Aktuell Mosambik 17. Mai 2021

Mosambik: Offenbar rassistische Diskriminierung bei Evakuierung nach „Al-Shabaab“-Angriff

Das Bild zeigt mehrere Menschen hinter einen Absperrung, die warten

Angehörige warten am 31. März 2021 am Flughafen der mosambikanischen Stadt Pemba auf gerettete Personen aus Palma, die im Rahmen einer Rettungsaktion ausgeflogen wurden. Mitglieder der bewaffneten Gruppierung "Al-Shabaab" hatten die Stadt wenige Tage zuvor angegriffen.

Nach dem bewaffneten Angriff der islamistischen "Al-Shabaab"-Miliz am 24. März 2021 in Palma, Mosambik, wurden weiße Vertragsarbeiter_innen bei der anschließenden Evakuierung durch eine private Sicherheitsfirma gegenüber Schwarzen Mosambikaner_innen bevorzugt. Das berichteten Überlebende gegenüber Amnesty International. Schwarze Einheimische mussten mit Autos zu fliehen und gerieten dabei erneut in die Hände der Miliz.

Überlebende eines Angriffs der bewaffneten Gruppe Al-Shabaab in der mosambikanischen Region Cabo Delgado berichteten Amnesty International, dass weiße Unternehmer_innen bei den Rettungsversuchen Vorrang hatten vor Schwarzen Mosambikaner_innen. Diese verstörenden Angaben lassen auf rassistische Diskriminierung bei den Rettungseinsätzen schließen. 

Nach Beginn des Angriffs auf die Stadt Palma am 24. März flohen geschätzte 220 Zivilpersonen in das Amarula-Hotel in Palma. Darunter befanden sich etwa 200 Schwarze Einheimische und ungefähr 20 weiße Beschäftigte von Vertragsunternehmen. An den darauffolgenden Tagen rettete die private südafrikanische Sicherheitsfirma Dyck Advisory Group (DAG) einige Menschen aus dem Hotel.

Augenzeug_innen berichten über rassistische Diskriminierung in der Entscheidung darüber, wer aus dem Amarula-Hotel evakuiert werden sollte.

Deprose
Muchena
Regionaldirektor für das südliche Afrika bei Amnesty International

Dabei wurden die weißen Unternehmer_innen priorisiert und die meisten Schwarzen Menschen zurückgelassen. Nachdem die meisten weißen Menschen und eine Handvoll wohlhabende Schwarze – darunter der Stadtverwalter von Palma – mit dem Hubschrauber aus dem Hotel gerettet worden waren, versuchten die Zurückgelassenen, mit Fahrzeugen zu fliehen. Sie wurden jedoch sofort von Al-Shabaab-Kämpfer_innen angegriffen.

Deprose Muchena, Regionaldirektor für das südliche Afrika bei Amnesty International, sagte: "Augenzeug_innen berichten über rassistische Diskriminierung in der Entscheidung darüber, wer aus dem Amarula-Hotel evakuiert werden sollte. Die Vorwürfe, dass der Rettungsplan auf rassistisch motivierter Diskriminierung beruhte und weiße Personen ganz offensichtlich bevorzugt behandelt wurden, sind alarmierend. Die absolut unzureichende Zusammenarbeit zwischen den mosambikanischen Sicherheitskräften und der DAG führte zu von Rassismus geprägten Evakuierungen, die angemessen untersucht werden müssen."
 

Amnesty-Tweet zur Rettungsaktion in Palma, Mosambik:

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Angriff auf Palma

Die Kämpfe in der Hafenstadt Palma folgten einem ähnlichen Muster wie frühere Angriffe durch Al-Shabaab, die Amnesty International untersucht hat: Nach Beginn des Angriffs konnten die mosambikanischen Sicherheitskräfte die Zivilbevölkerung nicht beschützen und flohen, woraufhin DAG-Angehörige auf eigene Faust agierten. 

Amnesty International führte Interviews mit elf Menschen, die in das Amarula-Hotel geflohen waren, darunter auch fünf Personen, die später den Anschlag auf den Fahrzeugkonvoi überlebten. Sie alle gaben an, dass der Hotelmanager und DAG-Angehörige, die den Rettungseinsatz leiteten, die Sicherheit der weißen Unternehmer_innen über die der Schwarzen Einheimischen stellten.

Den Überlebenden sei ursprünglich den Eindruck vermittelt worden, dass die Hubschrauberevakuierung sich primär auf Frauen, Kinder und Menschen mit Behinderungen konzentrieren würde. Diese Vorgehensweise wurde in den darauffolgenden Tagen jedoch offensichtlich nicht eingehalten.

Ein Überlebender berichtete Amnesty International: "Ungefähr 220 Personen saßen in dem Hotel fest – wir [Schwarze Menschen] waren in der Mehrzahl, zusammen mit etwa 20 Weißen. Nach dem Rettungseinsatz waren noch ungefähr 170 Überlebende übrig. Die meisten Weißen waren mit dem Hubschrauber gerettet worden, bevor wir das Hotel mit Fahrzeugen verließen."

Ein anderer Überlebender sagte: "Wir wollten nicht, dass alle Weißen gerettet werden, denn wir wussten, sobald alle Weißen fort waren, würden wir dort unserem Schicksal überlassen werden. Wir hörten, wie sie darüber sprachen, alle Weißen mitzunehmen und die Schwarzen zurückzulassen."

Mehrere Augenzeug_innen gaben an, dass der Manager des Amarula-Hotels die chaotische Lage ausnutzte, um seine beiden Schäferhunde im Hubschrauber eines weiteren Privatunternehmens mitzunehmen, während Menschen zurückgelassen wurden.

Ein Überlebender berichtete: "Wenn die Hunde nicht mitgekommen wären, hätten noch zwei oder drei weitere Personen in den Hubschrauber gepasst. Das fanden wir entsetzlich, weil wegen der Hunde einige Frauen nicht in den Hubschrauber steigen konnten."

Die Hubschrauber konnten jeweils sechs Personen befördern und flogen insgesamt viermal hin und her. 
"Die verängstigten Menschen wussten, dass die bevorzugte Rettung der weißen Personen bedeutete, dass man sie alleine in den Fängen von Al-Shabaab zurücklassen würde", sagte Deprose Muchena.

"Es ist zudem äußerst schockierend, dass der Hotelmanager sich für seine Hunde und gegen die Rettung von Menschenleben entschied. Dies ist eine weitere Ausprägung der Missachtung menschlichen Lebens, die im Konflikt in der Region Cabo Delgado seit seinem Ausbruch zu beobachten ist."

Konvoi-Überfall aus dem Hinterhalt

Nachdem die Hubschrauber abgeflogen waren, beschlossen die Zurückgebliebenen es zu riskieren, das Hotel in einem Fahrzeugkonvoi zu verlassen. Ihr Ziel war der Quelinde-Strand, um von dort mit dem Boot nach Afungi zu gelangen. Sie wurden allerdings sofort von Al-Shabaab-Mitgliedern aus dem Hinterhalt überfallen.

Ein Überlebender berichtete Amnesty International: "Die Aufständischen begannen zu schießen, als sie die Wagen aus dem Hotel kommen sahen. Die Straße war voller Löcher, die gegraben worden waren, um sie unbefahrbar zu machen."

Ein weiterer Überlebender führte aus: "Sie schossen auf unseren Wagen; [er] überschlug sich. Ich wurde verletzt, fast wurde mein Kopf von der Bazooka getroffen. Wir verließen die Straße und hielten uns sechs Tage lang im Wald auf, ohne Nahrungsmittel und Trinkwasser. Es gelang uns, den Strand zu erreichen und mit dem Boot nach Afungi zu fahren, wo wir Hilfe bekamen."

Dann wurden Überlebende in zwei Bootsfahrten von Quelinde nach Afungi transportiert. Im ersten Schwung gingen etwa 60 Menschen an Bord, unter ihnen alle übrigen weißen Unternehmer_innen; am nächsten Tag kam das Boot zurück und nahm ungefähr 70 Schwarze Personen mit.

Überlebende teilten Amnesty International mit, dass es zwischen den mosambikanischen Sicherheitskräften und der DAG Meinungsverschiedenheiten darüber gegeben habe, wer für die Rettung der Menschen verantwortlich sei. Aufgrund dieser mangelnden Verständigung waren die überlebenden Zivilpersonen angesichts der Bedrohung durch Al-Shabaab faktisch auf sich alleine gestellt und mussten aus Angst um ihr Leben fliehen.

"Wieder einmal hat der unmenschliche Ansatz der mosambikanischen Behörden und der DAG in dem Konflikt von Cabo Delgado unsagbares Leid verursacht", sagte Deprose Muchena. "Obwohl es in der Vergangenheit bereits zu ähnlichen Angriffen durch Al-Shabaab gekommen war, ist dies – soweit uns bekannt – das erste Mal, dass ein Rettungseinsatz durchgeführt wurde. Und dies geschah offenbar nur deshalb, weil weiße Mitarbeitende von Vertragsunternehmen in Gefahr waren.Wenn Menschen während eines bewaffneten Angriffs lediglich aufgrund ihrer Hautfarbe im Stich gelassen werden, so ist das Rassismus und verstößt gegen das Gebot zum Schutz von Zivilpersonen. Und das muss Konsequenzen haben."

Stellungnahme des Verteidigungsministeriums

In einem Treffen mit Amnesty International am 7. Mai sagten Vertreter_innen des mosambikanischen Verteidigungsministeriums, dass sie nur Rettungseinsätze kommentieren könnten, die ihre eigenen Truppen in Cabo Delgado durchgeführt hätten. Sie erklärten zudem, dass ethnische Zugehörigkeit bei den vom Verteidigungsministerium ergriffenen Maßnahmen keine Rolle spiele.

Neue Satellitenaufnahmen

Amnesty International hat Zugang zu exklusiven Satellitenaufnahmen vom 1. April, auf denen das Ausmaß der Zerstörung infolge des Angriffs auf Palma, der bis zum 31. März andauerte, zu sehen ist. Ins Visier genommen wurden hauptsächlich Regierungseinrichtungen und die öffentliche Infrastruktur, weniger Privatwohnungen.

Am 9. April ist auf Satellitenaufnahmen zu sehen, dass seit dem 1. April 33 weitere Gebäude – allem Anschein nach Wohngebäude – zerstört wurden. Am 1. April hatten die mosambikanischen Sicherheitskräfte Berichten zufolge die Kontrolle über die Region wiedererlangt. Insgesamt waren 85 Gebäude sichtbar beschädigt, und es handelte sich dabei wahrscheinlich um Feuerschäden. 

Dies deckt sich mit früheren Rechercheergebnissen von Amnesty International, die darauf hindeuten, dass die mosambikanischen Sicherheitskräfte nach dem Rückzug von Al-Shabaab Vergeltungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung durchführen.

Konflikt in Cabo Delgado

Cabo Delgado leidet seit Jahrzehnten unter Vernachlässigung und Unterinvestition, und diese Probleme wurden durch Naturkatastrophen und die Verbreitung von Covid-19 in der Region noch verstärkt. Die Region verfügt über große Vorkommen an Erdgas, Rubinen, Grafit und Holz, was internationale Unternehmen dazu veranlasst, für den Zugang zu diesen Ressourcen in Wettbewerb zu treten. Die Kämpfe in der Region haben sich seit dem Angriff von Al-Shabaab auf die Hafenstadt Mocímboa da Praia im Oktober 2017 intensiviert.

In einem vor Kurzem erschienenen Bericht hat Amnesty International aufgedeckt, dass in Cabo Delgado Hunderte Zivilpersonen von Al-Shabaab-Mitgliedern, Sicherheitskräften und der DAG rechtswidrig getötet wurden. Amnesty fordert die umgehende Untersuchung dieser Tötungen, bei denen es sich um Kriegsverbrechen handeln könnte.

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