Amnesty Journal Deutschland 26. März 2015

Wortwechsel

Wortwechsel

Flucht auf der Bühne. Szene aus "Asyl-Dialoge"

Das Theaterstück »Asyl-Dialoge« der »Bühne für Menschenrechte« inszeniert die schwierige Situation von Flüchtlingen und ihren Unterstützern vor dem Hintergrund einer rigiden europäischen Asylpolitik.

Von Andreas Koob

Anna will helfen und ist unter Zugzwang. Sie muss ­Rajana, die mit ihrer Familie aus Tschetschenien nach Deutschland geflohen ist, ins Krankenhaus bringen, denn vielleicht rettet sie das. »Was muss ich sagen, ­damit eine Person mindestens eine Nacht im Krankenhaus bleibt?«, fragt Anna einen befreundeten Arzt. »Blut im Stuhl und Bauchschmerzen«, sagt er. Sie will mit allen Mitteln die ­Abschiebung verhindern, ob sie trickst oder nicht, daran verschwendet sie keinen Gedanken.

Anna und Rajana stehen im Mittelpunkt einer von insgesamt drei Geschichten, die das Stück »Asyl-Dialoge« erzählt. Die durchgängig als Dialog inszenierten Szenen ermöglichen dem Betrachter tiefe Einblicke in die Gefühlslage der verschiedenen Charaktere. Und schnell wird klar: Nicht nur die Flüchtlinge haben es hier mit Grenzen zu tun, sondern auch ihre Unterstützer.

Der Dialog ist das Thema des Theaterstücks und zugleich die Form, die Regisseur Michael Ruf gewählt hat: Die Schauspieler sprechen teils frei, teils lesen sie vom Blatt, wie an diesem Abend. Erst wirken sie wie ein Ensemble von Souffleuren – doch würde das ihrer Leistung nicht gerecht. Denn sie machen die Sequenzen trotz eines völlig reduzierten Settings erfahrbar.

Auch ohne Bühnenbild, Requisiten, Kostüme oder Videoprojektion hat der Zuschauer das Geschehen vor Augen: Das Leben in der Heimat, auf der Flucht und im Hier und Jetzt, samt der drohenden Abschiebung in das EU-Land, in das sie als erstes eingereist sind. Denn so sieht es die sogenannte Dublin-Richtlinie vor. Wie all das die Beziehungskonstellationen zerrüttet, damit wird der Zuschauer unweigerlich konfrontiert.

Die drei nacheinander erzählten Dialoge bilden einen starken Kontrast zueinander: Neben der sehr persönlichen Geschichte von Rajana und Anna gibt es eine weitere, die in Osnabrück spielt, wo Aktivisten mit Blockaden bereits 28 Abschiebungen verhindert haben.

In einer dritten Geschichte fällt die Annäherung besonders schwer: Der Flüchtling kritisiert leere Menschenrechtsversprechen und muss nach erlittener Folter mit sich ringen, bis er Freundschaft und Unterstützung annehmen will. Eine Frau, die ihn unterstützen will, wird durch die Begegnung mit ihrer eigenen Biografie konfrontiert: Als Kind flüchtete sie selbst, später war sie Übersetzerin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Dies macht die jetzige Anwältin zu einer Art Whistleblowerin für behördlichen Rassismus: Ihre Rolle ist die vielschichtigste in diesem Stück.

»Asyl-Dialoge« besteht aus Wortfetzen, Gedankenspielen, ­direkten Gesprächen. Der gesamte Wortlaut stammt aus Interviews, die die Theatermacher mit sechs realen Personen führten und zu einer Collage arrangierten. Die pointierte, aber wortgetreue Wiedergabe irritiert, ermöglicht aber zugleich eine ungewöhnlich intensive Teilhabe am einzelnen Schicksal.

Es ist das zweite Stück der »Bühne für Menschenrechte«, die mit ihrem ebenfalls dokumentarischen Theaterstück »Asyl-Monologe« bereits mehr als 260 Mal überall in Deutschland auftrat. Ähnliches ist nun für die »Dialoge« geplant, die im Januar im Heimathafen Neukölln Premiere feierten. Dank der reduzierten Inszenierung kann an nahezu jedem Ort gespielt werden, ob in einem Theater oder in einer Turnhalle.

Die Rollen werden von verschiedenen, professionellen Schauspielern übernommen, die an verschiedenen Orten in ganz Deutschland leben. Dem Ensemble gehören viele nicht-weiße Schauspieler an, was zur Glaubwürdigkeit und Wirkung des Stücks beiträgt.

»Ihr möget nie wissen, was ein Krieg ist«, sagt Rajana, deren Erinnerung von Traumata überlagert scheint. Sie kann sich kaum an den Alltag in Tschetschenien vor dem Krieg erinnern. Ihr Mann erinnert sich hingegen an Wochenendausflüge und Feiertage, die sie in der Natur verbrachten. Von Normalität berichten alle Protagonisten. Sie werden nicht auf ihr Leid reduziert.

Die Misshandlung und Folter im bulgarischen Asylgefängnis, rechtsextreme Übergriffe in Griechenland oder die menschenverachtende Gleichgültigkeit deutscher Behörden – all das bekommt Raum, aber ohne die Biografie der Flüchtlinge auf Gewalt und Leid zu verdichten. Voyeurismus wird nicht bedient.

Die Regie-Entscheidung, die Unterstützer ebenso wie die Flüchtlinge zu Wort kommen zu lassen, ist gelungen. Es ist spannend zu betrachten, was die Begegnung bei ihnen auslöst: Sie lernen die Flüchtlinge unvoreingenommen kennen, handeln entschlossen und einfühlsam und sind doch immer wieder mit der eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert: »Einmal ist ein Flugzeug über uns geflogen.

Rajanas Tochter fing an zu heulen und sich zu ducken. Da habe ich gedacht, was weiß ich eigentlich alles nicht?«, sagt Anna, die Rajana und ihrer Familie doch eigentlich so nah sein will. Zugleich aber steht sie selbst neben sich: »Ich hatte in meinem Kopf überhaupt nicht realisiert, dass Flüchtlinge, für die wir eine Willkommenskultur aufbauen, dass die abgeschoben werden!« Die sonst nicht naiv anmutende Anna wirkt unbedarft, als sie zum ersten Mal persönlich mit der deutschen Asylpolitik zu tun hat.

Im Anschluss an jede Aufführung gibt es Gespräche mit ­Aktivisten. Es ist unübersehbar, wie dringlich das Thema ist. Seit die »Bühne für Menschenrechte« ihre Arbeit begann, ist viel passiert: Mit den wochenlangen, von der NPD unterstützten Protesten gegen ein Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf und den »Pegida«-Demonstrationen offenbarte sich erneut das Ausmaß an feindseliger, rassistischer Ablehnung, das die Mitte der deutschen ­Gesellschaft hegt.

Tabus fielen: An zahllosen Orten sind Asyl-Unterkünfte am massiven Protest gescheitert oder gar vor ihrer Eröffnung abgebrannt. All das will Regisseur Ruf in den »Asyl-Dialogen« bewusst nicht verhandeln: »Ich will die ­wenige Zeit nutzen, um eine eigene Agenda, einen eigenen ­Diskurs anzustoßen und dabei auch nicht auf die irrsinnigen ­Pegida-Argumente antworten müssen.«

Das gelingt. Die ausgewählten Geschichten geben einen ­vielschichtigen und inspirierenden Einblick, der einen anderen Horizont aufzeigt. Höchst authentisch spiegelt das Stück die aktuellen Schicksale und Fallstricke deutscher und europäischer Asylpolitik wider und verleiht etwa der Dublin-Verordnung ihr wahnwitziges Antlitz, das sich auf dem Papier oder in Statistiken nur erahnen lässt.

Der Autor ist Volontär des Amnesty Journals.

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