und medizinisches Personal bei dem Versuch beschossen, Verletzte abzutransportieren. Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen sind durch Panzer- und Raketenbeschuss zerstört worden.
Die israelische Zivilbevölkerung ist wahllosen Raketen- und Granatenangriffen durch den militärischen Flügel der Hamas und andere bewaffnete Palästinensergruppen im Gazastreifen ausgesetzt. Tausende von Raketen sind seit dem 8. Juli auf Israel abgefeuert worden. In Israel ist die in der Wüste Negev lebende beduinische Bevölkerung besonders gefährdet, da ihnen nicht derselbe Schutz gewährt wird wie anderen Israelis, z. B. durch die Bereitstellung von Luftschutzbunkern. Bei einem Raketenangriff auf eine namenlose Gegend mit Blechhütten in der Nähe von Dimona am 19. Juli wurde der 32-jährige Ouda Lafi al-Waj getötet und drei seiner Familienangehörigen verletzt. Sirenen, die vor einem Angriff gewarnt hätten, gab es nicht. Das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome ("Eiserne Kuppel"), das zur Abwehr von Raketen aus dem Gazastreifen verwendet wird, funktioniert nicht auf "offenen Flächen" in nicht anerkannten Dörfern in der Wüste Negev.
Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge sind mehr als 2000 Bewohner_innen des Gazastreifens bei den jüngsten Militärschlägen ums Leben gekommen. Die meisten von ihnen waren Zivilpersonen, darunter fast 500 Kinder. Hunderttausende sind vertrieben worden. In Israel sind drei Zivilpersonen getötet worden, und Dutzende erlitten Verletzungen durch Raketen oder Granatsplitter. Auf israelischer Seite wurden zudem 64 Soldat_innen getötet. Berichten zufolge sind seit dem Scheitern des Waffenstillstands am 19. August mehr als 200 Raketen auf Israel abgefeuert worden. Durch die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen sollen seitdem mehr als 50 Personen ums Leben gekommen sein, die meisten von ihnen Zivilpersonen.
Hintergrundinformation
Laut Schätzungen des Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (OCHA) im Gazastreifen sind 435.000 Personen, also ein Viertel der Bevölkerung, vertrieben worden. Sie befinden sich derzeit in Notunterkünften oder konnten bei anderen Familien unterkommen, da ihre Häuser beschädigt oder zerstört wurden. Das Gesundheitssystem im Gazastreifen ist überlastet und droht zusammenzubrechen. Die Situation spitzte sich weiter zu, nachdem Israel am 17. Juli eine Bodenoffensive startete. Krankenhäuser und Schulen wurden durch Angriffe getroffen und beschädigt, was stark auf Kriegsverbrechen hindeutet. Krankenhäuser wurden direkt ins Visier genommen und durch Panzer- und Raketenbeschuss stark beschädigt, unter anderem das Al-Aqsa-Krankenhaus in Deir Al-Balah und das Najjar-Krankenhaus in Rafah. Die Bevölkerung im Gazastreifen überlebt mit sehr geringen Vorräten an unsauberem Wasser. In einigen Gegenden gibt es aufgrund der Kämpfe tage- oder wochenlang überhaupt kein Wasser. Am 29. Juli legte ein israelischer Militärschlag das einzige Kraftwerk und damit die wichtigste Stromquelle des Gazastreifens lahm. Dieser Angriff ist aller Wahrscheinlichkeit nach als Kriegsverbrechen anzusehen. Sowohl die Vereinten Nationen als auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnen vor einer drohenden Gesundheitskatastrophe im Gazastreifen.
Die seit sieben Jahren bestehende Gaza-Blockade, die den Personen- und Warenverkehr nach und aus Gaza einschränkt, hat die Wirtschaft und die Basisinfrastruktur stark geschwächt. Obwohl Israel als Besatzungsmacht anzusehen ist, da es effektiv die Kontrolle über das Gebiet und die Bevölkerung im Gazastreifen hat, ist die Regierung ihren Verpflichtungen gemäß des Vierten Genfer Abkommens bisher nicht nachgekommen, für das Wohl der unter der Besatzung lebenden Bevölkerung zu sorgen. Stattdessen wird die palästinensische Bevölkerung daran gehindert, ihr Recht auf einen angemessenen Lebensstandard wahrzunehmen, einschließlich Zugang zu sauberem Wasser, Sanitäts- und Gesundheitsversorgung und andere lebenswichtige Leistungen. Amnesty International hat diese von Israel eingerichtete Blockade als Kollektivstrafe für die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens verurteilt. Die Verpflichtung Israels, die Blockade aufzuheben, sollte nicht von einer Waffenruhe abhängig gemacht werden, sondern einen wichtigen Schritt zur Vermeidung weiterer Konflikte darstellen.
Bewaffnete Palästinensergruppen haben von Wohngebieten aus willkürlich Tausende Raketen abgefeuert und damit das humanitäre Völkerrecht verletzt. Amnesty International hat Kenntnis von Berichten, dass bewaffnete Palästinensergruppen aus der Nähe von Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen wahllos Raketen abgefeuert bzw. diese Einrichtungen oder die umliegende Gegend für militärische Zwecke genutzt haben sollen. Bisher konnte Amnesty International diese Berichte nicht bestätigen. Bei diesen wahllosen Angriffen wurden auch israelische zivile Objekte beschädigt.
Das Oberste Gericht in Israel lehnte eine im Juli eingereichte Petition der Vereinigung für Bürgerrechte in Israel ab, die beduinische Bevölkerung in der Wüste Negev vor Raketenangriffen aus Gaza zu schützen, mit folgender Begründung: "Es gibt keinerlei Rechtfertigung für ein Eingreifen in die während der Kämpfe getroffenen militärischen Entscheidungen des Staates. Da nicht genügend Informationen vorliegen, wird sich das Gericht nicht zu dem Gebrauch des Raketenabwehrsystems äußern. Unserer Ansicht nach basiert der Schutz durch dieses System auf praktischen Überlegungen und nicht auf dem geografischen Vorhandensein bzw. Nicht-Vorhandensein von Siedlungen."
Die Operation Protective Edge ("Schützende Klippe") ist der dritte größere israelische Militäreinsatz im Gazastreifen in weniger als sechs Jahren. Die Personen, die in der Vergangenheit Verletzungen internationaler Menschenrechtsnormen und des humanitären Völkerrechts ausgesetzt waren, darunter Kriegsverbrechen, haben bisher weder Gerechtigkeit erfahren noch Wiedergutmachung gemäß des Völkerrechts erhalten. Dass die Täter straflos bleiben, ist nicht fair gegenüber den Betroffenen und schafft Voraussetzungen für weitere Menschenrechtsverletzungen, wie die jüngsten Auseinandersetzungen zeigen. Amnesty International fordert den UN-Sicherheitsrat auf, den Internationalen Strafgerichtshof mit der Situation zu betrauen und appelliert an den Palästinenserpräsident Abbas und die israelischen Behörden, dem Statut des Internationalen Strafgerichtshofs beizutreten und es zu ratifizieren.