Amnesty Journal Kolumbien 21. März 2018

Wachsam für den Frieden

Portrait von Soraya Gutiérrez Argüello

Die Anwältin Soraya Gutiérrez Argüello setzt sich in ­Kolumbien für die Opfer des Bürgerkriegs ein.

Von Sara Fremberg

Als Soraya Gutiérrez Argüello im vergangenen Sommer vor das Verfassungsgericht in Bogotá trat, war es still im Saal. Detailliert trug die 50-jährige Frau mit den furchtlosen dunklen Augen ihre Empfehlungen zu einem Gesetz vor, auf dessen Grundlage das neue, im Friedensvertrag vereinbarte "Integrale System für Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung" eingerichtet werden soll.

Eindringlich und resolut vertrat sie an diesem Tag die Anliegen und Erwartungen, die sie mit vielen Betroffenen des jahrzehntelangen Konflikts teilt: Seit mehr als drei Jahrzehnten setzt sie sich unter Lebensgefahr für die Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien ein.

Soraya Gutiérrez wurde im August 1967 in der Kleinstadt ­Sogamoso in der Provinz Boyacá geboren. Die Tochter einer ­Gewerkschafterin und eines Abgeordneten begann ihr Engagement während ihres Jurastudiums an der Universität von Bogotá. Gemeinsam mit Kommilitonen gründete sie ein Komitee, das die Öffentlichkeit über Menschenrechtsverletzungen in ­Kolumbien informierte. Dabei arbeitete sie mit verschiedenen Menschenrechtsorganisationen zusammen, so auch mit dem Anwaltskollektiv CAJAR (Colectivo de Abogados "José Alvear ­Restrepo"). 1991, ein Jahr nach ihrem Universitätsabschluss, stieg sie bei CAJAR ein.

Seitdem vertritt Soraya Gutiérrez Opfer von Menschenrechtsverbrechen und begleitet unter anderem den laufenden Friedensprozess. Das Ende 2016 geschlossene Abkommen mit der inzwischen aufgelösten FARC-Guerilla ist ein erster wichtiger Schritt gegen die anhaltende politische Gewalt in Kolumbien. Derzeit erarbeitet und kommentiert sie im Rahmen der Umsetzung des Vertrags Gesetzentwürfe und nimmt dabei ­unter anderem an Anhörungen vor dem Verfassungsgericht teil. Auch hier setzt sie sich vor allem dafür ein, dass die Opfer angemessen in den Prozess eingebunden werden und ihre Anliegen Gehör finden.

Ein harter Kampf, wie auch ihr Auftritt vor dem Verfassungsgericht in Bogotá im Juli 2017 zeigte: Dort diffamierte ein früherer General Menschenrechtsorganisationen als Verbündete der Guerilla, die einen "juristischen Krieg" gegen die Streitkräfte führen würden. In einem Land, in dem 2017 mehr als 100 Menschenrechtsverteidiger ermordet wurden, diskreditieren solche Behauptungen nicht nur die Menschenrechtsarbeit, sie stellen auch eine offene Drohung dar.

2003 überlebte Soraya Gutiérrez ein Attentat, 2005 erhielt sie ein Paket mit einer zerstückelten und halbverbrannten ­Barbie-Puppe ohne Kopf – ihre Tochter war damals sieben Jahre alt. Es folgten Umzüge und erhöhter Personenschutz, auch auf Druck von Amnesty International. Seitdem gab es immer wieder Drohungen gegen sie und ihre Familie. Wenige Tage nach dem Termin beim Verfassungsgericht 2017 hinterließen Un­bekannte auf dem Dach ihres Autos eine Puppe. Eine erneute Warnung.

Wachsamer denn je bewegt sie sich seitdem auf den Straßen Bogotás. Zeit für Angst um sich selbst hat sie nicht. Alpträume bereitet ihr nur die Sorge um ihre inzwischen erwachsene ­Tochter. Doch deren Zukunft ist es auch, die sie motiviert.

"Ich sehe meine Arbeit als Lebensaufgabe, der ich mich mit ­ganzem Herzen verpflichtet fühle. Und ich glaube daran, dass wir etwas bewegen können", sagt Soraya Gutiérrez. "Dieser ­Friedensprozess ist unsere Chance, echte Veränderungen zu ­erreichen." 

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