Festnahmen im Jemen
Karte des Jemen
© APGraphicsBank
Nach Demonstrationen in der Stadt Aden im Süden des Jemen befinden sich zahlreiche Demonstrierende ohne Kontakt zur Außenwelt in Haft und laufen Gefahr, gefoltert oder in anderer Weise misshandelt zu werden. Amnesty International befürchtet, dass die Protestierenden eventuell nur deshalb festgehalten werden, weil sie friedlich von ihren Rechten auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit Gebrauch gemacht haben. In diesem Fall würden sie als gewaltlose politische Gefangene betrachtet.
Appell an
STAATSPRÄSIDENT
His Excellency Ali Abdullah Saleh
Office of the President of the Republic of Yemen
Sana'a, JEMEN
(korrekte Anrede: Your Excellency)
Fax: (00 967) 1 274 147
INNENMINISTER
His Excellency Mutaher Rashad al-Masri
Ministry of Interior, Sana’a, JEMEN
(korrekte Anrede: Your Excellency)
Fax: (00 967) 1 332 511 oder 1 331 899
E-Mail: moi@yemen.net.ye
MENSCHENRECHTSMINISTERIN
Her Excellency Dr Huda Ali Abdullatef Alban
Ministry for Human Rights , Sana’a, JEMEN
(korrekte Anrede: Your Excellency)
Fax: (00 967) 1 419 700 (bitte mehrmals versuchen)
E-Mail: mshr@y.net.ye
Sende eine Kopie an
BOTSCHAFT DER REPUBLIK JEMEN
S.E. Herrn Prof. Dr. Mohammed L. Al-Eryani
Budapester Str. 37
10787 Berlin
Fax: 030-8973 0562
E-Mail: info@botschaft-jemen.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 31. März 2011 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
SCHREIBEN SIE BITTE E-MAILS, FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Stellen Sie bitte sicher, dass die im Zuge der Proteste vom 16. Februar in Aden festgenommenen Personen vor Folter und anderen Misshandlungen geschützt werden und unverzüglich regelmäßigen Zugang zu einer anwaltlichen Vertretung ihrer Wahl, ihren Familien sowie jeglicher benötigter medizinischer Versorgung erhalten.
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Ich fordere Sie höflich auf, die Anklagen gegen die inhaftierten Personen öffentlich bekannt zu machen und dafür zu sorgen, dass jegliche Gerichtsverfahren den internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren entsprechen.
- Ich möchte meine Sorge darüber ausdrücken, dass sich die festgenommenen Personen nur deshalb in Haft befinden, weil sie friedlich von ihren Rechten auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit Gebrauch gemacht haben. Ich weise Sie darauf hin, dass Amnesty International die Inhaftierten in einem solchen Fall als gewaltlose politische Gefangene betrachten und ihre sofortige und bedingungslose Freilassung fordern würde.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Urging the authorities to ensure that those held following protests on 16 February in Aden are protected from torture and other ill-treatment, and are allowed prompt and regular access to lawyers of their choosing, their family and any medical treatment they may require.
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Calling on the authorities to disclose any charges that have been brought against them and to ensure that any legal proceedings against them conform to international fair trial standards.
- Expressing concern that they may be held solely for the peaceful exercise of their right to freedom of expression and assembly and noting that, if this is the case, Amnesty International would consider them to be prisoners of conscience and call for their immediate and unconditional release.
Sachlage
Sicherheitskräfte nahmen im Zuge friedlicher Proteste am 16. Februar viele Personen fest. Die Demonstrationen fanden im Bezirk al-Mansurah der Stadt Aden im Süden des Landes statt. Die Beteiligten forderten Reformen und einen Regimewechsel. Berichten zufolge sollen Sicherheitskräfte das Feuer auf die Demonstrierenden eröffnet und dabei mindestens vier Männer getötet und Dutzende verletzt haben.
Es hatte zuvor bereits Proteste in Aden und anderen Teilen im Süden des Jemen gegeben, in denen die Abspaltung des Südens vom Norden des Landes gefordert wurde. Nachdem allerdings in der Hauptstadt Sana’a sowie in anderen Städten Demonstrationen stattfanden, in denen der Rücktritt des Präsidenten verlangt wurde, begannen auch die Protestierenden in Aden, einen Regimewechsel zu fordern. Die festgenommenen Personen sollen sich ohne Kontakt zur Außenwelt im Gefängnis in al-Mansurah in Haft befinden. Ihnen drohen Folter und andere Misshandlungen. Seit diesen Vorkommnissen haben Sicherheitskräfte den Bezirk al-Mansurah abgeriegelt und keiner kann mehr hinein oder hinaus. Gestern kam es in Aden erneut zu Protestkundgebungen.
Einer jemenitischen Informationsquelle zufolge begannen die Proteste am 16. Februar in Aden unter der Aufsicht Ziviler Sicherheitskräfte (Civil Security) friedlich und ohne schwere Zwischenfälle. Dann erschienen jedoch die Zentralen Sicherheitskräfte (Central Security) und begannen, auf die Demonstrierenden zu schießen. Ein Augenzeuge sagte gegenüber Amnesty International, dass daraufhin Männer in Zivil, die vermutlich Angehörige der Sicherheitskräfte bzw. ihnen nahe stehende Personen waren, damit begannen, Sachschäden zu verursachen. "Männer in Zivil beschädigten Gebäude und steckten Autos in Brand. Damit versuchten sie, die unverhältnismäßige Gewaltanwendung von Seiten der Behörden zu rechtfertigen", so der Augenzeuge weiter.
Hintergrundinformation
Seit 2007 kommt es immer wieder zu Protesten im Süden des Jemen, die sich gegen die staatliche Diskriminierung richten, die die BewohnerInnen des Südens eigenen Aussagen zufolge erfahren. Immer häufiger wird auch die Abspaltung des Südens vom Rest des Landes gefordert. Die Unmutsäußerungen begannen mit Protestkundgebungen von pensionierten Soldaten aus dem Süden, die sich verstärkt darüber beklagten, dass sie hinsichtlich Beschäftigung, Vergütung und Rentenzahlungen gegenüber den Soldaten aus dem Norden benachteiligt würden. Die meisten der pensionierten Soldaten gehörten der Armee der ehemaligen Demokratischen Volksrepublik Jemen, auch bekannt als Südjemen, an. Nach der Vereinigung des Landes im Jahr 1990 waren die beiden Armeen der Demokratischen Volksrepublik Jemen (Südjemen) und der Arabischen Republik Jemen (Nordjemen) zu den Streitkräften der neuen Republik Jemen zusammengeschlossen worden. Infolge des Bürgerkriegs von 1994, der mit der Niederlage des Südens endete, wurden jedoch viele SoldatInnen des früheren Südjemen aus der Armee entlassen. Diese ehemaligen Angehörigen der Streitkräfte, aber auch diejenigen, die noch Teil der neuen Armee bilden, beklagen eine Benachteiligung gegenüber SoldatInnen des ehemaligen Nordjemen. Aus diesen Protesten und aus der Wahrnehmung der im Süden lebenden Bevölkerung, vom Norden diskriminiert zu werden, scheint die Bewegung Southern Movement hervorgegangen zu sein.
Das Southern Movement organisierte wiederholt Veranstaltungen, um gegen die als diskriminierend empfundene Behandlung der aus dem Südjemen stammenden Menschen zu protestieren. Die Regierung griff gegen die Proteste hart durch. Zahlreiche Demonstrierende wurden auf den Kundgebungen selbst oder in deren unmittelbarer Nähe getötet, viele in unrechtmäßiger Weise, da von ihnen keine Gefahr für das Leben der Sicherheitskräfte oder anderer Personen ausging. Seit Beginn der Proteste im Jahr 2007 haben die Sicherheitskräfte neben SprecherInnen und Mitgliedern des Southern Movement auch Tausende Demonstrierende sowie unbeteiligte Dritte getötet, die zufällig am Ort der Proteste anwesend waren.
Seit im Februar vermehrt Stimmen laut wurden, die den Rücktritt des Präsidenten forderten, machten sich besonders die Protestierenden in Aden für einen Regimewechsel stark. In Aden und anderen Teilen des südlichen Jemen fanden außerdem weiterhin Protestkundgebungen statt, in denen die Menschen die Abspaltung des Südens vom Rest des Landes forderten.
In der jemenitischen Verfassung wird die Meinungsfreiheit garantiert. Nichtsdestotrotz wird dieses Recht durch Gesetze und Maßnahmen untergraben, insbesondere durch das Presse- und Publikationsgesetz von 1990 (Press and Publications Law) und das im Mai 2009 eingerichtete Gericht für Presse und Publikationen (Specialized Press and Publications Court). Das Gericht verfolgt augenscheinlich das Ziel, abweichende Meinungen zu unterdrücken, indem RegierungskritikerInnen in Schnellverfahren verurteilt werden.
Delegierte von Amnesty International erfuhren am eigenen Leib, wie feindselig die Behörden auf den Versuch reagieren, über Demonstrationen für die Meinungsfreiheit zu berichten. Bei einer von Women Journalists Without Chains (Journalistinnen ohne Ketten) organisierten, friedlichen Demonstration im März 2010 in Sana’a drohten PolizistInnen einer Vertreterin von Amnesty International mit einer Kamera, sie zu verhaften und anzuklagen, wenn sie versuchen sollte, Fotos der friedlichen Proteste zu machen. Die PolizistInnen behaupteten, dass die bloße Anwesenheit der VertreterInnen von Amnesty International gegen das Gesetz verstoße, obwohl die Organisation ihre Demonstration friedlich und an einem öffentlichen Ort abhielt. Die Amnesty-Delegierten beobachteten außerdem, wie einer der Demonstrierenden, der eine Kamera mitführte, von der Polizei festgenommen wurde. Nachdem andere Demonstrierende dagegen protestierten, wurde er wieder freigelassen, jedoch ohne seine Kamera. Hingegen filmten und fotografierten Männer in Zivil, die allem Anschein nach Angehörige der Sicherheitskräfte waren, die Demonstrierenden.