Amnesty Journal Syrien 23. November 2012

Teilen und überwachen

Für die Verbreitung von Bildern und Informationen über den Aufstand in Syrien spielen die neuen Medien eine zentrale Rolle. Aber auch die Geheimdienste haben auf diese Entwicklung reagiert.

Von Larissa Bender

Ein junger Syrer wird in einem Vorort von Damaskus an einer Straßensperre angehalten. Der Soldat schaut in den Wagen auf den Beifahrersitz und fragt: »Was ist das?« »Ein Laptop.« »Hat der auch Facebook?« »Nein.« »Dann können Sie weiterfahren.«

Solche und ähnliche Witze kursierten im Frühjahr 2011 unter syrischen Aktivisten und Intellektuellen über die Unwissenheit einfacher Soldaten und die Angst des Regimes vor einer neuen Macht namens Facebook. Es war eine Zeit, in der die Aktivisten noch davon überzeugt waren, dass nach dem tunesischen und dem ägyptischen Regime auch das syrische mit friedlichen und kreativen Protestaktionen und Demonstrationen für Freiheit und Menschenwürde in die Knie gezwungen werden könnte. Schließlich hatte Baschar al-Assad die ersten »Reformen« angekündigt, und dazu gehörte Anfang Februar 2011 auch die Aufhebung des Verbots von Facebook, Twitter und Youtube.

Wenngleich viele Syrer das Verbot zu umgehen gewusst hatten, stieg die Anzahl der Facebook-Accounts nach der Aufhebung rapide an. Nach einer Statistik des »Arab Social Media Report« wurden in Syrien zwischen Januar und Juni 2012 1.276.112 neue Facebook-Nutzer registriert, wobei gerade Mal ein Fünftel der Bevölkerung über einen Zugang zum Internet verfügt. Auch die User-Zahlen für Twitter gingen in die Höhe.

Doch die Aufhebung des Facebook-Verbots war keineswegs ein Schritt in Richtung Reformen, sondern hatte vielmehr die Überwachung der syrischen Nutzer zum Ziel. Dies belegen die zahlreichen Vorfälle, bei denen ­Aktivisten nach ihrer Verhaftung während des Verhörs ihre Internetaktivitäten inklusive ihrer Facebook-Einträge vorgelegt wurden. Auch die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek schreibt in ihrem ­Tagebuch über die syrische Revolution unter dem Titel »Schrei nach Freiheit«, wie ihr von einem Geheimdienstler telefonisch gedroht wurde: »Mach dein Facebook zu, sonst komm ich und bombardiere deine Wohnung und das ganze Haus mit einer Kanone, die euch alle vom Erdboden verschwinden lässt!«

Massoud Akko, Journalist und Vorstandsmitglied des im Februar 2012 neu gegründeten alternativen syrischen Journalistenverbandes, ­erklärt: »Es gibt eine sogenannte ›Geheimdienstabteilung für Informationen‹, die das Internet in Syrien überwacht. Sie untersteht dem Militärischen Geheimdienst. Diese Abteilung beobachtet nahezu alles, was auf Facebook veröffentlicht wird, ganz besonders von bedeutenden Aktivisten. Wenn ihnen ein solcher Aktivist in die Hände fällt, fordert man ihn auf, seinen Facebook-Account zu öffnen, genauso den Skype- und den E-Mail-Account. Man will alles wissen, was dieser Mensch im Internet geschrieben und zu wem er Kontakt hat.«

Eine spezielle Überwachungstechnik wurde übrigens von Siemens geliefert, wie das Fernsehmagazin »Fakt« im April dieses Jahres berichtete. Erst seit Januar 2012 unterliegt der Export von Internet-Überwachungstechnik laut »Fakt« einem Embargo.

Die syrischen Aktivisten verbreiteten schon bald keine Aufrufe mehr zu Demonstrationen über Facebook, weil sie rasch festgestellt hatten, dass der Geheimdienst in diesen Fällen noch vor ihnen an Ort und Stelle war. Dennoch ist Facebook für sie trotz der Gefahren das wichtigste Medium zur Verbreitung von Informationen über die Entwicklung der syrischen Revolution und für den Kontakt zwischen Syrern im Inland und im Ausland.
Die erste Anlaufstelle im Internet für Aktivisten vor Ort, die die Revolution visuell dokumentieren, ist gleichwohl die Website von Youtube, sagt Amer Mattar, syrischer Journalist und Mitbegründer der Organisation »Al-Scharia (Die Straße) für Medien und Entwicklung«, der seit Frühjahr dieses Jahres Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung ist.

Obwohl internationale Medien in Syrien nicht unabhängig arbeiten können und offiziell einreisende Journalisten nur an bestimmte Orte geführt und rund um die Uhr überwacht werden, ist die syrische Revolution so gut dokumentiert wie kaum ein anderes Ereignis der vergangenen Jahre. Von jeder Demonstration, von jeder Kundgebung und noch so kleinen Protestaktion werden mit Handys oder kleinen Kameras heimlich und unter Lebensgefahr kurze Filmchen aufgenommen. Manchmal können sie direkt ins Netz geladen werden, manchmal finden sie über Aktivisten-Netzwerke und kleine Produktionsgesellschaften, die kurz nach Beginn der syrischen Revolution entstanden sind, ihren Weg ins Ausland und werden erst dort auf Youtube geladen. Über Facebook und die internationalen Medien gelangen sie dann an die Öffentlichkeit. Auf diese Weise lässt sich die syrische Revolution über Youtube und Facebook fast in Echtzeit verfolgen.

Um den Aktivisten beim Kampf um die Medienhoheit nicht das Feld zu überlassen, entstand auf Regime-Seite die sogenannte »Syrische Elektronische Armee«, deren Aufgabe es sei, so Amer Mattar, Facebook-Accounts oder Websites zu hacken oder auch gefälschte Videos in Umlauf zu bringen. Viele Facebook-Seiten von Aktivisten wurden von der Elektronischen Armee angegriffen, und selbst die Nachrichtenagentur Reuters wurde Opfer von Pro-Regime-Hackern, die dort falsche Nachrichten verbreiteten, um den syrischen Aufständischen zu schaden.

Je gewalttätiger der Kampf in Syrien geführt wird und je mehr sich die syrische Bevölkerung von der Weltöffentlichkeit im Stich gelassen fühlt, desto brutaler werden auch die von den Aktivisten ins Netz gestellten Aufnahmen: Opfer von Angriffen sind unverpixelt zu sehen, verstümmelte Leichen, grausam verletzte Erwachsene und Kinder, offene Massengräber. Auf die Frage, ob durch solche Bilder nicht die Menschenwürde der Aufgenommenen verletzt werde, entgegnet Amer Mattar: »Es ist sicher nicht grausamer als die Menschen zu bombardieren. Außerdem sind es ja die Familien der Opfer selbst, die das filmen, weil sie wollen, dass diese Bilder wahrgenommen werden.«
Facebook und Youtube stellen für viele Syrer angesichts der Hoffnungslosigkeit der Situation mittlerweile den Strohhalm dar, an den sie sich klammern. Die Anzahl der von Syrern gegründeten Facebook-Gruppen ist nicht mehr überschaubar.

Aber auch zur Diffamierung von politischen Gegnern eignet sich das Medium. So wurde kurz nach Beginn der Revolution eine Facebook-Gruppe gegründet, die bekannte Regimeunterstützer auf eine »Liste der Schande« setzte. Die gegenseitigen Diffamierungen im Netz gingen so weit, dass die syrische Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan auf ihrer Seite postete: »All diese wütenden Kriege auf Facebook machen uns noch unfähiger und führen dazu, dass wir uns gegenseitig noch mehr hassen. Das Regime stürzt nicht mithilfe des blauen Facebook-Fensters!«

Die Autorin ist Arabisch-Übersetzerin und Journalistin.

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