Exzessive Gewaltanwendung durch Polizei

Polizeieinsatz in São Paulo: "Wir befürchten, dass die Polizei während der WM ähnlich brutal vorgehen wird"

Polizeieinsatz in São Paulo: "Wir befürchten, dass die Polizei während der WM ähnlich brutal vorgehen wird"

Angehörige der Militärpolizei lösten in São Paulo im Südosten Brasiliens eine öffentliche Versammlung unter Einsatz von Tränengas, Pfefferspray und Gummigeschossen auf. Die Protestveranstaltung richtete sich gegen Fälle von Polizeigewalt in der Stadt. Die Teilnehmer_innen wurden von der Polizei eingekesselt und drangsaliert. Mehrere Demonstrierende und zwei Rechtsanwält_innen wurden willkürlich festgenommen.

Appell an

GOUVERNEUR VON SÃO PAULO
Geraldo Alckmin
Palácio dos Bandeirantes
Av. Morumbi, 4500, Portão 3, 2º andar
São Paulo, SP, BRASILIEN
CEP 05650-905
(Anrede: Dear Governor / Sehr geehrter Herr Gouverneur)
Tel.: (00 55) 11 2193-8344 oder
(00 55) 11 2193-8000 (nur auf Portugiesisch)
Twitter: @geraldoalckmi oder @governosp
E-Mail: secretariaparticular@sp.gov.br

STAATSSEKRETÄR FÜR SICHERHEIT VON SÃO PAULO
Fernando Grella Vieira
Rua Libero Badaró, 39, 12º andar, Centro
São Paulo, SP, BRASILIEN
CEP 01009-000
(Anrede: Dear Secretary / Sehr geehrter Herr Staatssekretär)
Twitter: @SegurancaSP
E-Mail: fernandogrella@sp.gov.br
seguranca@sp.gov.br
edsferreira@sp.gov.br

Sende eine Kopie an

PRÄSIDENT DER RECHTSANWALTSVEREINIGUNG
VON SÃO PAULO
Marcos da Costa
Endereço: Praça da Sé, 385, Centro
São Paulo, SP
BRASILIEN
CEP 01001-902
Fax: (00 55) 11 3291-8255
E-Mail: presidencia@oabsp.org.br

BOTSCHAFT DER FÖDERATIVEN REPUBLIK BRASILIEN
I. E. Frau Maria Luiza Ribeiro Viotti
Wallstraße 57
10179 Berlin
Fax: 030–7262 83-20 oder -21
E-Mail: brasemb.berlim@itamaraty.gov.br

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Portugiesisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 14. August 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

LUFTPOSTBRIEFE, TWITTERNACHRICHTEN ODER E-MAILS MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Bitte leiten Sie umgehend eine gründliche, unabhängige und unparteiische Untersuchung der Vorwürfe ein, die Polizei hätte am 1. Juli bei der Protestveranstaltung auf der Praça Roosevelt in São Paulo ihre Position missbraucht und unverhältnismäßige Gewalt gegen Protestierende und Journalist_innen angewendet, u. a. gegen Daniel Biral und Silvia Daskal.

  • Sorgen Sie bitte dafür, dass alle Personen, die im Zuge von Protesten festgenommen wurden, darunter auch Fábio Hideki Harano und Rafael Lusvarghi, uneingeschränkten Zugang zu Rechtsberatung und -beistand haben. Stellen Sie überdies sicher, dass alle Rechtsbeistände ihrer Arbeit ohne Einschüchterung, Behinderung, Schikane oder ungebührlicher Einmischung nachgehen können.

  • Gewährleisten Sie bitte das Recht auf friedliche Versammlung und friedlichen Protest und unterlassen Sie in Zukunft die Einschüchterung von friedlichen Demonstrierenden.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Urging the authorities to ensure a prompt, thorough, independent and impartial investigation into allegations of police abuse and excessive use of force towards protesters and journalists, including Daniel Biral and Silvia Daskal, that took place at Praça Roosevelt in São Paulo on 1 July 2014.

  • Urging them to ensure that all those detained during protests, including Fábio Hideki Harano and Rafael Lusvarghi, have full access to legal advice and assistance, and that lawyers are allowed to perform their professional functions without intimidation, hindrance, harassment or improper interference.

  • Urging them to guarantee the right to peaceful assembly and protest and to stop acting in a manner that intimidates peaceful protesters.

Sachlage

Am 1. Juli wurden der Anwalt Daniel Biral und die Anwältin Silvia Daskal in São Paulo von Angehörigen der Militärpolizei festgenommen, nachdem sie die fehlende Kennzeichnung einer Polizistin bei einem Einsatz zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung hinterfragt hatten. Beide sollen in Gewahrsam misshandelt worden sein. Dies geschah im Zuge einer öffentlichen Versammlung auf der Praça Roosevelt in São Paulo, an der etwa 500 Personen teilnahmen. Die Protestveranstaltung richtete sich gegen unverhältnismäßige Gewaltanwendung durch Angehörige der Militär- und Zivilpolizei bei einigen jüngst stattgefundenen Demonstrationen, und speziell gegen die willkürliche Inhaftierung der beiden Demonstrierenden Fábio Hideki Harano und Rafael Lusvarghi. Aktivist_innen, zivilgesellschaftliche Vertreter_innen und Akademiker_innen waren als Redner_innen eingeladen. Kurz vor der Versammlung wurde das Gebiet von etwa 15 Spezialeinheiten der Militärpolizei umstellt, die dann Teilnehmer_innen anhielten und ihre Personalien kontrollierten, offenbar um sie einzuschüchtern. Außerdem filmten Angehörige der Militärpolizei die Protestierenden und Redner_innen, und nahmen mindestens sechs Personen willkürlich fest. Die Polizei wendete unverhältnismäßige Gewalt an und ging mit Tränengas, Gummigeschossen und Pfefferspray gegen Protestierende und Journalist_innen vor, um die friedliche Protestveranstaltung aufzulösen.

Daniel Biral soll auf dem Weg zur Polizeistation in einem Polizeiwagen von Beamt_innen misshandelt worden sein. Berichten zufolge erhielt er Schläge auf den Kopf, wodurch er das Bewusstsein verlor, und wurde daraufhin zur Polizeistation 78 in São Paulo geschleppt. Der Polizeichef weigerte sich, Daniel Birals Vorwürfen Glauben zu schenken, und nahm nur die Aussage der Polizeibeamt_innen auf. Daniel Biral wurde später am selben Abend freigelassen, gegen ihn laufen allerdings Ermittlungen wegen "Widerstands gegen Staatsbedienstete" (desacato). Der Vorwurf basiert darauf, dass er die fehlende Kennzeichnung einer Polizistin bei der Auflösung der Demonstration bemängelt hatte.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Seit Juni 2013 sind in beispiellosen Massenprotesten immer wieder tausende Brasilianer_innen auf die Straße gegangen. Sie demonstrieren gegen die Erhöhung der Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr sowie mangelnde Investitionen in öffentliche Dienste, während gleichzeitig große Summen für die Fußball-Weltmeisterschaft ausgegeben werden. In Städten im ganzen Land sind hunderte Personen verletzt worden, weil Angehörige der Militärpolizei mit Gummigeschossen und Schlagstöcken gegen Menschen vorgingen, die keine Bedrohung darstellten.

Daniel Biral wird genau wie vielen anderen Demonstrierenden auf der Grundlage von gegenüber der Polizei gemachten Aussagen oder Kommentaren "Widerstand gegen Staatsbedienstete" (desacato) vorgeworfen. Diese Straftat kann mit einer Haftstrafe von sechs bis 24 Monaten geahndet werden. Berichten zufolge sollen auch Anwält_innen wegen dieses Straftatbestands festgenommen worden sein, weil sie bei der Polizei die Festnahme von Protestierenden hinterfragt hatten. In diesen Fällen wurden allerdings keine offiziellen Ermittlungen eingeleitet. In São Paulo und Rio de Janeiro sind Anwält_innen, die sich im Rahmen der Proteste engagieren, auf offener Straße eingeschüchtert worden. Darüber hinaus wurde ihnen auf Polizeistationen mehrfach der Zugang zu inhaftierten Demonstrierenden verwehrt. Die Gesetze, die die Grundlage des Straftatbestands des "Widerstands gegen Staatsbedienstete" bilden, sind in der Regel mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung nicht vereinbar.

Am 5. Juni, eine Woche vor der Fußball-WM, veröffentlichte Amnesty International den Bericht They use a strategy of fear: Protecting the right to protest in Brazil (http://www.amnesty.org/en/library/info/AMR19/005/2014/en), in dem die unverhältnismäßige Gewaltanwendung durch Sicherheitskräfte bei friedlichen Protesten dokumentiert ist. Er schildert den Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen gegen friedliche Demonstrierende sowie willkürliche Festnahmen und die missbräuchliche Anwendung von Gesetzen, um Protestierende zu bestrafen. In diesem Bericht werden zudem die Menschenrechtsverletzungen gegen Daniel Biral ausführlicher geschildert. Daniel Biral unterstützt Personen, die bei Demonstrationen in São Paulo festgenommen werden, mit kostenloser Rechtshilfe. Neben den Misshandlungen durch die Polizei, die er bei seiner Festnahme erlitt, wurde Daniel Biral nach einem Krankenhausbesuch bei einem Demonstrierenden von einem unbekannten Mann ermahnt, keine Protestierenden mehr zu vertreten. Daniel Birals Angaben zufolge sagte der Mann, er solle "den Fall [des Protestierenden] fallenlassen. Die Polizei ist im Recht. Misch dich hier nicht ein. Da draußen laufen Verrückte herum, die mit Erlaubnis des Staates agieren, und du weißt, dass Verrückte schießen".