Inhaftierter Mapuche im Hungerstreik

Diese Urgent Action ist beendet!

Der inhaftierte Celestino Córdova Tránsito, ein geistiges Oberhaupt der indigenen Mapuche, beendete am 18. August seinen Hungerstreik. Die Behörden haben eingewilligt, ihm einige seiner Forderungen zu erfüllen.

Textfeld "Indigene"

Der inhaftierte Celestino Córdova Tránsito, ein geistiges Oberhaupt der indigenen Mapuche, befindet sich seit über 100 Tagen im Hungerstreik, um zu erwirken, dass er eine für seine Volksgruppe verpflichtende spirituelle Klausur im Kreis seiner Gemeinde verbringen kann. Nachdem die Behörden bislang nicht das Gespräch mit dem Hungerstreikenden gesucht haben, hat ein örtliches Gericht kürzlich grünes Licht für eine mögliche Zwangsernährung gegeben. Am 10. August gab der Inhaftierte an, in einen trockenen Hungerstreik treten zu wollen. Am selben Tag besuchte ihn eine Gruppe unabhängiger Mediziner_innen des chilenischen Ärzteverbands Colegio Médico de Chile und berichtete anschließend, dass der Zustand von Celestino Córdova Tránsito kritisch sei und sein Tod unmittelbar bevorstehe. Vor kurzem schickte der Inhaftierte eine Sprachnachricht an seine Sprecher_innen, die er selbst als Abschiedsbotschaft bezeichnete.

Appell an:

Innenminister

Víctor Pérez Varela

Palacio de la Moneda

Santiago, Región Metropolitana

CHILE
 

Sende eine Kopie an:

Botschaft der Republik Chile
I. E. Frau Cecilia Mackenna Echaurren
Mohrenstr. 42
10117 Berlin

Fax: 030-726 203 603
E-Mail: echile.alemania@minrel.gob.cl

Amnesty fordert:

  • Treten Sie bitte umgehend mit Celestino Córdova Tránsito in den Dialog und sehen Sie davon ab, ihm gegen seinen Willen Nahrung zuzuführen.
  • Nehmen Sie bitte, falls notwendig, Kontakt zu den verantwortlichen Behördenmitarbeiter_innen auf Führungsebene auf, um gemeinsam nach effektiven Lösungen zu suchen und das Leben und die Gesundheit von Celestino Córdova Tránsito zu schützen.

Sachlage

Celestino Córdova Tránsito ist ein Machi, ein geistiger Anführer der in Chile und Argentinien ansässigen indigenen Gemeinschaft der Mapuche. Im Jahr 2014 wurde er wegen Brandstiftung mit Todesfolge zu einer Haftstrafe verurteilt und sitzt seither in der südchilenischen Stadt Temuco im Gefängnis. Mit einem Hungerstreik, der mittlerweile schon über 100 Tage lang andauert, kämpft er für Maßnahmen zum Erhalt seiner Gesundheit und seiner Religionsfreiheit. Als Machi muss er in unmittelbarer Nähe des angestammten Landes seiner Gemeinschaft leben. Die durch die Haftstrafe bedingte Entfernung verschlechtert seine Gesundheit zusätzlich und bringt ihn in Lebensgefahr.

Als ein geistiger Anführer der Mapuche ist Celestino Córdova Tránsito nicht nur durch allgemeine Menschenrechtsstandards geschützt, sondern genießt überdies auch den Schutz von speziell für indigene Bevölkerungsgruppen erarbeiteten Bestimmungen, wie sie in der UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker und der Konvention ILO 169, einem Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation, festgeschrieben sind. Unter anderem wir im letztgenannten Übereinkommen erklärt, dass Haftstrafen für Angehörige indigener Gemeinschaften nach Möglichkeit durch andere Strafmethoden zu ersetzen sind.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Der Machi Celestino Córdova Tránsito begann seinen Hungerstreik am 4. Mai 2020 in Temuco. Zeitgleich gingen in der Stadt Angol acht weitere inhaftierte Mapuche in den Hungerstreik.

Er fordert die Achtung seiner Rechte als einer der geistigen Anführer der Mapuche. Diese Rolle macht eine physische Nähe zu dem Land seiner Gemeinschaft und zu bestimmten heiligen Stätten notwendig, die eine Verbindung zwischen der irdischen und der geistigen Welt darstellen. Für eine derart lange Zeit keinen Zugang zu diesen Orten zu haben, bedingt ernste gesundheitliche Probleme, die seinen durch den Hungerstreik ohnehin schon geschwächten Allgemeinzustand weiter verschlechtern. Überdies bedrohen die durch die COVID-19-Pandemie bedingten Risiken seine Gesundheit.

Die Mapuche im Hungerstreik fordern die Anwendung des ILO-Konvention 169, die es ihnen ermöglichen würde, ihre Haftstrafen (bzw. ihre Untersuchungshaft) auf dem Land ihrer Gemeinschaften anstatt in einem Gefängnis zu verbringen. Am 6. Juli traten elf weitere Gefangene in Lebu in den Hungerstreik, denen am 20. Juli sieben inhaftierte Mapuche in Temuco folgten. Von den insgesamt 27 hungerstreikenden Mapuche hinter Gittern sitzen 19 in Untersuchungshaft und sind noch nicht verurteilt worden.

Dem wegen Brandstiftung mit Todesfolge verurteilten Celestino Córdova Tránsito bleiben noch zehn Jahre Haft.

Einer Entscheidung des Berufungsgerichts Temuco zufolge können die Behörden Celestino Córdova Tránsito gegen dessen eigenen und gegen den Willen seiner Angehörigen zwangsernähren. Bislang wurde diese Entscheidung noch nicht in die Tat umgesetzt. Der Machi hat klar und deutlich erklärt, dass er keine Nahrung zu sich nehmen möchte und etwaige Behandlungen ablehnt. Diese Haltung bedingt zusätzliche Sorgen, dass es zu einer Zwangsernährung des Gefangenen kommen könnte.

Seine Verteidigung reichte beim Berufungsgericht Temuco einen Antrag ein, um zu erwirken, dass der Machi seine Haftstrafe für einen Zeitraum von sechs Monaten auf dem Land seiner Gemeinschaft verbringen darf, was allerdings abgelehnt wurde. Diese Ablehnung wurde vor dem Obersten Gerichtshof angefochten, eine Entscheidung steht noch aus.

Die chilenische Regierung hat sich bislang ihrer Verantwortung entzogen und erklärte nach längerem Schweigen, dass die Forderungen der hungerstreikenden Mapuche nach geltender Gesetzeslage nicht erfüllt werden können. Jüngsten Erklärungen des Innenministers zufolge besteht das Hauptinteresse der Regierung darin, das Leben des Machi zu retten. Die Worte des Ministers signalisierten zwar Dialogbereitschaft, befeuerten aber auch die Befürchtung einer möglichen Zwangsernährung.