Wegen Facebook-Seite angeklagt

Thailand, Landkarte

Thailand

Am 28. April sind acht Personen im Zusammenhang mit einer satirischen Facebook-Seite wegen Aufwiegelung und Verstößen gegen das Gesetz über Internetkriminalität angeklagt worden. Sie sollen am 3. Juli vor einem Militärgericht erscheinen. Zwei von ihnen befinden sich aufgrund von zusätzlichen Anklagen wegen Beleidigung der Monarchie in Haft.

Appell an

MINISTERPRÄSIDENT
Gen. Prayut Chan-ocha
Government House, Pitsanulok Road, Dusit
Bangkok 10300, THAILAND
(Anrede: Dear Prime Minister / Sehr geehrter Herr Ministerpräsident)
Fax: (00 66) 2 282 5131
E-Mail: prforeign@gmail.com

AUSSENMINISTER
He Don Pramudwinai, Ministry of Foreign Affairs
43 Sri Ayudhya Rd., Bangkok 10400, THAILAND
(Anrede: Dear Minister / Sehr geehrter Herr Minister)
Fax: (00 66) 2 643 5320 oder (00 66) 2 643 5314
E-Mail: minister@mfa.go.th

Sende eine Kopie an

GENERALSTAATSANWALT
Trakul Winitnaiyaphak

Department of Attorney General
Chaengwattana Road
Bangkok 10210, THAILAND
Fax: (00 66) 2 143 9546
E-mail: ag@go.th

BOTSCHAFT DES KÖNIGREICHS THAILAND
I. E. Frau Nongnuth Phetcharatana
Lepsiusstr. 64-66
12163 Berlin
Fax: 030-7948 1511 oder 030-7948 1251
E-Mail: general@thaiembassy.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Thailändisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 15. Juli 2016 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

FAXE, E-MAILS ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Ich bin sehr besorgt, dass Harit Mahaton, Noppakao Kongsuwan, Worawit Saksamutnan, Yohtin Mangkhangsanga, Thanawat Buranasirim, Supachai Saibutr, Kannasit Tangboonthin und Natthika Worathaiyawich lediglich wegen der rechtmäßigen Wahrnehmung ihres Rechts auf Meinungsfreiheit bestraft werden, und fordere Sie auf, alle Anklagen gegen sie umgehend und bedingungslos fallenzulassen.

  • Bitte entlassen Sie Harit Mahaton und Natthika Worathaiyawich umgehend und bedingungslos aus der Haft.

  • Ich appelliere an Sie, Ihren internationalen Verpflichtungen nachzukommen und die Rechte auf Meinungs- und Vereinigungsfreiheit auch online zu garantieren. Lassen Sie alle Facebook-Nutzer_innen frei, die lediglich wegen der friedlichen Wahrnehmung dieser Rechte inhaftiert sind.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Expressing concern that the "Facebook Eight" (Harit Mahaton, Noppakao Kongsuwan, Worawit Saksamutnan, Yohtin Mangkhangsanga, Thanawat Buranasirim, Supachai Saibutr, Kannasit Tangboonthin and Natthika Worathaiyawich) have been penalised for their legitimate exercise of the right to freedom of expression, and urging that authorities immediately and unconditionally drop all charges against them.

  • Urging that Harit Mahaton and Natthika Worathaiyawich are immediately and unconditionally released from detention.

  • Urging authorities to uphold their international obligations to guarantee the rights to freedom of expression and, association, including online, and release any Facebook user detained or imprisoned on account of their peaceful exercise of these rights.

Sachlage

Am 27. April führten Soldat_innen in Bangkok und Khon Kaen im Nordosten Thailands Durchsuchungen durch. Dabei nahmen sie Harit Mahaton, Noppakao Kongsuwan, Worawit Saksamutnan, Yohtin Mangkhangsanga, Thanawat Buranasirim, Supachai Saibutr, Kannasit Tangboonthin und Natthika Worathaiyawich fest. Die sieben Männer und eine Frau wurden am 28. April unter Paragraf 116 des thailändischen Strafgesetzbuchs wegen Aufwiegelung und Verstößen gegen das Gesetz über Internetkriminalität angeklagt. Am 3. Juli müssen sie vor einem Militärgericht erscheinen. Ihnen drohen möglicherweise ein unfaires Verfahren und Haftstrafen von mindestens zwölf Jahren. Die Behörden geben an, dass die satirische Facebook-Gemeinschaftsseite der Angeklagten ("We Love Gen. Prayut") zum Ziel hat, "Unruhe zu stiften". Auf der Seite wurden regelmäßig manipulierte Fotos und Meme eingestellt, in denen Ministerpräsident General Prayut Chan O-Cha und Regierungsmitglieder parodiert wurden.

Am 11. Mai wurde dem Antrag der Angeklagten auf eine Freilassung gegen Kaution stattgegeben. Direkt danach nahmen die Behörden jedoch zwei von ihnen, Harit Mahaton und Natthika Worathaiyawich, wieder fest. Sie befinden sich aufgrund zusätzlicher Anklagen gemäß Paragraf 112 des Strafgesetzbuchs wegen "Beleidigung der Monarchie" in Haft. Grund dafür sind von ihnen geschriebene private Facebook-Nachrichten. Harit Mahaton ist im Untersuchungsgefängnis in Bangkok und Natthika Worathaiyawich im zentralen Frauengefängnis inhaftiert. Ihnen könnten eine zusätzliche Haftstrafe von mindestens drei Jahren und ein weiteres unfaires Verfahren vor einem Militärgericht drohen.

Der Versuch der thailändischen Behörden, tatsächliche oder vermeintliche Kritiker_innen zum Schweigen zu bringen, verstößt gegen die Verpflichtung des Landes gemäß internationalen Menschenrechtsabkommen, die Rechte auf Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit zu schützen. Die Behörden gehen verstärkt gegen Facebook-Nutzer_innen vor, deren friedliche Meinungsbekundung sie als "schädlich" für sich selbst oder die Stellung der Königsfamilie betrachten.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Im Namen der Sicherheit und des Schutzes der Monarchie gehen die thailändischen Behörden immer schärfer und mit immer längeren Haftstrafen gegen Facebooknutzer_innen vor. Die Betroffenen werden häufig in unfairen Verfahren vor Militärgerichte gestellt und müssen mit Haftstrafen von bis zu 60 Jahren rechnen. Nutzer_innen werden auf Grundlage von Status-Updates, "Likes", geteilten Beiträgen und privaten Nachrichten strafrechtlich verfolgt, verurteilt und inhaftiert, weil man ihnen Aufwiegelung, Straftaten gegen die Monarchie und Verstöße gegen das Gesetz über Internetkriminalität vorwirft. Seit das Militär im Mai 2014 durch einen Putsch an die Macht gekommen ist, sind mindestens 38 Personen wegen der friedlichen Äußerung von Ansichten auf Facebook inhaftiert, verurteilt oder wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die nationale Sicherheit bzw. Straftaten gegen die Monarchie angeklagt worden.

Am 7. August 2016 soll in Thailand in einem Referendum über einen neuen Verfassungsentwurf abgestimmt werden. Im Vorfeld dieser Volksabstimmung zeigen sich die Behörden äußerst repressiv: bis jetzt sind im Jahr 2016 so viele Facebook-Nutzer_innen festgenommen worden wie im gesamten Jahr 2015. Geplante Änderungen des umstrittenen Gesetzes über Internetkriminalität von 2007, welches regelmäßig zur Strafverfolgung und Bestrafung friedlicher Facebook-Nutzer_innen eingesetzt wird, könnten jederzeit verabschiedet werden. Die Änderungen würden den Behörden erlauben, den gesamten Internetverkehr abzufangen (auch auf Facebook), ohne richterliche Genehmigung Inhalte zu zensieren und sowohl PC-Nutzer_innen als auch Internetanbieter mit Strafen zu belegen. Das Gesetz ist derzeit mit den Verpflichtungen Thailands gemäß internationalen Menschenrechtsnormen nicht vereinbar, und dies würde auch mit den neuen Änderungen so bleiben.

Die Behörden versuchen nach wie vor, Facebook und Betreiber ähnlicher Plattformen dazu zu bringen, Inhalte zu entfernen, die Thailand als "schädlich für Frieden und Ordnung" ansieht. Facebook ist in etwa 30 Fällen den Anfragen der Behörden nachgekommen, Postings zu blockieren, die als Beleidigung der Monarchie ausgelegt werden könnten. Die Behörden scheinen zudem die Überwachung privater Facebook-Nachrichten auszuweiten.

Immer mehr Aktivitäten auf Facebook werden von den thailändischen Behörden als Straftaten eingestuft, obwohl sie in keiner Weise unter die nach internationalen Menschenrechtsnormen erlaubten Einschränkungen des Rechts auf freie Meinungsäußerung fallen. Zu diesen Aktivitäten zählen beispielsweise das Hochladen eines Fotos, das eine Nutzerin mit einer roten Schüssel zeigt, die sie von der Partei des ehemaligen Ministerpräsidenten erhalten hatte; das Klicken des "Gefällt mir"-Buttons unter einem Bild, das den Hund des Königs karikiert; Kommentare über den schlechten Regierungsstil des Militärs; sowie sämtliche Kommentare, die nach Ansicht der Behörden dazu führen könnten, dass die Öffentlichkeit "den König falsch versteht". So wurde eine Frau angeklagt, weil sie auf eine private Facebook-Nachricht, die laut Aussage der Behörden die Monarchie beleidigte, mit "Verstehe" antwortete.

Die thailändischen Behörden nehmen regelmäßig und willkürlich öffentliche Personen fest und inhaftieren sie ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in Militärlagern, wenn diese den Führungsstil der Regierung kritisieren. Im März 2016 wurde der Politiker Watana Muangsook inhaftiert. Er war 2016 mindestens dreimal wegen Facebook-Beiträgen festgenommen worden. Der stellvertretende Ministerpräsident soll dazu gesagt haben, dass Soldat_innen "seine Einstellung anpassen werden, damit er versteht, dass er momentan nichts sagen sollte. Wenn er hundertmal etwas sagt, wird er hundertmal vorgeladen."

Personen, die unter Paragraf 112 des Strafgesetzbuchs angeklagt sind, wird in der Regel die Freilassung gegen Kaution verweigert, was für ihre Familien oft negative wirtschaftliche Folgen hat.

Nach dem Putsch begann die Militärregierung, scharf und durchgängig gegen reale oder vermeintliche Gegner_innen bzw. Kritiker_innen vorzugehen und auch gegen solche, die sich zur Monarchie äußerten. Dies hat dazu geführt, dass die willkürliche Einschränkung der Meinungsfreiheit, die in den vergangenen zehn Jahren in Thailand zunehmend verschärft worden war, noch weiter eskaliert ist. Mittlerweile sind "politische" Treffen von mehr als vier Personen illegal, und Hunderte Personen dürfen sich nicht mehr am politischen Leben beteiligen. Die Möglichkeiten für friedlichen Protest werden von den Behörden immer weiter begrenzt, z. B. durch Gesetze, die die Rechte auf freie Meinungsäußerung, Privatsphäre und friedliche Versammlung pauschal einschränken.