Morde an Journalisten
"Putschisten, wie wollen Meinungsfreiheit!" Tegucigalpa, November 2009
© Amnesty
In Honduras tätige JournalistInnen müssen um ihr Leben bangen. In den zurückliegenden acht Wochen sind sechs Medienschaffende erschossen und zahlreiche andere mit dem Tod bedroht worden. Die Verantwortlichen sind bislang nicht ermittelt worden. Ebenso wenig haben die Behörden Maßnahmen ergriffen, um diejenigen JournalistInnen zu schützen und zu unterstützen, die sich schriftlich oder in Wortbeiträgen gegen die organisierte Kriminalität aussprechen, Menschenrechtsverletzungen anprangern oder die Arbeit der Regierung mit kritischen Beiträgen begleiten.
Appell an
STAATSPRÄSIDENT
Sr. Porfirio Loba Sosa
Presidente de la República
Casa Presidencial, Boulevard Juan Pablo Segundo
Palacio José Cecilio del Valle
Tegucigalpa, HONDURAS
(korrekte Anrede: Dear President)
Fax: (00 504) 232 1666
GENERALSTAATSANWALT
Sr.Luis Alberto Rubí
Fiscal General de la República
Lomas del Guijarro, Avenida República Dominicana
Edificio Lomas Plaza II
Tegucigalpa, HONDURAS
(korrekte Anrede: Dear Attorney General
Fax: (00 504) 221 5667
Sende eine Kopie an
ÖRTLICHE NICHTREGIERUNGSORGANISATION
Comité de Familiares de Detenidos Desaparecidos en Honduras (COFADEH)
Barrio La Plazuela, Avenida Cervantes,
Casa No. 1301
Apartado Postal 1243
Tegucigalpa
HONDURAS
Fax: (00 504) 220-5280
(wenn jemand abhebt, sagen Sie: "tono de fax")
BOTSCHAFT DER REPUBLIK HONDURAS
S.E. Herr Roberto Augusto Martinez Castañeda
Cuxhavener Straße 14
10555 Berlin
Fax: (030) 3974 9712
E-Mail: informacion@embahonduras.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Spanisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 7. Juni 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.
Sachlage
Am 20. April 2010 wurde mit dem Nachrichtensprecher Jorge Alberto Orellana bereits der sechste Journalist innerhalb weniger Wochen getötet. Begonnen hatte die Mordserie am 1. März. Jorge Alberto Orellana hatte seine Sendung "Live mit Georgino" für den Tag zu Ende gebracht und verließ gerade das Gebäude der Fernsehanstalt TVH in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa, als ihn die tödlichen Schüsse trafen. Ein Motiv für diesen oder die anderen Morde ist bislang nicht ersichtlich. Die TäterInnen konnten noch in keinem der Fälle ermittelt werden. Zu den Opfern zählen neben Jorge Alberto Orellana auch der Rundfunkreporter David Meza Montesinos sowie Nahúm Palacios, Leiter der Nachrichtenredaktion des Fernsehsenders Channel 5. David Meza Montesinos, der am 11. März getötet wurde, hatte Recherchen über den Drogenhandel durchgeführt und war bereits seit mehreren Wochen mit Drohungen überzogen worden. Der Mord an Nahúm Palacios fand drei Tage nach dem Anschlag auf Herrn Montesinos statt. Er hatte Recherchen zu einer Auseinandersetzung über Landrechte in der Region Aguán durchgeführt und ebenfalls über den Drogenhandel berichtet. Außerdem hatte er sich vehement gegen den Staatsstreich vom Juni 2009 ausgesprochen. Am 24. Juli 2009 waren die honduranischen Behörden von der Inter-Amerikanischen Menschenrechtskommission aufgefordert worden, Maßnahmen zum Schutz von Nahúm Palacios zu ergreifen. Dieser Aufforderung waren sie jedoch nicht nachgekommen.
Amnesty sind zahlreiche Berichte über Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen JournalistInnen zur Kenntnis gelangt. Ricardo Oviedo Reyes, Fernsehjournalist und Vorsitzender des Verbandes der Medienschaffenden von Colón (Asociación de Comunicadores de Colón) im Nordosten des Landes, gab an, am 9. April seien aus einer Gruppe von Menschen heraus vor dem Fernsehstudio, in dem er arbeitet, Schüsse abgefeuert worden. An einem anderen Tag seien ihm zwei Männer auf einem Motorrad vom Studio bis nach Hause gefolgt. Außerdem seien Motorradfahrer immer und immer wieder an seiner Wohnung vorbeigefahren. Am 21. April drohte ein anonymer Anrufer: "Du wirst sterben". Es waren seine einzigen Worte.
Am 18. April erhielt der Rundfunksprecher Jorge Otts Andersen einen Drohanruf. Nachdem er eine Nachricht über einen jungen Mann verlesen hatte, der von PolizistInnen verprügelt worden war, erhielt er einen Anruf, als er auf Sendung war. Eine männliche Stimme drohte: "Wir kommen, um Dich zu töten". Dann legte der Anrufer wieder auf. Nur einen Monat zuvor war Jorge Otts Andersen schon einmal in seiner Sendung von einem Mann am Telefon mit den Worten bedroht worden: "Für Deinen Kopf ist bereits ein Preis ausgesetzt".
Die Inter-Amerikanische Menschenrechtskommission hat Honduras aufgefordert, für den Schutz von mehr als 100 Menschen Sorge zu tragen, deren Leben in Gefahr ist. Unter ihnen befinden sich zahlreiche JournalistInnen.
Hintergrundinformation
Nach dem Staatsstreich vom 28. Juni 2009 schlossen und besetzten Angehörige des Militärs die Büros mehrerer Medienunternehmen und gingen mit körperlicher Gewalt vor allem gegen JournalistInnen vor, die Recherchen über die organisierte Kriminalität anstellten. MenschenrechtsverteidigerInnen und KritikerInnen des Putsches wurden bedroht und eingeschüchtert.
Am 27. Januar 2010 übernahm eine neue Regierung unter Präsident Porfirio Lobo die Amtsgeschäfte. Nach den tödlichen Anschlägen auf sechs Journalisten innerhalb von nur zwei Monaten ist sie nun gefordert, unverzüglich Maßnahmen zum Schutz bedrohter JournalistInnen zu ergreifen, weitere Anschläge zu verhindern und die für die bereits verübten Morde Verantwortlichen zu ermitteln und vor Gericht zu bringen.
Am Tag des Amtsantritts veröffentlichte Amnesty unter dem Titel "Honduras: Recommendations to the new Honduran government following the coup of June 2009" (AMR 37/003/2010) einen Bericht auf Englisch, in dem die während des Staatsstreichs begangenen Menschenrechtsverletzungen dokumentiert werden.
Am 1. März wurde in Tegucigalpa der 26 Jahre alte Student und Journalist Joseph Hernandez Ochoa erschossen, sein Kollege Carol Cabrera trug bei dem Vorfall Verletzungen davon. Dem Anschlag auf Joseph Hernandez Ochoa folgte eine ganze Serie von Morden an JournalistInnen. Victor Manuel Juárez und Jose Bayardo Mairena, zwei Mitarbeiter der Nachrichtensendung Asi es olancho (Hier ist Olancho), deren Redaktion ihren Sitz im Departement Olancho im Osten von Honduras hat, wurden am 27. März erschossen. Sie waren auf einer Straße in Olancho mit dem Auto unterwegs, als aus einem anderen Fahrzeug Schüsse auf sie abgefeuert wurden.