Zehn Journalisten "verschwunden"

Karte Jemen

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Seit dem 23. Mai sind zehn jemenitische Journalisten „verschwunden“. An diesem Tag wurden sie aus der Untersuchungshafteinrichtung al-Habra in der Hauptstadt Sanaa geholt und an einen unbekannten Ort gebracht. Die Männer befinden sich seit dem 9. Juni 2015 willkürlich in Haft.

Appell an:

MINISTER FÜR MENSCHENRECHTE
Amir Eldin al-Huthi
Ministry of Human Rights
Off Sixty Road, Sana’a, JEMEN
(Anrede: Dear Sir / Sehr geehrter Herr Amir Eldin al-Huthi)
E-Mail: amirtahahishm2015@gmail.com

LEITER DES BÜROS VON MOHAMMED AL-HUTHI
Ahmad al-Razihi
Presidential Palace, Sana’a, JEMEN
(Anrede: Dear Sir / Sehr geehrter Herr Ahmad al-Razihi)
E-Mail: shabab17fb@gmail.com

Sende eine Kopie an:

ZUSTÄNDIGER BEAMTER FÜR NGO-BEZIEHUNGEN IM BÜRO VON MOHAMMED AL-HUTHI
Abu Hassan
Presidential Palace, Sana’a, JEMEN
E-Mail: e.m.eciwas3@gmail.com

BOTSCHAFT DER REPUBLIK JEMEN
Herr Walid Abdulwahed Mohamed Alethary
Gesandter (Geschäftsträger a.i.)
Rheinbabenallee 12, 14199 Berlin
Fax: 030- 89 73 05 62
E-Mail: info@botschaft-jemen.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 29. Juli 2016 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

E-MAILS UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Bitte geben Sie umgehend den Aufenthaltsort von Abdelkhaleq Amran, Hisham Tarmoom, Tawfiq al-Mansouri, Hareth Humid, Hasan Annab, Akram al-Walidi, Haytham al-Shihab, Hisham al-Yousefi, Essam Balgheeth und Salah al-Qaedi bekannt.

  • Sorgen Sie bitte dringend dafür, dass die Journalisten weder gefoltert noch anderweitig misshandelt werden, und dass sie umgehend regelmäßigen Zugang zu ihren Familien, Rechtsbeiständen und jeder nötigen medizinischen Versorgung erhalten.

  • Lassen Sie die zehn Männer frei, sofern sie nicht sofort an die zuständigen Justizbehörden überstellt und einer international als Straftat anerkannten Handlung angeklagt werden.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Calling on the de facto Huthi authorities to immediately disclose the whereabouts of the ten journalists.

  • Urging them to ensure that they are protected from torture or other ill-treatment and given, without delay, regular access to their families, lawyers and any adequate medical treatment they may require.

  • Urging them to release the ten journalists, unless they are promptly transferred to proper judicial authorities and charged with a recognizable criminal offence.

Sachlage

Die Journalisten Abdelkhaleq Amran, Hisham Tarmoom, Tawfiq al-Mansouri, Hareth Humid, Hasan Annab, Akram al-Walidi, Haytham al-Shihab, Hisham al-Yousefi, Essam Balgheeth und Salah al-Qaedi wurden am 23. Mai aus der Untersuchungshaftanstalt al-Habra in der Hauptstadt Sanaa geholt und an einen unbekannten Ort gebracht. Die De-facto-Behörden weigern sich, Informationen über ihren Aufenthaltsort preiszugeben. Die Männer wurden am 9. Juni 2015 an verschiedenen Orten von Angehörigen der bewaffneten Gruppe der Huthi festgenommen und befinden sich seither willkürlich in Haft. Ihnen drohen Folter und andere Misshandlungen.

Am 23. Mai wollten die Familienangehörigen der zehn Journalisten sie in der Haftanstalt al-Habra besuchen. Dort angekommen, teilten die Gefängniswärter_innen ihnen mit, dass die Männer sich nicht mehr in der Haftanstalt befänden, weigerten sich jedoch, über deren Verbleib Auskunft zu geben. Die Familien hatten zuletzt von den Männern gehört, als diese in al-Habra in den Wochen vor ihrem „Verschwinden“ in den Hungerstreik getreten waren. Den Hungerstreik starteten sie am 9. Mai, um gegen ihre anhaltende Inhaftierung ohne Anklage oder Gerichtsverfahren zu protestieren. Laut den Verwandten von Abdelkhaleq Amran und Hareth Humid befanden sich die beiden Männer nach ihrem Hungerstreik in sehr schlechtem körperlichen Zustand, doch die Gefängnisbehörden weigerten sich offenbar, sie in ein Krankenhaus zu verlegen.

Am 16. März wurden – bis auf Salah al-Qaedi – alle Männer aus der Untersuchungshaftanstalt al-Thawra, wo sie seit Mitte September 2015 festgehalten worden waren, in die Hafteinrichtung al-Habra verlegt. Abdelkhaleq Amran, Hisham Tarmoom, Tawfiq al-Mansouri, Hareth Humid, Hasan Annab, Akram al-Walidi, Haytham al-Shihab, Hisham al-Yousefi und Essam Balgheeth hatten von einem Hotelzimmer des Qasr-al-Ahlam-Hotels in der al-Sitten-Straße in Sanaa aus gearbeitet, als um 4 Uhr morgens am 9. Juni 2015 etwa 30 bewaffnete Männer in Zivilkleidung das Zimmer stürmten. Die Männer waren offenbar Mitglieder des politischen Flügels der Huthi, der Ansarullah. Salah al-Qaedi wird seit Mitte Oktober 2015 in der Hafteinrichtung al-Habra festgehalten. Er wurde erstmals am 28. August 2015 in seiner Wohnung festgenommen. Die inhaftierten Journalisten arbeiten jeweils für verschiedene Medien; einige dieser Medien wenden sich offen gegen die bewaffnete Gruppe der Huthi, während andere der sunnitisch-islamistischen Oppositionspartei al-Islah nahestehen.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Abdelkhaleq Amran, Hisham Tarmoom, Tawfiq al-Mansouri, Hareth Humid, Hasan Annab, Akram al-Walidi, Haytham al-Shihab, Hisham al-Yousefi und Essam Balgheeth hatten von einem Hotelzimmer des Qasr-al-Ahlam-Hotels in der al-Sitten-Straße in Sanaa aus gearbeitet, als um 4 Uhr morgens am 9. Juni 2015 mehrere bewaffnete Männer das Zimmer stürmten. Die Männer trugen teilweise Zivil- teilweise Militärkleidung. Auf den Waffen einiger von ihnen standen Slogans, die mit der bewaffneten Gruppe der Huthi und deren politischem Flügel Ansarullah in Verbindung gebracht werden. Ein Teil der Journalisten wurde zur al-Ahmer-Polizeistation und der andere zur al-Hasaba-Polizeistation in Sanaa gebracht. Einige von ihnen durften dort ihre Familien anrufen. Nach zwei Tagen brachte man einige der Journalisten zur Antiterrorabteilung der Kriminalpolizei, wo sie einen Monat lang festgehalten wurden.

Von Mitte Juli 2015 bis Mitte September 2015 wurden alle neun Journalisten ohne Kontakt zur Außenwelt an unbekannten Orten festgehalten. Ihre Familien hatten lediglich von ehemaligen Häftlingen erfahren, dass man sie in die Untersuchungshafteinrichtung al-Thawra in Sanaa gebracht hatte. Die Hafteinrichtung untersteht dem Huthi-nahen Innenministerium. Salah al-Qaedi wurde am späten Nachmittag des 28. August 2015 bei sich zuhause in Sanaa von Angehörigen der Huthi-Gruppierung festgenommen. Familienangehörige von Salah al-Qaedi sagten Amnesty International, dass er während seiner Haft gefoltert wurde. Er ist nicht angeklagt worden, doch seine Familie geht davon aus, dass er sich deshalb in Haft befindet, weil er für den Kanal Suhayl gearbeitet hat. Dieser verurteilt die Gewalttaten der Huthi-Gruppierung, seit diese im September 2014 die Hauptstadt Sanaa eingenommen hat, und unterstützt der allgemeinen Auffassung zufolge die Luftangriffe der saudi-arabischen Koalition. Die Büros wurden im September 2014 von Angehörigen der bewaffneten Gruppe der Huthi durchsucht und schließlich im März 2015 geschlossen.

Im September 2014 nahm die Huthi-Gruppierung, die größtenteils aus Angehörigen der zaiditisch-schiitischen Minderheit im Norden des Jemen besteht, einige Militär- und Sicherheitsposten in Sanaa, der jemenitischen Hauptstadt, ein. Noch vor der dritten Januarwoche 2015 hatten sie Militärposten, den Präsidentenpalast und Regierungsgebäude angegriffen. Dies führte zum Rücktritt von Präsident Abd Rabbu Mansour Hadi und seiner Regierung. Die Huthi wurden infolgedessen die faktischen Machthaber der Hauptstadt und anderer Teile des Landes. Seit Januar 2015 besitzen die Huthi die Kontrolle über Sanaa und einige andere Teile des Landes.

Seit Beginn der saudi-arabischen Luftangriffe im Mai 2015 ist die Zahl der willkürlichen Festnahmen, Inhaftierungen und Verschleppungen durch die bewaffnete Gruppe der Huthi und alliierte Truppen, die den ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh unterstützen, stark angestiegen. Hunderte Aktivist_innen, Menschenrechtler_innen und Personen unterschiedlicher politischer Orientierung, die von den Huthi als Gegner_innen angesehen werden, wurden willkürlich festgenommen und inhaftiert, und in manchen Fällen auch gefoltert oder anderweitig misshandelt. Auch gab es Fälle von Verschwindenlassen. Bei der Mehrheit handelt es sich um Sprecher_innen, Mitglieder oder Anhänger_innen der sunnitisch-islamistischen Partei al-Islah. Die meisten Festnahmen haben in den Städten Sanaa, Ibb und al-Hudaida stattgefunden.