Menschenrechtler „verschwunden“
Der pakistanische Menschenrechtsverteidiger Seengar Noonari
© THE SINDHI NARRATIVE
Der Menschenrechtsverteidiger und Initiator der Organisation Voice for Missing Persons of Sindh, Punhal Sario, ist in der Sindh-Provinz im Süden Pakistans dem Verschwindenlassen zum Opfer gefallen. In jüngster Zeit sind bereits zahlreiche Fälle von Verschwindenlassen durch die Sicherheitskräfte in Sindh bekannt geworden. Sein Schicksal und sein Verbleib sind unbekannt. Er befindet sich in großer Gefahr, gefoltert, anderweitig misshandelt oder sogar getötet zu werden.
Wo ist Punhal Sario?
Appell an
Honourable Mr Mamnoon Hussain
President's Secretariat
Islamabad
PAKISTAN
Sende eine Kopie an
Botschaft der Islamischen Republik Pakistan
S. E. Herrn Jauhar Saleem
Schaperstr. 29
10719 Berlin
Fax: 030-2124 4210
E-Mail: mail@pakemb.de
Amnesty fordert:
- Bitte ordnen Sie sofort eine Untersuchung zum Verbleib von Punhal Sario an und sorgen Sie dafür, dass seine Familie umfassend und zu jeder Zeit über den Stand der Ermittlungen informiert wird.
- Sollte sich Punhal Sario in staatlichem Gewahrsam befinden, so bitte ich Sie, ihn umgehend freizulassen, oder ihn bei Vorliegen von Beweisen für eine nachweisbar strafbare Handlung unverzüglich anzuklagen und einem unabhängigen Gericht zu übergeben, wie es internationale Menschenrechtsstandards vorsehen.
- Sorgen Sie bitte dafür, dass Punhal Sario vor Folter oder anderweitiger Misshandlung geschützt ist und Zugang zu seiner Familie, einem Rechtsbeistand seiner Wahl und angemessener medizinischer Versorgung erhält.
- Ordnen Sie bitte sofort eine unparteiische, unabhängige und wirksame Untersuchung zu seinem mutmaßlichen Verschwindenlassen an, veröffentlichen Sie die Ergebnisse dieser Untersuchung und stellen Sie die Verantwortlichen in fairen Verfahren ohne Rückgriff auf die Todesstrafe vor Gericht.
Sachlage
Punhal Sario ist ein Menschenrechtsverteidiger und der Initiator der Organisation Voice for Missing Persons of Sindh. Er wurde am 3. August Opfer des Verschwindenlassens durch pakistanische Sicherheitskräfte. Sein Freund Dr. Haresh Kumar war zu diesem Zeitpunkt bei ihm und wurde Zeuge der Entführung. Dr. Haresh Kumar zufolge wurde Punhal Sario von Menschen sowohl in Zivilkleidung als auch Polizeiuniform aus seinem Auto geholt, nachdem er aus dem Khanabadosh Writer’s Café kam, welches Teil des Sindh Museums in Hyderabad ist. Seitdem sind sein Schicksal und sein Verbleib unbekannt.
Punhal Sario ist Mitglied einer zivilgesellschaftlichen Bewegung, die sich dafür einsetzt, auf die zunehmenden Fälle des Verschwindenlassens von Aktivist_innen, Autor_innen und politisch engagierten Menschen aufmerksam zu machen. Zu diesem Zweck rief er die Organisation Voice for Missing Persons of Sindh ins Leben. Seine Entführung ereignete sich einen Tag vor dem Beginn einer großen Konferenz, die von der Organisation ausgerichtet wurde. Bei der Konferenz sollten Autor_innen, Journalist_innen und Aktivist_innen zusammenkommen, um auf die "verschwundenen" Menschen in Sindh aufmerksam zu machen.
Laut örtlicher Aktivist_innen sind in den vergangenen Monaten mehr als
60 Menschen Opfer des Verschwindenlassens geworden. Darunter auch politisch engagierte Menschen wie Khadim Areejo, Hidayat Lohar, Sabir Chandio und Bux Ali Mugheri, Mitglieder der Jeay Sindh Muttaheda Mahaz (JSMM), einer politischen Partei, die für eine größere Autonomie der Provinz Sindh eintritt.
Hintergrundinformation
Seit mehr als einem Jahrzehnt ist das Verschwindenlassen von Personen in Sindh gängige Praxis. Laut lokaler Aktivist_innen sind seit Februar 2017 jedoch so viele Menschen "verschwunden" wie noch nie zuvor. Berichten zufolge wurden bereits in ganz Sindh Aktivist_innen, Autor_innen und Menschenrechtler_innen von den Sicherheitsbehörden verschleppt. 60 Menschen sind noch immer "verschwunden".
In der Vergangenheit ereigneten sich Fälle von Verschwindenlassen in Pakistan nur in Belutschistan sowie in Teilen der Provinz Khyber Pakhtunkhwa und in ländlichen Regionen von Sindh. Nun gibt es jedoch auch Fälle in der Provinz Punjab und sogar in der Hauptstadt Islamabad. Die Journalistin Zeenat Shahzadi wurde im August 2015 in Lahore von Bewaffneten entführt, als sie gerade zur Arbeit ging. Sie soll die erste Frau sein, die Opfer des Verschwindenlassens in Pakistan geworden ist. Vor ihrer Entführung hatte sie über den Fall von Hamid Ansari, einem indischen Staatsangehörigen, der im Jahr 2012 "verschwunden" war, berichtet. Zeenat Shahzadi ist noch immer "verschwunden". Anfang Januar dieses Jahres waren fünf Menschenrechtsverteidiger in Islamabad und der Provinz Punjab entführt worden. Vier der fünf Entführten – der Akademiker und Dichter Salman Haider, sowie die Blogger Asim Saeed, Ahmed Raza Naseer und Waqass Goraya – konnten zwischen dem 27. und dem 29. Januar 2017 wieder zu ihren Familien zurückkehren. Nach aktuellen Informationen ist einer von ihnen – Samar Abbas – noch immer "verschwunden".
Nach dem Völkerrecht sind das Recht auf Leben und die Freiheit von Folter und anderer Misshandlung unveräußerliche Rechte und unter allen Umständen anwendbar. Pakistan ist verpflichtet, diese Rechte unter verschiedenen Menschenrechtsverträgen, wie dem Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte und der UN-Antifolterkonvention, zu wahren und zu schützen. Darüber hinaus ist das Verbot des Verschwindenlassens Teil des Völkergewohnheitsrechts und bindend für alle Nationen. Das Verschwindenlassen ist international als Straftat anerkannt. Laut Artikel 2 der UN-Erklärung zum Schutz von Menschenrechtsverteidigern hat jeder Staat die Pflicht, die notwendigen Bedingungen zu schaffen, um die Menschenrechte in seinem Zuständigkeitsbereich zu schützen. Doch Menschenrechtsverteidiger_innen in Pakistan werden festgenommen, inhaftiert, gefoltert und ins Gefängnis gesperrt, nur weil sie an friedlichen Aktivitäten teilnehmen. Menschenrechtsverteidiger_innen in Pakistan sehen sich auch Einschüchterungen und Drangsalierungen gegenüber. Amnesty International fordert die pakistanische Regierung auf, für ein Umfeld zu sorgen, in dem es möglich ist, die Menschenrechte zu verteidigen und politische Meinungen ohne Angst vor Vergeltungsmaßnahmen und Einschüchterungen friedlich zu äußern.